Bühls Turnvater will kürzer treten

Bühl (ket) – Gerd Lugauer und der TV Bühl gehören zusammen, keine Frage. Seit 44 Jahren trainiert der 69-Jährige die Turner des TVB, nun gibt er den Cheftrainer-Stab weiter.

Auch den turnenden Dreikäsehochs widmet sich Gerd Lugauer akribisch und konzentriert. Foto: Ketterer

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Auch den turnenden Dreikäsehochs widmet sich Gerd Lugauer akribisch und konzentriert. Foto: Ketterer

Seine Entscheidung, so sagt es Gerd Lugauer, habe er sich lange und gründlich überlegt, es war ja auch nicht einfach, sie zu treffen. 44 Jahre sind schließlich eine lange Zeit, in seinem Fall mehr als ein halbes Leben. Aber irgendwann muss nunmal Schluss sein. „Ich muss nicht mit 70 noch jeden Tag in der Turnhalle stehen“, sagt Lugauer mit ruhiger Stimme. Schon vor zwei Jahren hat er sich nach einem Nachfolger umgesehen – damals ohne Erfolg. Nun sind die Bühler Turner erneut auf der Suche nach einem neuen Cheftrainer. Gespräche mit einem geeigneten Kandidaten wurden längst geführt. Letztendlich, sagt Lugauer, müssten nur noch ein paar Details geklärt werden. Der Zeitplan, sein Zeitplan, könnte also eingehalten werden. Im Juni feiert Lugauer seinen 70. Geburtstag.

Es ist nicht nur das Ende einer Cheftrainerlaufbahn, das sich da leise anbahnt, sondern das einer Ära, zumindest für das Turnen in Bühl. Begonnen hat Lugauer diese 1976 als „zweiter Mann“, wie er das nennt, hinter Hannes Haberstroh, 2002 hat er diesen als Cheftrainer abgelöst. Wie vielen Kindern in und rund um Bühl er in dieser Zeit das Turnen beigebracht hat? „Das kann ich nicht beziffern“, sagt Lugauer. „Das geht in die Tausende“, fügt er an. Zwei davon sind seine Söhne Jens und Jan, auch Gattin Petra war eine erfolgreiche Turnerin.

Das Familienoberhaupt selbst war das nicht. Erst spät und eher durch Zufall ist Gerd Lugauer zur Turnerei gekommen, im Rahmen seines Sportstudiums. Leichtathletik und Fußball waren dem jungen Mann nicht fremd, Reck, Ringe und Barren indes schon. Zur Vorbereitung auf seine Aufnahmeprüfung wagte er sich dennoch in die Turnhalle – und blieb dort hängen. „Das Turnen hat mich sofort fasziniert. Diese Mischung aus Kraft, Ausdauer und Koordination ist einzigartig. Das gibt es in kaum einer anderen Sportart“, sagt er mit diesem schelmischen Funkeln in den Augen, das typisch für ihn ist.

„Im Grunde genommen bin ich Autodidakt“

Die Aufnahmeprüfung fürs Sportstudium hat er, der bis vor drei Jahren Sport- und Techniklehrer an der Realschule Iffezheim war, natürlich bestanden, alles andere hat er sich in der Turnhalle im Laufe der Zeit mehr oder weniger selbst angeeignet und auf diversen Lehrgängen und Fortbildungskursen verfeinert. „Im Grunde genommen bin ich Autodidakt“, sagt Lugauer.

Momentan sind es alles in allem 90 Turner, die im Training von seinem längst reichen Turn-Erfahrungsschatz profitieren, vom kleinen Dreikäsehoch bis hin zu den gestandenen Drittligaturnern. „Derzeit haben wir fünf bis sechs Schülergruppen verschiedenster Jahrgänge mit jeweils zehn bis 15 Turnern, die an unterschiedlichen Tagen trainieren“, rechnet Lugauer vor. Hinzu kommen die Turner aus der ersten und zweiten Mannschaft. Und um alle kümmert sich der 69-Jährige.

Das ist in der Tat das erste, was auffällt, wenn man Gerd Lugauer in der modernen Bühler Turnhalle, seinem Reich, besucht: Mit welcher Akribie und Sorgfalt er sich den Kleinen ebenso widmet wie den Großen. Beide, das wird schnell klar, sind ihm gleich wichtig, ganz egal, ob sie das Turn-ABC gerade erst erlernen oder es längst schon bis zur Zweitligareife gebracht haben. Und ganz genau genommen gibt es da ja auch keine Unterschiede, zumindest nicht für Lugauer, weil just jene, die mittlerweile richtige Meister ihres Fachs sind, irgendwann einmal auch als kleine Turnflöhe bei ihm angefangen haben, sogar Zahlen gibt es dafür: Als der TV Bühl vorletzte Saison geradezu sensationell und zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte in die Zweite Liga aufgestiegen ist, waren darunter sieben Turner, die ihr Turnwerk bei Lugauer erlernt haben. Kein anderer Zweitligaverein konnte so viele Eigengewächse präsentieren.

Es ist das Prinzip der Bühler Turner – und damit jenes von Lugauer: Jene, die später in den oberen Ligen für den TVB an die Geräte gehen, selbst zu entwickeln und zu formen. Sie sich quasi selbst zu backen. Acht bis zehn Kinder fangen Jahr für Jahr beim TVB das Turnen an. „Wenn davon einer oder zwei übrigbleiben, war die Arbeit erfolgreich“, sagt Lugauer. Um Zulauf beim Nachwuchs muss er sich dabei nicht sorgen. „Die Leute wissen, dass in Bühl beim Turnen was läuft. Das hat eine Eigendynamik entwickelt“, stellt Lugauer nicht ohne Stolz in der Stimme fest.

„Ich bin eher ein pädagogischer Trainer“

Das kommt nicht von ungefähr. Und auch das wird bei einem Besuch im Training schnell ersichtlich: Wie sorgsam und fürsorglich er mit den Kindern umgeht – und mit welcher Ruhe er sich ihnen widmet. Manchmal steht er nur da, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, und beobachtet. Ein anderes Mal gibt er unaufgeregt und fast leise seine Anweisungen oder Hilfestellung. Beim einen sind es die Zehen, die etwas ausgestreckter sein müssten, beim anderen der Po, der ein Stückchen weiter oben bleiben sollte. Hin und wieder kommt sogar beides zusammen.

Lugauer ist in diesen Momenten ganz Turnvater – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Denn natürlich geht es bei alledem ums Turnen. Aber es geht ihm eben auch um mehr. „Ich möchte den Kindern etwas mitgeben, das über den Sport hinaus geht“, sagt er. Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Konstanz, solche Dinge – also Werte, die nicht nur im Sport wichtig sind, sondern auch im Leben. „Ich bin eher ein pädagogischer Trainer. Nur sportliche Erfolge standen bei mir nie im Vordergrund“, sagt Lugauer. Dass ihn nichts mehr erfreut als wenn „die Augen der Kinder leuchten, wenn sie etwas Schwieriges geschafft haben oder sogar auf dem Podest stehen“, steht dazu nicht im Widerspruch, ganz im Gegenteil.

Vier Mal in der Woche (außer mittwochs) steht Turnvater Gerd in der Turnhalle, jeweils zwischen 16 und mindestens 20.30 Uhr. Hinzu kommen Wettkämpfe am Wochenende, diverse Vereinssitzungen und – natürlich – jede Menge Schreibtischarbeit, vor der auch ein Trainer nunmal nicht gefeit ist. Es ist ein Riesenjob, den er da, unterstützt von fünf Übungsleitern und Helfern, Tag für Tag abliefert. Voller Inbrunst und Hingabe, anders kann er nicht – und dass es demnächst wohl endet, hat nicht im Geringsten damit zu tun, dass er die Lust verloren hätte oder nicht mehr kann.

Wobei ein Ende im wortwörtlichen Sinn, also ein Aufhören, ohnehin nicht geplant ist. So ganz ohne Turnen geht es nunmal nicht, schon gar nicht von heute auf morgen. Eher geht es darum, den Cheftrainer-Stab rechtzeitig in gute Hände zu übergeben. „Ich werde den neuen Cheftrainer begleiten und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen“, sagt Lugauer. Und so steht eigentlich heute schon fest, dass man ihn auch mit 70 noch immer in der Turnhalle stehen sehen wird – nur eben nicht mehr jeden Tag.

Anschauungsunterricht aus erster Hand: Wenn die Großen des TV Bühl turnen, schauen die Kleinen mit staunenden Augen zu. Foto: Ketterer

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Anschauungsunterricht aus erster Hand: Wenn die Großen des TV Bühl turnen, schauen die Kleinen mit staunenden Augen zu. Foto: Ketterer

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Erstellt:
27. Februar 2020, 20:17 Uhr
Lesedauer:
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