175 Jahre TV Bühl: Fundstücke in Vereinschronik

Bühl (BNN) – Reise in die Vergangenheit: In der Chronik des TV Bühl finden sich nach fast 200 Jahren Vereinsgeschichte viele Fundstücke. Etwa die einstige Abschaffung der Frauenriege durch die Kirche.

Turner um 1925: Aufgenommen auf der Wiese des Turnplatzes steht auf diesem historischen Foto. Im Hintergrund sieht man die Pfarrkirche in Kappelwindeck und die Friedhofskapelle. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

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Turner um 1925: Aufgenommen auf der Wiese des Turnplatzes steht auf diesem historischen Foto. Im Hintergrund sieht man die Pfarrkirche in Kappelwindeck und die Friedhofskapelle. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Ob die Gründerväter des altehrwürdigen TV Bühl sich so etwas hätten ausmalen können? Übungsstunden, bei denen Begleitmusik vom Handy kommt? Baseball und Basketball? Internationales Schwimm-Meeting? Wohl eher nicht. Als ein gewisser Dr. von Rotteck am 15. Juli 1847 sehr höflich, eigentlich schon zeittypisch untertänig, in einem Schreiben den „wohllöblichen“ Gemeinderat der Stadt Bühl um einen „geräumigeren“ Turnplatz für die mindestens „40 Turnfreunde“ bittet, da forderten die Revolutionäre im Großherzogtum Baden gerade lautstark mehr Selbstbestimmung und trafen sich im Zuge des Vormärz am 12. September 1847 zur berühmten Offenburger Versammlung im „Salmen“.

Dass es sich bei Herrn von Rotteck als frühen fassbaren Protagonisten des TVB um Gustav und damit den Sohn des berühmten Karl von Rotteck handelt, liegt im Bereich des Möglichen. Laut Historiker Marco Müller vom Stadtgeschichtlichen Institut war der Jurist Gustav von Rotteck nach seiner Promotion nach 1846 beim Bezirksamt Bühl beschäftigt. Lange her. Heute ist der TV Bühl mit 1.900 Mitgliedern der größte Verein in der Stadt. Es waren schon deutlich mehr Aktive. Und dennoch: Von so einer Sportler-Heerschar hätten Herr von Rotteck und seine Mitstreiter wohl geträumt.

Jubiläumsempfang im Bühler Bürgerhaus

175 Jahre später: Bei Manuela Gemsa laufen in Sachen Jubiläum alle Fäden zusammen. Eigentlich wollte der TV Bühl das besondere Jahr am Sonntag, 13. März, mit einem Festakt im Bürgerhaus Neuer Markt feiern. Daraus wurde allerdings nichts – wegen der Corona-Pandemie, berichtet Gemsa. Nun ist am 10. Juli, 11 Uhr, ein Jubiläumsempfang im Bürgerhaus geplant. Zumindest ein bisschen in Erinnerung schwelgen, denn ein Verein, auch einer mit einer so langen Geschichte wie der TVB, lebt von den Anekdoten zwischen den markanten Daten. Und vor diesem Hintergrund entwickelt sich ein Gespräch mit der Breitensportchefin des TVB, heute heißt das ja ganz modern Gymwelt und Kinderturnen, zu einer spannenden Zeitreise.

Man muss es sich nur mal vorstellen, es gab beim TV sogar mal zwei Vereins-Bullis, mit denen die jungen und nicht mehr so jungen Sportler zu Wettkämpfen fuhren. Manchmal war einer der VW-Busse kaputt, erinnert sich Gemsa, die mit sechs Jahren in den TV Bühl eintrat. Der Wettkampf war dann für die Bühler mitunter gelaufen, bevor er überhaupt begonnen hat. Erfolge wurden (und werden) dennoch genug gefeiert. Doch es gibt noch viel, viel mehr. Ein Verein ist gesellschafts-immanent, die Chronik dokumentiert Bühler Sozialgeschichte. Und deshalb sind die Bilder immer wieder Hingucker, so das vom Festumzug in Bühl zur Feier „150 Jahre Stadtrechte“. Die TV-Familie marschierte mit unter dem Motto „Die Kelten kommen“, natürlich in stilechter Bekleidung.

Gründung zwölf Jahre nach Verleihung des Bühler Stadtrechts

Apropos Stadtrechte und TV Bühl: Zwischen Verleihung und Gründung liegen gerade einmal zwölf Jahre. Die Stadtrechte bekam Bühl 1835, in diesem Jahr fuhr in Deutschland die erste Eisenbahn. Als der TVB sich gründete, hätten die Vereinsväter schon auf der Rheintalbahn bis nach Mülheim/Baden reisen können. Oder, wenn man in Erwägung zieht, dass es den TV Bühl vielleicht schon 1846 gegeben hat, immerhin mal bis Offenburg. Denn wie es in der Jubiläumsausgabe „50 Jahre Turnerbrief“ heißt, weist eine Notiz aus dem Jahr 1908 im Protokollbuch des Vereins auf das Gründungsjahr 1846 hin. Auf jeden Fall hieß es damals noch „Leibesübungen“, sagt Gemsa und schmunzelt.

Wenn die Gründerväter das heutige Kursprogramm der Gymwelt gelesen hätten, vermutlich wären sie in eine gewisse Ratlosigkeit verfallen: Indian Balance Gymnastik findet sich dort neben Idogo-Körperschulung und Cardio-Aktiv. Und Manuela Gemsa, selbst 30 Jahre Übungsleiterin und ein Vierteljahrhundert im Vorstand des TVB, weiß aus Erfahrung, wie sehr sich alles verändert hat – bis hin zur Tatsache, dass immer mehr Menschen den Turnverein inzwischen als Dienstleister sehen, bei dem man – vergleichbar mit dem Fitness-Center – einen Kurs belegt, ohne Mitglied zu sein.

Viermal wurde der TV aus der Taufe gehoben

Doch zurück in die frühen Jahre: Lang existierte der erste TVB nicht, als Folge der 1848er-Revolution wird die Turnerei 1849 erst einmal verboten. 1861 erfolgte die Neugründung des TV Bühl, der sich 1864 wieder auflöste, wie der Zeitleiste aus dem Jubiläums-Turnerbrief zum 150-jährigen Bestehen zu entnehmen ist, und sich 1868 zum dritten Mal gründete. Und was gab es in der Folge nicht alles! 1911 gründete sich eine Frauenriege, das fanden die Kirchenvertreter nicht gut, die Riege wurde gleich wieder aufgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die Franzosen als Besatzungsmacht den TVB, der 1950 zum vierten Mal aus der Taufe gehoben wurde, fünf Jahre vor der Eröffnung des Jahnstadions, in dem 1997 das erste Internationale Bühler Hochsprung-Meeting.

Da feierte der TVB sein 150-jähriges Bestehen und hatte 2.650 Mitglieder. Der Erwähnung bedarf nicht zuletzt das Jahr 1977, als die Volleyballer vom Skiclub Bühl zum TV wechseln, es sollte in zehn spannende wie turbulente Jahre in der Volleyball-Bundesliga münden. Doch auch das ist schon wieder Geschichte. Zum 150-Jährigen schrieb Jürgen Dieckert, der damalige Präsident des Deutschen Turner-Bunds im Grußwort: „Das Engagement über Generationen hinweg macht mich zuversichtlich, dass der TV Bühl auch in Zukunft mehr bietet als pure Dienstleistungen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch an alle Mitglieder appellieren, in ihre Mitgliedschaft auch eine Verpflichtung zur Mitarbeit zu sehen.“ Das Zitat ist nun auch schon 25 Jahre alt, hat aber seine Gültigkeit nicht verloren.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Jörg Seiler

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Erstellt:
4. Februar 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 57sec

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