Die letzte Chance

Baden-Baden (kli) – Geprägt von Missbrauchsgutachten und dem Outing queerer Katholiken setzt die katholische Kirche in Deutschland ihre Reformberatungen fort. Die Erwartungen sind hoch. Zu hoch?

Beim Synodalen Weg – hier ein Archivbild – kommen ab Donnerstag Bischöfe und Laien zusammen.      Foto: Arne Dedert/dpa/

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Beim Synodalen Weg – hier ein Archivbild – kommen ab Donnerstag Bischöfe und Laien zusammen. Foto: Arne Dedert/dpa/

Die katholische Kirche kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Sie steckt so tief in der Krise und berät jetzt beim „Synodalen Weg“ unter besonderer Dringlichkeit, welche Reformen nötig sind.

Das Münchner Missbrauchsgutachten mit der Anschuldigung des früheren Papstes Benedikt, die Outing-Aktion von queeren Katholiken („Out-in-Church“), die Solidaritätsaktion von Kirchenmännern, die Frauen den Zugang zum Priestertum ermöglichen wollen: Der Synodale Weg, der Reformprozess der katholischen Kirche, tagt von diesem Donnerstag an bis Samstag in stürmischen Zeiten. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger warnt vor überzogenen Erwartungen.

Die Positionen liegen klar auf dem Tisch. „Das ist die letzte Chance auf eine Wende“, findet Irene Krapf von der Betroffeneninitiative Sauerteig. „Wir verdienen eine erneuerte Kirche und wir erwarten, dass der Synodale Weg Großes ändert.“

Themen in vier Foren

Der Reformprozess geht in seine dritte Runde. In Frankfurt beraten insgesamt 230 Geistliche und Laien über den Kurs der deutschen Kirche. Der Prozess wurde 2019 von den Bischöfen und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), der Laienvertretung, angestoßen und soll sich bis 2023 hinziehen.

In Frankfurt ist mit ersten Beschlüssen zu rechnen. In vier Foren geht es um die Themen Macht, Zölibat, Frauen in kirchlichen Ämtern und Sexualität.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer warnt bereits vor einem Missbrauch der Missbrauchsdebatte. Er hat den Verdacht, dass das Thema Missbrauch instrumentalisiert werde. Die Empörung über den Missbrauch sei „das Feuer, auf dem die Suppe des Synodalen Weges gekocht wird“, befand er.

„Am historischen Abgrund“

Andere fordern vehement Reformen ein. „Wir wollen dem Synodalen Weg neue Schubkraft geben. Wir stehen am historischen Abgrund, wenn die Kirchenleitung nicht endlich umsteuert“, sagt Christian Weisner von der Initiative Kirche von unten. „Wir appellieren an den Vatikan, ein eindeutiges Zeichen an den Synodalen Weg zu geben“, fordert Weisner.

In den drei Frankfurter Tagen wird nun genaue Textarbeit betrieben. Reformer und Bewahrer werden um Formulierungen hinterm Komma ringen. Dabei wird sich zeigen, wie tief der Schock der vergangenen Wochen sitzt. Auf jeden Fall dürfte es kontrovers zugehen.

Für Beschlüsse braucht es eine „Zwei-Drittel-Mehrheit der anwesenden Mitglieder, die eine Zwei-Drittel-Mehrheit der anwesenden Bischöfe enthält“, heißt es in der Satzung. Eine hohe Hürde. Einige Texte werden sicher nicht die erforderliche Mehrheit finden, dann werden sie zurechtgeschliffen und beim nächsten Mal erneut beraten. Doch die Geduld, immer wieder über dieselben Fragen zu diskutieren, ist bei vielen am Ende.

Forderung nach Taten

„Ich bin überzeugt, der Synodale Weg wird sich von der kritischen Öffentlichkeit daran messen lassen müssen, wie es gelingt, das System der Vertuschung von Missbrauch und die Marginalisierung der Betroffenen aufzubrechen“, betont Irme Stetter-Karp, Präsidentin des mitveranstaltenden ZdK. „Gut gemeinte Worte sind genug gefallen, jetzt sind Taten nötig“, sagt sie.

Auch der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet sieht im Synodalen Weg den letzten Versuch der Kirche in Deutschland, zu Reformen zu kommen. „Die Erinnerung an das Münchner Missbrauchsgutachten ist noch so frisch. Selbst konservative Bischöfe fordern Benedikt zu Klarstellungen auf. Es wird beim Synodalen Weg knallen“, prophezeite Striet bei einem Online-Seminar des Roncalli-Forums.

Falls keine Einigung gelingt, schlägt Striet vor, dass einzelne Ortsbischöfe vorangehen. „Es ist aussichtslos, auf Rom zu warten. Aber Bischöfe könnten sich selbst an synodale Entscheidungen binden.“

Demokratie oder Sekte?

Striet sieht die katholische Kirche am Scheideweg. Er macht das am Thema Ämterautorität fest. In der lehramtlichen Auffassung gebe das kirchliche Amt verbindlich vor, was zu glauben und wie zu leben sei. Doch diese Zeiten seien längst vorbei, „Kirchliche Ämter müssen stärker moderieren und dürfen nicht mehr autoritär vorschreiben, was gilt. Die Kirche wird sich demokratisieren oder sie wird zu einer fundamentalistischen Sekte“, lautet seine Alternative. Diese hätte dann aber kaum noch Ausstrahlungskraft in die Gesellschaft hinein.

Freiburgs Erzbischof Burger wählt nicht solch drastische Worte, Er versucht, als Moderator zu vermitteln. „Es kann beim Synodalen Weg nicht darum gehen, Mehrheiten durchzuboxen, sondern wir sind als Kirche gemeinsam auf dem Weg“, sagt er dem BT. „Mir ist wichtig, dass es auf dem Synodalen Weg keine Gewinner und Verlierer gibt. Es geht darum sich gegenseitig zuzuhören und versuchen zu verstehen, warum den einen Fortschritte wichtig sind und die anderen mehr die Lehre und die Tradition im Blick haben.“ „Ein bloßer Schlagabtausch oder eine weitere Polarisierung kann nicht das Ziel sein“, mahnt er.

Auch mögliche Beschlüsse, so dämpft er Erwartungen, würden nicht auf einen Schlag die Probleme der Kirche lösen. „Der Synodale Weg wird, wie sie auch immer ausfallen werden, Positionen beschließen, auch zum Weiheamt für die Frau und zum Zölibat, und diese Impulse an den Vatikan weitergeben. Aber selbst wenn wir diese theologischen Grundsatzfragen gelöst hätten, würden junge Leute ja bei uns nicht Schlange stehen, um Priester zu werden“, sagt e


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