100 Jahre Ermordung Matthias Erzbergers

Bad Peterstal-Griesbach (fk) – Am 26. August 1921 wird der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger in Mittelbaden erschossen. Die Schüsse sind nicht weniger als ein Attentat auf die junge Demokratie.

Matthias Erzberger. Foto: Haus der Geschichte Baden-Württmeberg.

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Matthias Erzberger. Foto: Haus der Geschichte Baden-Württmeberg.

Mit letzter Kraft versucht Matthias Erzberger, hinter einer Tanne Deckung zu finden. Blut pumpt aus mehreren Wunden entlang des ganzen Körpers und färbt die Kleidung rot. Doch seine Peiniger haben noch nicht genug, steigen dem einstigen Reichsfinanzminister hinterher, stehen plötzlich vor dem sterbenden Zentrumspolitiker.

Erzberger kennt seine Mörder nicht – und doch wusste er, dass sie kommen werden. „Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen“, hatte er schon Monate vorher gewusst. Sie trifft ihn in Mittelbaden. Vor 100 Jahren, am 26. August 1921. Acht Mal feuern seine Mörder auf Erzberger. Doch die Kugeln in den Wäldern des hinteren Renchtals töten nicht nur einen Menschen – sie töten auch ein Stück Demokratie (siehe Interview auf dieser Seite).

Erzberger, 1903 mit 28 Jahren als bis dato jüngster Abgeordneter ins Parlament gewählt und anfangs absolut kein Gegner des kriegerischen Engagements der Deutschen im Ersten Weltkrieg, erkennt 1917, dass dieser nicht mehr zu gewinnen ist. Er verlangt – im Gegensatz zu weiten Teilen der politischen Führung – einen Verständigungsfrieden und eine entsprechende politische Resolution; er weiß, dass die vorherrschende Idee eines deutschen „Siegfriedens“ illusorisch ist, kritisiert offen die Oberste Heeresleitung, weist den Generalen sogar falsche Angaben nach. Erzberger ist niemand, der zurücksteckt, hält kantige Reden, sagt Sätze wie: „Nur ein politischer Idiot kann im Jahr 1917 das Kriegsziel noch so stecken wie 1914/15.“ Nicht ohne Erfolg, wie Zeit-Chefreporter Stefan Willeke unlängst kommentiert: „Er trug mit seinen provokanten Reden dazu bei, dass das Parlament mehr und mehr als zentraler Ort der politischen Auseinandersetzung wahrgenommen wurde, nicht länger nur als ,Schwatzbude‘ des Kaiserreichs“.

Erzberger unterzeichnet Waffenstillstand

Im Herbst 1918 ist der „Siegfrieden“ dann schon keine Illusion mehr, sondern nur noch dummes Geschwätz. An der Westfront durchbrechen die Alliierten die deutschen Stellungen, Soldaten und Arbeiter proben den Aufstand, Kaiser und Militärs sind in der Defensive: Eiligst war schon zuvor, Anfang Oktober 1918, eine zivile, parlamentarische Regierung eingesetzt worden. Kaiser und Heeresleitung wollen so erreichen, dass nicht sie für die Niederlage und die unumgängliche Kapitulation verantwortlich gemacht werden, sondern die neue Zivilregierung. Jetzt muss jemand nach Frankreich fahren und die deutsche Niederlage mit seiner Unterschrift besiegeln und noch schlimmere Kriegsfolgen verhindern. Es ist Matthias Erzberger, damals Staatssekretär. Mit seiner Unterschrift endet am 11. November 1918 der Erste Weltkrieg – und (vorerst) die deutsche Allmachtsfantasie auf dem Weg zur Weltmacht. Für die Nationalisten wird der Demokrat Erzberger spätestens damit zum Feindbild. Gegen ihn wie andere demokratische Mitglieder der Regierung wird schnell die Dolchstoßlegende in Umlauf gebracht. Demokratische und linke Kräfte, wie Erzberger oder SPD-Chef Philipp Scheidemann, der die Republik ausgerufen hatte, hätten das erfolgreiche Heer hinterrücks erdolcht und wenn nicht gar um den Sieg, dann doch zumindest um einen ehrenvollen Frieden gebracht. Erzberger bietet für die von Verblendung Getriebenen durch sein Tun und seine Einstellung in den letzten Kriegsjahren die größte Angriffsfläche: Die Strategie der Heeresleitung war aufgegangen – denn eigentlich hätte sie die Unterschrift unter der Waffenstillstandsurkunde leisten müssen.

Erzberger, Sohn eines Schneiders aus Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb, muss mit übelsten Anfeindungen leben, wird Finanzminister der Weimarer Republik und macht sich durch eine Steuer- und Finanzreform bei vielen, dem national-rechts gesinnten Dunstkreis angehörenden Wohlhabenden weiter unbeliebt. Am 26. Januar 1920 überlebt Erzberger einen Mordanschlag, die Kugel prallt an seiner Uhr ab, kurz darauf tritt er als Minister zurück, um verleumderische Vorwürfe gegen ihn gerichtlich aus der Welt schaffen zu lassen. Doch dann kommt der 26. August 1921.

Beim Spaziergang kaltblütig erschossen

Erzberger weilt samt Frau und einer seiner beiden Töchter – der Sohn ist im Krieg als Soldat an der spanischen Grippe gestorben – in Bad Griesbach. Ganz hinten im Renchtal, wo die Menschen von Land- und Forstwirtschaft leben, es noch keinen Bahnanschluss gibt, die Welt ruhig und gelassen ist. Er will sich in dem kleinen Kurort erholen, bevor er zum Katholikentag nach Frankfurt aufbricht. Am Morgen des 26. August, dem Tag vor seiner Abreise, bricht Erzberger nach Frühstück und Kirchgang mit seinem Parteifreund Carl Diez, der zu Besuch gekommen ist, zu einem Spaziergang auf. Es ist ein trüber, regnerischer Morgen. Die beiden Männer gehen die heutige B28 entlang, die sich an den Berghängen hinauf Richtung Kniebis und Freudenstadt schlängelt. Irgendwann auf dem Weg bemerkt Diez hinter ihnen zwei gut gekleidete junge Männer, die in einigem Abstand folgen. Die beiden Männer besprechen sich kurz, dann beschleunigen sie ihre Schritte und überholen die ins Gespräch vertieften Politiker grußlos. Um kurz vor 11 Uhr beschließen Erzberger und Diez in einer engen Kurve, umzukehren. Sie wollen wohl ob der durch den Regen glatten Straße genug Zeit haben, um rechtzeitig zum Mittagessen zurück im Kurheim der katholischen Schwestern zu sein, wo die Erzbergers nächtigen. Diez sieht noch, dass die beiden jungen Männer ebenfalls wenden, bemerkt aber nicht, dass sie im Wald eine Abkürzung zwischen zwei Kurven der Straße nehmen.

Trauerfeier für Matthias Erzberger in Oppenau. Foto: Archiv Leopold Börsig

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Trauerfeier für Matthias Erzberger in Oppenau. Foto: Archiv Leopold Börsig

Als Diez und Erzberger um eine Kehre biegen, stehen die beiden unvermittelt vor ihnen. Mit gezückten Revolvern treten sie an Erzberger heran, feuern sofort auf dessen Stirn und Brust. Erzberger stürzt einen Abhang neben der Straße herunter, Diez versucht, die beiden Angreifer instinktiv mit seinem Regenschirm abzuwehren, wird aber selbst mit einem Schuss niedergestreckt. Auf Erzberger werden, während er den Abhang hinunterrutscht und sich festzuhalten sucht, noch mehrere Schüsse abgegeben, ehe er Halt findet und versucht, hinter der Tanne Deckung zu gewinnen. Blut pumpt aus mehreren Wunden entlang des ganzen Körpers und färbt die Kleidung rot. Doch Erzbergers Peiniger haben noch nicht genug, steigen dem einstigen Reichsfinanzminister hinterher, stehen plötzlich vor dem sterbenden Zentrumspolitiker. Sie können nicht groß gezögert haben, wollen ihr Werk vollenden. Der schwer verletzte Diez hört oben auf der Straße liegend nur noch dumpfe, aus nächster Nähe abgegebene und möglicherweise aufgesetzte Schüsse. Die beiden Täter feuern Erzberger zwei weitere Kugeln in den Kopf. Der Politiker ist sofort tot. Wird 45 Jahre alt. Die Obduktion einen Tag später in Oppenau (wo auch die Trauerfeier stattfindet, großes Foto links) wird zeigen, dass schon die zuvor abgegebenen Schüsse tödlich gewesen wären.

Mörder fliehen ins Ausland

Diez kann sich schwer verletzt nach Bad Griesbach schleppen. Die Mörder, beauftragt von der rechtsradikalen und nationalistisch gesinnten Organisation Consul, die noch weitere politische Morde verüben wird, entkommen ins Ausland. Auch weil ihnen rechte Kräfte in der Münchner Polizei helfen. Obwohl sie von den Ermittlern schnell identifiziert werden können, stehen sie daher erst nach dem Zweiten Weltkrieg vor Gericht. Die Nazis verklären sie zu Helden, reißen ein Gedenkkreuz für Erzberger am Tatort schon kurz nach der Machtergreifung 1933 ab.

Und heute? An jener Stelle, wo ihn die beiden Mörder Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz – beides ehemalige Marineoffiziere – eingeholt haben und auf Erzberger feuerten, steht ein unscheinbarer Stein in der Kehre der B28 (Foto unten, Mitte). Daneben eine Bank, nur schwer erreichbar. In der Nähe ist nicht einmal eine Parkbucht. Kaum einer der Vorbeifahrenden weiß, was sich vor 100 Jahren in dieser Haarnadelkurve zutrug. In Bad Griesbach ist eine Schule nach Erzberger benannt. Eine heute in Privatbesitz befindliche Kapelle ist ihm gewidmet.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) bezeichnete Erzberger im BT-Gespräch als Mann, der die Verantwortung nicht gescheut und dafür mit dem Leben bezahlt habe. „Es ist wichtig, dass wir an ihn erinnern, damit niemals mehr Hass und Gewalt zum Mittel der Politik werden.“

Gedenkstein am Tatort. Foto: Florian Krekel/BT

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Gedenkstein am Tatort. Foto: Florian Krekel/BT

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