50 Jahre für Umweltschutz in Ötigheim

Ötigheim (as) – Der Verein für Umweltschutz und Landschaftspflege (VUL) Ötigheim war 1971 ein Vorreiter in der Region. Er hat in 50 Jahren viel bewirkt – und noch einiges vor.

Beispiel für gelungene Renaturierung: In der Schlut Strietwald blüht die Wasserfeder. Foto: VUL Ötigheim

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Beispiel für gelungene Renaturierung: In der Schlut Strietwald blüht die Wasserfeder. Foto: VUL Ötigheim

Umweltschutz war 1971 für viele noch ein Fremdwort – auch wenn die negativen Auswirkungen der Wohlstandsgesellschaft schon vor 50 Jahren sichtbar waren. Doch wer sich dem Umweltgedanken verschrieben hatte, der wurde gerne geringschätzig als „Öko“ tituliert. In diesem Zeitgeist gehörte „schon eine Portion Mut dazu, in einem Dorf mit circa 3.400 Einwohnern einen Umweltschutzverein zu gründen“, erinnert August Wieland an die Anfänge des ersten Umweltschutzvereins in der Region, dem Verein für Umweltschutz und Landschaftspflege Ötigheim (VUL).

Eine Gruppe um den jungen Forstwirt Klaus Kölmel sah Handlungsbedarf – zu einer Zeit, als es die großen Umweltverbände NABU oder BUND noch gar nicht gab, denen man sich als Ortsverband hätte anschließen können. „Aber Hippies waren wir nie“, betont Wieland, seit 1992 VUL-Vorsitzender. Er sieht die 205 Mitglieder vielmehr seit 50 Jahren im Dienst der Natur unterwegs. Heute würde man wohl anerkennend von Umwelt- oder Klimaaktivisten sprechen – denn diesbezüglich hat sich der Zeitgeist stark verändert.

Schon in den 1970er-Jahren führt der Verein für Umweltschutz und Landschaftspflege in Ötigheim Waldputzaktionen durch. Foto: VUL Ötigheim

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Schon in den 1970er-Jahren führt der Verein für Umweltschutz und Landschaftspflege in Ötigheim Waldputzaktionen durch. Foto: VUL Ötigheim

Die Themen allerdings ähneln wieder denen von 1971, stellt der VUL-Vorsitzende ernüchtert fest: Biotopvernetzung, wilde Müllablagerungen, Erhalt von Streuobstwiesen und Feldhecken – damit hat der Verein sich schon in den Anfangsjahren beschäftigt. Auch Waldputzaktionen wurden damals bereits initiiert – und ähnlich wie heute anhängerweise Müll gesammelt.

Umweltpolitische Aktivitäten

Doch auch auf der politischen Ebene war der Verein aktiv: Bei den Behörden wurden Vorschläge zur Verbesserung der Wasserqualität des Federbachs sowie Stellungnahmen gegen die damals geplante Verlegung der B36 ins Tiefgestade eingereicht. Auch die Planung einer Altölverbrennungsanlage im Brufert (ungefähr da, wo heute die Rastatter Kläranlage steht) stieß beim VUL auf Widerstand. „Die hatten schon ganze Aktenordner an Material dagegen gesammelt“, weiß Wieland aus Erzählungen. Denn er selbst zog erst 1988 nach Ötigheim, ist aber seitdem schon im Verein aktiv.

In den 1980er Jahren standen die politischen Auseinandersetzungen gegen eine Straße durch den Ötigheimer Wald und gegen eine Müllverbrennungsanlage in Bietigheim im Mittelpunkt der umweltpolitischen Aktivitäten des Vereins. Die gingen durchaus auch über den regionalen Tellerrand hinaus: Gegen die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke 2010 und 2011 beispielsweise haben VUL-Mitglieder in Neckarwestheim und Philippsburg protestiert. Auch an den Klima-Demos von Fridays4Future haben Vereinsmitglieder schon teilgenommen. Seitdem die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels auch vor Ort spürbar sind, erfahre auch der VUL wieder einen Mitgliederzuwachs, berichtet der Vorsitzende – „wie in der Vergangenheit immer in akuten Bedrohungslagen“.

Einsatz für erneuerbare Energien

Dabei ist auch dieses Thema für den VUL kein neues. Seit den 1990er Jahren setzt der Verein sich beispielsweise für die Nutzung erneuerbarer Energien ein. „So sind die erste solare Warmwasseranlage und die erste Solarstromanlage auf kommunalen Gebäuden in Ötigheim auf Anregungen des Vereins zurückzuführen“, betont Wieland.

Überhaupt konzentriert der VUL seine Landschafts- und Umweltschutzinitiativen bis heute auf das Telldorf. Zahlreiche Projekte wurden seit 1971 auf den Weg gebracht – und 345.000 Euro in Natur- und Landschaftspflegemaßnahmen in Ötigheim investiert, berichtet Wieland stolz. Möglich wurde das dank Fördergeldern, die der Verein beispielsweise immer wieder vom Regierungspräsidium Karlsruhe erhält. Denn aus Eigenmitteln könnte man das nicht stemmen – bei einem Jahresbeitrag von zwölf Euro für Erwachsene beziehungsweise 18 Euro für Familien/Partnerschaften.

Mehrere Auszeichnungen

Für sein vielfältiges Engagement hat der VUL bereits mehrere Preise erhalten – mehrfach den Umweltpreis der Gemeinde Ötigheim und 2008 den Landesnaturschutzpreis von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg für die Zusammenarbeit mit Landwirten bei der ökologischen Wiesenmahd. Langfristige, nachhaltige Naturschutzarbeit steht für die Vereinsmitglieder im Mittelpunkt ihrer Arbeit. „Wir wollen nicht ständig etwas Neues anfangen, sondern lieber das Begonnene kontinuierlich fortführen“, betont Wieland auf die Frage nach künftigen Projekten. Schließlich müsse die Arbeit auch zu stemmen sein. Dennoch hat der VUL mit dem Aufhängen von Nistmöglichkeiten für Steinkäuze dieses Jahr ein neues Projekt gestartet.

Eine weitere botanische Rarität findet sich im Ötigheimer Kampelsried: Der Langblättrige Ehrenpreis. Foto: VUL Ötigheim

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Eine weitere botanische Rarität findet sich im Ötigheimer Kampelsried: Der Langblättrige Ehrenpreis. Foto: VUL Ötigheim

Ansonsten werden rund 1,5 Hektar Streuobstwiesen durch Baumschnitt, Mähen und Nachpflanzungen gepflegt. Der Verein vermittelt auch die kostenlose Verpachtung von Streuobstwiesen. Auf Initiative des VUL wurden zudem fünf Hektar Feuchtwiesen rekultiviert. Im Naturschutzgebiet „Auwälder und Feuchtwiesen westlich von Ötigheim“ erhält der VUL artenreiche Feuchtwiesen. Zudem kümmern sich die VUL-Mitglieder bei jährlichen Arbeitseinsätzen um die botanischen Raritäten Sandgrasnelke und Langblättriger Ehrenpreis. Zehn Feldholzinseln hat der Verein angelegt, zudem 26 Flachwasserbiotope durch Vertiefen verlandeter Schluten des Federbachs. Rund 250 Nisthilfen für Fledermäuse, Vögel und Insekten wurden ausgebracht, Eisvogelbrutplätze geschaffen und eine Schmetterlingswiese für den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling im Naturdenkmal Kampelsried wird vom Verein regelmäßig gepflegt.

Schutzgebiet auf der Hardt gewünscht

Dafür sucht man stets Mitwirkende, die Spaß an der Arbeit in der Natur haben. Denn es gibt zwar auf dem Papier 205 Mitglieder, doch „helfende Hände sind teils rar“, sagt Wieland.

Dabei geht die Arbeit nicht aus, wie der VUL-Vorsitzende feststellt. Der Flächenfraß und zunehmender Verkehr durch Gewerbeansiedlungen und -erweiterungen sowie die rege private Bautätigkeit bereiten Sorgen. „Dabei ist freie, unverbaute Landschaft ein Qualitätsmerkmal für einen Wohnort und wichtig für Trinkwasserbildung, saubere Luft und ein ausgeglichenes Lokalklima“, betont Wieland. Dazu hätte der Verein auch einen „Geburtstagswunsch“: Ein Landschaftsschutzgebiet auf der Hardt zwischen B3 und B36 neu, um Eingriffen in die Natur durch den Bau von Schnellbahntrasse und B36 neu entgegenzuwirken.

Der Große Wiesenknopf, Wirtspflanze des Dunkler-Wiesenknopf-Ameisenbläulings, wird in Ötigheim besonders gepflegt. Foto: VUL Ötigheim

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Der Große Wiesenknopf, Wirtspflanze des Dunkler-Wiesenknopf-Ameisenbläulings, wird in Ötigheim besonders gepflegt. Foto: VUL Ötigheim

Grundsätzlich sieht August Wieland aber jeden Einzelnen gefordert, wenn es um Umwelt- und Klimaschutz geht. Durch Exkursionen und Öffentlichkeitsarbeit will der Verein weiterhin auch dafür das Bewusstsein schärfen. Sehr positiv findet er die vielen Aktivitäten, die dazu auch die MÖBS-Gemeinden Muggensturm, Ötigheim, Bietigheim und Steinmauern aufgelegt haben – von „MÖBS räumt auf“ über Baumpflanzaktionen und -patenschaften bis zu „MÖBS blüht auf“. Bürgermeister Frank Kiefer attestiert er ein offenes Ohr für die Themen des Vereins. Und stellt insofern im Vergleich zu 1971 doch einen Wandel fest: Umweltpolitik sei mittlerweile auch auf der kommunalen Ebene angekommen. Dass das so bleibt, dafür will der Verein sich auch weiterhin mit aller Tatkraft einsetzen.

Bei Arbeitseinsätzen pflegen VUL-Mitglieder die Standorte der seltenen Sandgrasnelke in Ötigheim. Foto: VUL Ötigheim

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Bei Arbeitseinsätzen pflegen VUL-Mitglieder die Standorte der seltenen Sandgrasnelke in Ötigheim. Foto: VUL Ötigheim

Das 50-jährige Bestehen feiert der Verein für Umweltschutz und Landschaftspflege Ötigheim (VUL) am Sonntag, 7. November, 10.30 Uhr, im Geschwister-Scholl-Haus Ötigheim. Ein Ensemble des Mandolinen- und Gitarrenorchesters Ötigheim wird die Feier musikalisch umrahmen. Dr. Volker Späth präsentiert den Verein. Grußworte sprechen Ötigheims Bürgermeister Frank Kiefer, Sebastien Oser für den Landkreis Rastatt und Martin Klatt für den Landesnaturschutzverband. Es gelten die aktuellen Corona-Vorschriften.

www.vul-oetigheim.de


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