Kratschmer über Olympia-Boykott: „War persönliches Pech“

Baden-Baden (ket) – Ex-Zehnkampf-Weltrekordler Guido Kratschmer hatte lange am Olympia-Boykott 1980 und der damit verpassten Goldchance zu knabbern. Im BT-Interview spricht er dennoch ausführlich darüber.

Jahrelang hatte Guido Kratschmer am Boykott zu knabbern, mittlerweile hat er auch diese Hürde genommen. Foto: Eifried/GES

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Jahrelang hatte Guido Kratschmer am Boykott zu knabbern, mittlerweile hat er auch diese Hürde genommen. Foto: Eifried/GES

Die Goldmedaille – und dann aufhören. So war das Ziel, das sich der Weltklasse-Zehnkämpfer Guido Kratschmer für die Olympischen Spielen 1980 in Moskau gesetzt hatte. Der Olympia-Boykott der deutschen Mannschaft machte ihm dann einen Strich durch die Rechnung. „Bestimmt 20 oder 25 Jahre“, so sagt es Kratschmer, hatte er daran zu knabbern. Inzwischen kann der 67-Jährige ganz locker darüber reden. Mit BT-Sportredakteur Frank Ketterer hat er es getan.

BT: Herr Kratschmer, wo waren Sie am 26. Juli 1980 um 18.20 Uhr?

Guido Kratschmer: Ach du liebe Güte, keine Ahnung. Aber wenn Sie so fragen, war ich wohl gerade in Moskau.

BT: Stimmt. Um 18.20 Uhr wurde im Luschniki-Stadion die letzte Disziplin im Zehnkampf, der 1 500-Meter-Lauf, gestartet. Haben sie das Rennen verfolgt?

Kratschmer: Mit Bestimmtheit kann ich das gar nicht mehr sagen. Ich war im Stadion, aber an das Rennen kann ich mich nicht mehr erinnern.

BT: Olympiasieger im Zehnkampf wurde an dem Tag der Brite Daley Thompson mit 8 495 Punkten. Wie sehr hatten Sie das Gefühl, dass das Ihre Goldmedaille ist, die Thompson sich da unter den Nagel gerissen hatte?

Kratschmer: Nein. So hab ich damals nicht gedacht oder gefühlt. Daley hatte einfach das Glück, dass die Briten teilnehmen durften und wir nicht. Aber deswegen habe ich ihm den Sieg und die Medaille nicht missgönnt. Es war einfach mein persönliches Pech, dass Deutschland boykottiert hat.

BT: Haben Sie mit Thompson mal darüber gesprochen?

Kratschmer: Klar. Wir hatten immer guten Kontakt, das war ganz anders als zwischen Jürgen (Hingsen/Anm. der Red.) und ihm. Zwischen uns herrschte immer Respekt. Als ich in Bernhausen seinen Weltrekord gebrochen habe, hat er mir sogar ein Glückwunsch-Telegramm geschickt. Allerdings wusste er da auch schon, dass ich in Moskau nicht dabei sein würde.

BT: Es heißt, dass gerade jene Fachverbände, deren Athleten sich nicht für Moskau qualifiziert hatten wie etwa Basket- und Volleyball sowie die ganzen Wintersportverbände gegen die Teilnahme gestimmt hätten. War der deutsche Sport zu jener Zeit derart zerstritten?

Kratschmer: Das habe ich auch erst im Nachhinein mitgekriegt. Ich habe mich um solche Interna wenig gekümmert, sondern war voll und ganz auf meinen Zehnkampf und Olympia fixiert. Alles andere habe ich mehr oder weniger abblitzen lassen.

„Ich fand mich psychisch überlegen“

BT: Die Bundesregierung hatte bereits am 23. April beschlossen, sich dem Olympia-Boykott der USA anzuschließen, am 15. Mai folgte dann auch die NOK-Mitgliederversammlung dieser Entscheidung. Wie sehr hat Sie gerade das Nein des Sports zu den Spielen in Moskau überrascht?

Kratschmer: Total. Das hat mich sehr getroffen. Bis dahin war ich mir ziemlich sicher, dass das NOK dafür sorgen würde, dass wir hinfahren dürfen. Aber da habe ich mich mächtig getäuscht. Zumindest ein Großteil des Sports ist der Entscheidung der Bundesregierung gefolgt.

BT: Auslöser für den Boykott war die Sowjetinvasion 1979 in Afghanistan. Wie haben Sie diese wahrgenommen?

Kratschmer: Natürlich fand ich das nicht gut. Es ist doch vollkommen klar, dass man nicht billigen konnte, was da passiert ist. Aber es stand für mich auch fest, dass die Russen aus Afghanistan nicht rausgehen würden, bloß weil wir Olympia boykottieren. Wenn man die Möglichkeit gesehen hätte, dass der Boykott etwas an der Situation ändert, dann hätte man auch ein Einsehen gehabt. Aber das war nicht so.

BT: Sportler aus Großbritannien, Italien und Frankreich haben entgegen dem Willen ihrer Regierungen in Moskau teilgenommen. Warum hat das der deutsche Sport nicht hinbekommen?

Kratschmer: Wenn ich das wüsste... Es wurde gar nicht groß diskutiert.

BT: Wie hat sich Ihr Leben durch den Boykott verändert?

Kratschmer: Mein Ziel war in der Tat, Gold in Moskau zu gewinnen – und dann mit dem Sport aufzuhören. Das hat bekanntlich nicht hingehauen. Ich hab dann halt nicht aufgehört, sondern weitergemacht, auch wegen der Sporthilfe. Allerdings hat mir in den folgenden beiden Jahren der Biss gefehlt, der Wille, sich zu quälen. Der kam erst wieder 1983 zurück, als ich beschlossen habe, bei den Spielen in Los Angeles ein Jahr später teilzunehmen.

BT: Stimmt es, dass Sie vom endgültigen Boykott der deutschen Mannschaft aus dem Autoradio auf dem Weg zum Zehnkampf-Meeting in Götzis erfahren haben?

Kratschmer: Ja. Das werde ich nie vergessen.

BT: Das muss ja ein toller Wettkampf gewesen sein...

Kratschmer: Die Motivation war schlagartig im Keller. Aber ich hatte dem Veranstalter zugesagt und das dann auch durchgezogen.

BT: Daley Thompson gewann in Götzis mit dem neuen Weltrekord von 8 622 Punkten. Warum waren Sie sich im Vorfeld von Moskau dennoch so sicher, Olympiasieger zu werden?

Kratschmer: Ich fand mich damals psychisch überlegen. Daley und ich waren ungefähr gleich stark, aber was die Psyche anbelangt, war ich damals stärker. Ich habe einfach in mir geruht – und das wusste er auch. Deshalb war ich auch überzeugt, dass ich in Moskau gewinne.

BT: Zudem haben sie Thompsons Rekord rund drei Wochen später in Bernhausen mit 8 649 Punkten überboten. War das die Trotzreaktion auf den Boykott? Ist es vielleicht gar der wütendste und gleichsam verzweifeltste Weltrekord der Leichtathletik-Geschichte?

Kratschmer: Ja. Für mich auf alle Fälle. Wobei es gar nicht meine Art war, so etwas anzukündigen und mich damit damit unter Druck zu setzen.

BT: Wie sehr war dieser Weltrekord Genugtuung?

Kratschmer: Ich war zufrieden, dass ich es geschafft habe. Aber es war trotz alledem nicht das, was ich ursprünglich erreichen wollte. An Weltrekord habe ich nie gedacht. Ich war immer auf die Goldmedaille bei Olympia fixiert. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, was es für ein Glück war, einen Weltrekord aufgestellt zu haben.

BT: Wie oft haben Sie darüber nachgedacht, wie ihr Leben verlaufen wäre, hätten sie in Moskau gewonnen?

Kratschmer: Eigentlich gar nicht. Ich habe einfach hingenommen, wie es war – und daraus das Beste gemacht.

„Der Sport wurde von der Politik benutzt“

BT: Sie waren dann für den „Stern“ als Tagebuchschreiber in Moskau. Wie haben Sie das erlebt?

Kratschmer: Ich hatte den Eindruck, dass das Publikum gar nicht mitbekommen hat, dass die Spiele boykottiert wurden. Weil Engländer dabei waren oder Franzosen und Italiener, ist das überhaupt nicht aufgefallen. Auffallend war hingegen, dass das Publikum extrem unfair war. Wer nicht aus der UdSSR kam, wurde gnadenlos ausgepfiffen. Das hat mich sehr enttäuscht.

BT: Wie lange hatten Sie am Boykott zu knabbern?

Kratschmer: Lange. Sehr lange. Bestimmt 20 oder 25 Jahre. Ich war selbst überrascht, wie lange mir das nachgegangen ist. Wenn ich darauf angesprochen worden bin, kamen immer wieder Emotionen hoch. Inzwischen bin ich drüber hinweg.

BT: Sie haben zwar nach dem Boykott weitergemacht und wurden vier Jahre später in Los Angeles Vierter. Kann man dennoch sagen, dass Ihre Karriere durch den Boykott zu Ende gegangen ist?

Kratschmer: Irgendwie schon. Nach Moskau war es anders als davor. Ich konnte mich danach nicht mehr so in den Sport reinbeißen, vielleicht auch weil ich wusste, dass ich dabei war, den Zenit zu überschreiten. Ich war zwar in der Lage, noch ganz gute Punktzahlen zu erzielen, aber nicht mehr in dem Bereich, in dem ich vor Moskau gewesen war.

BT: Wie blicken Sie heute auf den Boykott?

Kratschmer: Er war unsinnig. Der Sport wurde von der Politik benutzt und wir Sportler mussten es ausbaden.

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Erstellt:
14. Mai 2020, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 46sec

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