1.460 Kilometer deutsche Geschichte

Gernsbach (BT) – Die Zwillinge Heinke Retz und Elke Wetzel-Imse aus Gernsbach radeln auf dem Iron Curtain Trail entlang der einstigen Ost-West-Grenze durch Deutschland.

Heinke Retz (links) und Elke Wetzel-Imse in Sonnenberg an der „Gebrannten Brücke“. Foto: Privat

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Heinke Retz (links) und Elke Wetzel-Imse in Sonnenberg an der „Gebrannten Brücke“. Foto: Privat

Von der Barentssee an der finnisch-russischen Grenze zieht sich längs des einstigen „Eisernen Vorhangs“ der Iron Curtain Trail durch Mitteleuropa bis zur bulgarisch-türkischen Grenze am Schwarzen Meer. Der 10.000 Kilometer lange Radweg führt durch 20 Länder. Heinke Retz und Elke Wetzel-Imse aus Gernsbach sind diesen Sommer den deutschen Teil von Stralsund bis zum Dreiländereck (Tschechien, Bayern, Sachsen) bei Hof geradelt.

„Beständig wurden wir mit der deutsch-deutschen Geschichte konfrontiert. Immer wieder fanden sich größere oder kleinere Mahnmale, Denkmäler, Grenzsäulen, Wachtürme oder deutsch-deutsche Museen entlang der Route“, blicken die radverrückten Zwillinge Heinke Fetz und Elke Wetzel-Imse in ihrem Reisebericht zurück. Von Stralsund kommend fuhren sie der Ostseeküste entlang. Ab Erdwall bei Travemünde wechselten die Murgtälerinnen ständig zwischen den Bundesländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

In Lübeck-Schlutup erreichten sie das erste „Alte Zollhaus“, in dem heute ein Grenzlandmuseum untergebracht ist. Später bildete die Elbe die Grenze. Ein Mahnmal der deutschen Verkehrsgeschichte und der deutschen Teilung sind die Reste der alten Eisenbahnbrücke nahe Damit. Ein Teil der demontierten Brücke über der Elbe steht noch im Westen. Die zwei erfahrenen Radfahrerinnen erreichten Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Zwischen den Orten Zichorie und Buckwitz verlief einst die Grenze. Hier an der Gedenkstätte mit Kolonen Weg, Kfz-Sperrgraben und den verschiedenen Zaunsicherungen erhielten sie einen Eindruck der damaligen Grenzeinrichtungen.

Umfassend erhaltenes Zeugnis der DDR-Grenzbefestigung

Das Grenzdenkmal in Hötensleben dokumentiert den Zustand der bis 1989 systematisch ausgebauten DDR-Grenzsperranlagen vor Ortschaften, die direkt an der innerdeutschen Grenze lagen. Der auf einer Länge von 350 Metern erhaltene „Schutzstreifen“ aus Mauern, Metallgitterzäunen, Signaldrähten, Minenfeldern und Wachtürmen steht seit 1990 unter Denkmalschutz. „Die historische Anlage gilt als das am besten und umfassendste erhaltenes Zeugnis der DDR-Grenzbefestigung an der ,Staatsgrenze West‘“, erzählen Wetzel-Imse und Retz.

Im Harz wurden sie von den Höhenmetern etwas ausgebremst. Schließlich mussten sie fast hoch bis auf den Brocken bei Ilsenburg radeln. Weiter ging es nach Duderstadt mit seinen netten Fachwerkhäusern. Das Dorf Böseckendorf stand direkt auf der Grenze und zählt zu den „geschleiften Orten“. Hier flohen 25 Prozent der Einwohner am 2. Oktober 1961 über die verminte Grenze in den Westen, berichten die Schwestern aus der Geschichte des Dorfs.

Bei Teistungen ist das große Grenzlandmuseum Eichsfeld. Auf dem Grenzlandweg setzten die Murgtälerinnen ihre Reise über das Außengelände fort. Es sei „eine sehr emotionale Fahrt durch diese Anlage“ gewesen, ehe es durch Hessen und Thüringen ging. Vor Eschwege kamen sie an die Werra, an der es die nächsten beiden Tage flussaufwärts entlangging.

„Brücke der Einheit“

Bei Philippsthal steht das einst geteilte Haus „Hoßfeld“ direkt an der „Brücke der Einheit“, die nach Vacha führt. Der Anbau des Hauses steht in Thüringen und das Haupthaus in Hessen. Es war eine Druckerei, die von 1893 bis 1941 den benachbarten Thüringer Raum mit der Rhönzeitung versorgte.

In der Rhön angekommen gab es wieder kräftige Anstiege zu überwinden. Im Wechsel zwischen den Bundesländern Thüringen und Bayern führte die Route in Behrungen auf die „Erlebnisstraße der deutschen Einheit“, wo das Freilandmuseum steht. Am 12. November 1989 wurde die Grenze an der „Gebrannten Brücke“ geöffnet und die Sperranlagen beseitigt. Im Landkreis Sonneberg war dies der erste Ort, der als Grenzübergang freigegeben wurde. Am 1. Juli 1990 unterzeichneten die beiden Innenminister Peter Michael Diestel (DDR) und Wolfgang Schäuble (BRD) dort den Staatsvertrag über die Abschaffung der Personenkontrollen an der innerdeutschen Grenze.

„Den ganzen Tag folgten wir bis Blankenstein dem gut ausgeschilderten Rennsteig“, schreiben die beiden im Reisebericht weiter: „Am letzten Tag unserer Radreise fuhren wir über Hirschberg nach Mödlareuth. Hier gibt es das größte Grenzlandmuseum mit Außenbereich, Kino und Ausstellungsräumen. Von hier waren es noch 22 Kilometer zu unserem Ziel, dem Dreiländereck (Tschechien, Bayern und Sachsen). 1.460 Kilometer ohne Pannen, aber mit vielen besonderen Eindrücken machen diese Radreise unvergesslich. Gespräche mit Zeitzeugen gaben uns persönliche Eindrücke in die deutsch-deutsche Geschichte.“

„Todesstreifen“ jetzt einzigartige Landschaft

Ihre Tour führte Heinke Retz und Elke Wetzel-Imse durch winzige Dörfer, Feld und Flur oder Waldgebiete. Dicht an der Grenze mussten sie über holprige Kolonnenwege radeln: „In den Orten der neuen Bundesländer sind die Straßen oft recht gut, aber im Dorf gibt es noch das grobe Kopfsteinpflaster. Die Beschilderung lässt leider zu wünschen übrig. Entweder sind die Radschilder sehr verblasst oder fehlen. In den alten Bundesländern ist die Beschilderung oft besser, aber die Straßen ein Flickenteppich“, geben sie ihre Eindrücke wieder. Nach der Grenzöffnung sei mit dem „Grünen Band“ eine einzigartige Landschaft auf dem ehemaligen Todesstreifen entstanden.


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