„Wildvogelauffangstation Fingermann“ ist jetzt Verein

Rastatt (sawe) – Die „Wildvogelauffangstation Fingermann“ kann ihre Tätigkeit nun als eingetragener Verein fortführen. Behördliche Auflagen sorgen aber weiterhin für Verdruss.

Mit Herzblut dabei: Verena, Kevin und Pierre Fingermann (von links) ziehen derzeit zwei kleine Schwäne auf. Foto: Sabine Wenzke

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Mit Herzblut dabei: Verena, Kevin und Pierre Fingermann (von links) ziehen derzeit zwei kleine Schwäne auf. Foto: Sabine Wenzke

Die Fingermanns setzen ihr Engagement für die Tierrettung als e. V. fort. Die „Wildvogelauffangstation Fingermann“ ist gut acht Monate nach der Vereinsgründung am 20. Mai ins Vereinsregister des Amtsgerichts Mannheim eingetragen worden. Es habe etwas gedauert, weil einige Passagen in der Satzung überarbeitet werden mussten, erläutert Vorsitzender Pierre Fingermann. Die Freude über den Neubeginn ist zwar groß, wird allerdings von einigen Wermutstropfen getrübt. Denn auch nach mit dem Bruch mit dem Landratsamt Rastatt reißt der Ärger mit den Behörden nicht ab.

Blick zurück: Pierre Fingermann hatte nach 27 Jahren als ehrenamtlicher Vogelschutzbeauftragter des Landkreises Rastatt im Mai 2020 aus Frust über behördliche Auflagen das Handtuch geworfen und die Vogelschutzstation seinem Enkel übergeben. Weil der junge Mann auch von etwas leben muss, strebte dieser eine Festanstellung und kein Ehrenamt an. Das klappte aber weder beim Landkreis noch bei der Stadt Rastatt. Die Fingermanns hoben daraufhin Ende September einen eigenen Verein aus der Taufe, und Kevin Fingermann absolvierte beim UNA-Tierrettungsdienst (Union für das Leben) e.V. mit Sitz in Dobel eine Ausbildung zum Tierrettungssanitäter. Seither ist er für die Organisation im Landkreis Rastatt und in Karlsruhe im Einsatz. Die UNA ist Mitglied im Verein Wildvogelauffangstation und dieser umgekehrt bei der UNA. Das ist insofern praktisch, weil es oft an Unterbringungsmöglichkeiten für die verletzten oder kranken Tiere mangelt. Da bietet sich die Aufnahme- und Außenpflegestation der Fingermanns in Rastatt an, in der schon viele Vögel gepflegt, aufgepäppelt und somit Tierleben gerettet wurden. Und das von der UNA für die Einsätze zur Verfügung gestellte neue Dienstfahrzeug ist mit allen Erfordernissen ausgestattet – vom Sanitätskoffer bis hin zur Sauerstoffmaske, berichtet Kevin Fingermann stolz.

Bundesverdienstkreuz erhalten

Nach wie vor sind die Fingermanns Anlaufstelle für viele Privatpersonen oder Institutionen, wenn ein verletzter Vogel gefunden wird oder sich ein Schwan in Nöten befindet. „Wir bekommen auch Anrufe von der Polizei“, berichtet der 30-Jährige über die gute Zusammenarbeit. Sogar das Bundesverdienstkreuz hat Vogelschützer Pierre Fingermann 2019 für seine Tätigkeit erhalten. Über 9.000 Vögel in Not haben er und seine Frau Verena in 26 Jahren gepflegt, berichtete er seinerzeit bei der Übergabe der Auszeichnung, die mit viel lobenden Worten einherging. Da ist es schwer zu verstehen, dass jetzt plötzlich alles nicht mehr gut genug sein soll.

Das Amt für Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung im Landratsamt Rastatt hatte nach einer Anordnung im Juli und einer Betriebskontrolle im September 2020 ein Zwangsgeld verfügt und Vollstreckungsmaßnahmen angekündigt. Dabei wurden vier Punkte in den Fingermannschen Stationen bemängelt. Es ging um die hygienischen Zustände. So sei der Boden in einer Taubenbox völlig verkotet und Tauben nicht ausreichend mit Wasser in Tränkequalität versorgt gewesen, hieß es. Außerdem müsse die Aufnahme eines Wildvogels der streng geschützten Arten unverzüglich der höheren Naturschutzbehörde, also dem Regierungspräsidium Karlsruhe, gemeldet werden, was nicht geschehen sei. Auch das Bestandsbuch sei nicht mit allen geforderten Angaben tagesaktuell geführt worden. Bei der Kontrolle fehlte der Grund der Aufnahme beziehungsweise der Zustand des Tieres, wurde moniert.

Fingermann muss Zwangsgeld bezahlen

Tauben hinterlassen den ganzen Tag ihre Hinterlassenschaften, da könne man alle halbe Stunde sauber machen, sagt Fingermann. Und ein Tier verdurste auch nicht gleich, wenn es mal 30 Minuten kein Wasser habe. Außerdem kämen die Kontrolleure immer sehr früh am Morgen, da sei man mit der Käfigreinigung noch gar nicht durch.

„Wir haben hier keine Apotheke oder eine Metzgerei, in der immer alles absolut hygienisch sauber sein muss“, bittet Fingermann um Verständnis: „Wer Tiere hat, der weiß, dass sie auch Schmutz machen.“ Immerhin betreibt er seine Stationen bereits seit 1993, vorher habe sich noch nie jemand beschwert. Und früher habe es gereicht, wenn er die Liste mit den von ihm versorgten besonders und streng geschützten Tieren einmal im Jahr im Dezember abgegeben habe. Letztendlich musste Fingermann ein Zwangsgeld von 318,50 Euro bezahlen.

Und es könnte vielleicht noch teurer werden: Denn der 76-Jährige soll keine Greifvögel mehr auswildern dürfen, bei Zuwiderhandlung drohe ihm ein saftiges Bußgeld bis zu 1.200 Euro, sei ihm mündlich signalisiert worden. Das empfindet er schlichtweg als „Unverschämtheit“, echauffiert er sich und verweist auf seine jahrelangen Erfahrungen: Mindestens 1.200 Greifvögel habe er bereits ausgewildert. Er wisse, wann ein Vogel wieder fit sei. Er solle die Tiere einem Falkner übergeben, doch der bilde sie so aus, dass sie bleiben. „Wir bilden sie so aus, dass sie wieder der Natur übergeben werden können“, sagt Fingermann, der seit 2002 auch mit der Vogelschutzwarte in Radolfzell zusammenarbeitet. Alle Greifvögel, die in seiner Station landen, werden beringt, so ist ihr Lebenslauf nachvollziehbar.

Streng geschützte Pflegefälle

„Wir sollen jedes Mal das Veterinäramt in Rastatt anrufen, sobald irgendeine Art von Vogel bei uns freigelassen wird. Und was machen wir am Wochenende, wenn das Amt zu ist? Dann müssten wir ja die Tiere einsperren“, erzählt Kevin Fingermann, der über so viel Bürokratie nur den Kopf schütteln kann. Der 30-Jährige berichtet von einem Mauersegler, der sich am Pfingstwochenende in einem Netz verfangen hatte, von der Feuerwehr befreit und zu den Fingermanns kam. Der Vogel war nach einem Tag wieder fit und flog auf und davon. „Er wollte wohl nicht warten, bis das Amt am Dienstag Zeit hat“, mutmaßt er.

Weitere Aufregung droht den Fingermanns wegen aufgenommener Wildvögel in der Außenstation – Schwäne, Turmfalken und Mäusebussarde, die flugunfähig, zum Teil bereits sehr alt sind, und nicht mehr ausgewildert werden können, verdeutlicht der 76-Jährige. Er brauche sie aber, da die jungen Tiere von den älteren lernen, meint der Vogelexperte. Dabei handelt es sich um besonders geschützte sowie streng geschützte Arten, für die es ein Besitzverbot gibt. Zwar sind Ausnahmen davon im Einzelfall möglich, eine solche wurde jedoch Fingermann vom Regierungspräsidium versagt: „Nach Rücksprache mit dem Veterinäramt des Landratsamts Rastatt war bei den letzten Kontrollen bei Ihnen die tierschutzgerechte Haltung der Tiere nicht gegeben“, heißt es in dem Schreiben der Karlsruher Behörde. Der Vogelexperte wird aufgefordert, die streng geschützten Pflegefälle, also die Turmfalken und Mäusebussarde, bis zum 18. Juni an das Veterinäramt in Rastatt zu übergeben. Fingermann, der den Antrag als Privatperson gestellt hatte, will nun einen erneuten Vorstoß im Namen des Vereins wagen.

Jugendgruppe gebildet

Bei allem Ärger gibt es aber auch Positives: Die Fingermanns sind weiterhin mit Herzblut und großem Engagement bei der Sache und freuen sich, dass der junge Verein bereits eine Jugendgruppe hat. Acht Kinder aus der Siedlung im Alter von zwei bis zehn Jahren helfen eifrig mit beim Füttern oder Saubermachen und lernen so auch einiges über die Tiere. Und die eigene Homepage soll demnächst ans Netz gehen. Es geht also voran. Der Verein zählt derzeit 65 Mitglieder und hofft nun auf weitere Mitstreiter, Pierre Fingermann will auch mal mit einem Stand auf dem Markt dafür die Werbetrommel rühren.

Kontakt: „Wildvogelauffangstation Fingermann“, Münchfeld-Str. 79, 76437 Rastatt, Telefon (0 72 22) 3 48 33, E-Mail: kev.fingermann@gmail.com.


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