Musikerinnen spielen selten in der ersten Liga

Berlin (sr) – Viele Frauen studieren Orchesterinstrumente, aber in den Spitzenorchestern des Landes kommen nur wenige an. Das sagt eine neue Studie des Deutschen Musikinformationszentrums.

Dirigent Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker: Das deutsche Eliteorchester hat etwa 18 Prozent weibliche Mitglieder. Foto: Monika Rittershaus/Archiv

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Dirigent Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker: Das deutsche Eliteorchester hat etwa 18 Prozent weibliche Mitglieder. Foto: Monika Rittershaus/Archiv

1997 konnten auch die Wiener Philharmoniker nicht mehr anders: Sie nahmen erstmals eine Frau in ihre frackbewehrten Reihen auf, klassischerweise war es eine Harfenistin. Das ist 24 Jahre her und wirkt doch wie aus einer längst vergangenen Epoche der Menschheitsgeschichte. Die Wiener waren tatsächlich auch die letzten Dinos ihrer Art, und den frauenfeindlichen Makel haben sie dann rasch wettgemacht, indem sie eine Frau in das Triumvirat der Ersten Konzertmeister integrierten – das macht sie schon wieder zu einem der fortschrittlicheren Orchester in ihrer Klasse.

Konzertmeisterinnen sind eher selten

Auf den ersten Blick sitzen heute viele Frauen in den Sinfonieorchestern, aber es gibt interessanterweise deutliche Unterschiede zwischen den kleinen und mittleren Orchestern, in denen der Frauenanteil an die 50 Prozent herankommt, und den hoch bezahlten Spitzenorchestern, in denen die durchschnittliche Zahl weiblicher Musiker wieder sinkt. In höheren Dienststellungen wie Konzertmeister-, Stimmführer- und Solopositionen sind Frauen mit 28,4 Prozent unterrepräsentiert.

Insgesamt sind 39,6 Prozent der Orchestermitglieder in deutschen Berufsorchestern weiblich, das sind annähernd 10.000 Musikerinnen.

„Weibliche“ und „männliche“ Instrumente


Zu diesen Ergebnissen kommt eine Erhebung, die das vom Deutschen Musikrat getragene Deutsche Musikinformationszentrum (miz) jetzt vorgestellt hat. Die Studie lässt den Schluss zu, dass es trotz rasanter Veränderungen in den letzten Jahren in Sachen Gleichstellung noch einiges zu tun gibt. In den 129 öffentlich finanzierten Orchestern in Deutschland sind durchschnittlich vier von zehn Pulten mit einer Frau besetzt, in den herausgehobenen (und besser bezahlten) Stimmführer- und Solopositionen hingegen nur halb so viele. Von 206 Ersten Konzertmeistern in den deutschen Orchestern sind nur 62 weiblich. Bei den Berliner Philharmonikern wird der Frauenanteil in einer anderen Studie mit 18 Prozent angegeben, bei kleineren Orchestern wie der Baden-Badener Philharmonie kommt er auf gut 45 Prozent.

Die Studie mit dem schönen Titel „Am Pult der Zeit!?“ verweist auch auf den instrumentenspezifischen Aspekt: Frauen findet man immer noch zum überwiegenden Teil bei den Streichinstrumenten sowie bei Flöte und Harfe. Bei den Streichergruppen sind heute fast 50 Prozent der Orchestermitglieder weiblich, bei den Violinen allein sind es sogar an die 60 Prozent. Natürlich gibt es auch Trompeterinnen, Posaunistinnen und Paukerinnen – aber sie sind im professionellen Konzertleben deutlich in der Unterzahl. Und an der Tuba sind Männer nahezu konkurrenzlos. Woran das im Einzelnen liegt, sagt die Studie nicht. Vermutlich beginnt es schon bei den Instrumenten, die man Kindern anbietet: Eine Trompete für den Jungen und eine Flöte für das Mädchen? Das könnte sich dann bald ändern, denn allein mit den Trompeterinnen Alison Balsom oder Tine Thing Helseth haben Mädchen hier aktuell bedeutende Vorbilder.

Bei den Musikstudenten überwiegen Frauen


Eventuell spielt auch die familienunfreundliche Arbeitszeit eine Rolle. Andererseits studieren mehr Frauen als Männer heute Orchesterinstrumente – es bleiben also irgendwo auf dem Weg ins Berufsleben mehr Frauen auf der Strecke. Ob in Orchestern bewusst eher Männer eingestellt werden, konnte bisher nicht belegt werden. Häufig finden Vorspiele ja auch anonymisiert statt. Einige Gender-Forscher kritisieren aber, dass es im Bereich der Berufsmusiker keine gewählte Vertretung gibt, die speziell die Interessen weiblicher Musiker im Blick behält.

Stephan Schulmeistrat, Leiter des miz, resümiert: „Differenzierte Daten zur Geschlechterverteilung in den öffentlich geförderten Orchestern, die auch die Dienststellungen berücksichtigen, haben lange gefehlt. Wir freuen uns, im Schulterschluss mit der Deutschen Orchestervereinigung und dem Bühnenverein aktuelle und verlässliche Daten bereitstellen zu können, mit denen die Debatte um die Chancengleichheit von Frauen in Orchestern unterfüttert wird“.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
8. März 2021, 05:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 48sec

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