30 Jahre danach: Das Attentat auf Wolfgang Schäuble

Oppenau (fk) – Am 12. Oktober 1990 wird auf den heutigen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in Oppenau ein Anschlag verübt. Das BT hat mit Zeitzeugen gesprochen und erzählt die ganze Geschichte.

Kämpfernatur: Sechs Wochen nach dem Attentat fährt der damals 48-jährige Schäuble im Rollstuhl vor die Presse. Er wird nie wieder laufen können. Foto: Norbert Försterling/dpa/Archiv

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Kämpfernatur: Sechs Wochen nach dem Attentat fährt der damals 48-jährige Schäuble im Rollstuhl vor die Presse. Er wird nie wieder laufen können. Foto: Norbert Försterling/dpa/Archiv

Helmut Schmälzle glaubt im ersten Moment an platzende Luftballons. Gleich mehrere davon hat der Oppenauer CDU-Ortsverband im Eingangsbereich der Brauereigaststätte Bruder aufgehängt. Doch kurz darauf sehen der Polizist und sein Kollege Dutzende Menschen in Panik aus dem Gasthaus stürzen. Da wird beiden schnell klar, die drei knallenden Geräusche, die Sekunden zuvor die Abendstille in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen durchbrochen haben, es waren Schüsse.

Schmälzle und sein Kollege sollen die An- und Abfahrt des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble sichern. Um wenige Minuten nach zehn stehen sie deshalb in jener Oktobernacht 1990 auf dem Hof des Oppenauer Polizeireviers, quasi schräg gegenüber des Brudersaals, keine 100 Meter vom Eingang entfernt, und warten. Der Minister hat eben seine Rede beendet und sollte eigentlich jeden Moment mit seinen Bodyguards und seinem Team aus dem dunklen Eingangsbereich in das fahle Licht der Poststraße hinaustreten. Stattdessen hören es die beiden Beamten dreimal knallen. „Erst zweimal kurz hintereinander, dann mit etwas Abstand ein drittes Mal“, erinnert sich Schmälzle fast 30 Jahre später im BT-Gespräch an jenen 12. Oktober 1990 zurück. Den Tag, als der später für psychisch krank erklärte Attentäter Dieter Kaufmann mit dem Revolver seines Vaters Wolfgang Schäuble mit zwei Kugeln niederstreckt. Schäuble überlebt knapp, wird jedoch nie wieder laufen können, ist seitdem an einen Rollstuhl gefesselt.

Rede in Oppenau ist ein Heimspiel

Der Auftritt damals in Oppenau ist ein echtes Heimspiel für Schäuble. Er wohnt in Gengenbach, Luftlinie sind das nur ein paar wenige Kilometer über den Berg. Die Menschen kennen den sportlichen Mittvierziger, Ortskundige sehen ihn des Öfteren auf den Höhenlagen zwischen den Gemeinden durch die dichten Wälder joggen. Bei der zurückliegenden Bundestagswahl 1987 hatte Schäuble in Oppenau 67 Prozent der Erststimmen geholt. Die Nächste im Dezember 1990 steht kurz bevor. Und Schäuble weiß, auf die Oppenauer und Renchtäler kann er sich verlassen – seit jeher ist der gesamte Wahlkreis Offenburg, zu dem das Tal zählt, fest in CDU-Hand. Noch nie nach dem Zweiten Weltkrieg hat hier jemand anders den Sieg eingefahren; außer 1949 sogar stets mit mehr als 50 Prozent der Stimmen.

An der Tür wartet der Mann in der Lederjacke

Die Rede in Oppenau und der Ausflug in die Heimat sind daher nicht von ungefähr die ideale Gelegenheit für Stern-Reporter Hans Peter Schütz, um Stoff für sein Portrait über Schäuble zu sammeln. „Kohls Kronprinz“ soll der Titel lauten. Jahre später erinnert er sich in einem neuerlichen Beitrag für das Magazin. Eine Standardrede habe Schäuble gehalten. Lediglich Oskar Lafontaine (damals Kanzlerkandidat der SPD) habe er hart attackiert. Nach dem Abschluss seiner fast eineinhalbstündigen Ausführungen spricht der Minister noch mit ein paar Parteifreunden, gibt Autogramme. Dann gehen er und Schütz zusammen mit Schäubles Bodyguards durch den Saal Richtung Ausgang. An der Tür wartet rechts ein Mann mit einer dunklen Lederjacke. Er hatte zuvor unauffällig und ruhig im Saal gesessen. Schütz schreibt 2010 im Stern: „Als Schäuble und sein dichtauf folgender hünenhafter Bodyguard Klaus-Dieter Michalsky ihn (den Mann in der Lederjacke, Anm. d. Red) fast passiert haben, macht er eine schnelle Bewegung, schiebt den rechten Arm von oben zwischen Michalsky und Schäuble. Es knallt zweimal kurz hintereinander, hell und schmerzhaft laut, dann ein drittes Mal. Menschen fallen übereinander, reißen Bilder von der Wand, Glas scheppert.“ Schäuble sinkt zu Boden, bleibt rücklings unter dem Türbogen liegen. Das Blut färbt den Hemdkragen rot.

Drohungen gegen Attentäter

Draußen hören Polizist Schmälzle und sein Kollege die Schüsse – der dritte hat Bodyguard Michalsky erwischt, der sich schützend über Schäuble geworfen hat. Die beiden Beamten rennen sofort los. Der Kollege direkt rüber über die Straße zum Brudersaal, Schmälzle zum Dienstwagen. „Den brauchten wir für den Funk. 1990 gab es die Möglichkeiten von heute noch nicht“, erzählt Schmälzle. Als er vor dem Gasthaus vorfährt, sind die Bodyguards von Schäuble zunächst überzeugt, der Täter sei ein Mann im weißen T-Shirt, der kurz nach den Schüssen durch den Hintereingang flüchtete.

Schmälzle und einer der Personenschützer rasen zum Schwimmbadparkplatz, der durch den nahen Stadtpark zu erreichen ist. Der Beamte ist überzeugt: Wenn der Täter mit dem Auto angereist ist, konnte er nur dort unauffällig, etwas ab vom Schuss, parken. Die Attentate der RAF sind den Sicherheitskräften noch gut in Erinnerung, wohl auch deshalb gehen sie von einem Fluchtfahrzeug aus. Doch noch während sie auf dem Weg sind, erhalten sie die Nachricht, dass Schmälzles Kollege und ein privat anwesender Polizist Attentäter Kaufmann überwältigt haben.

Als Schmälzle am Tatort eintrifft, ist die Stimmung aufgeheizt. Die Umstehenden stoßen Drohungen in Richtung des Attentäters aus. Innenminister Schäuble liegt immer noch im Foyer in einer Blutlache. Einige der Anwesenden haben ihn auf die Seite gedreht. Auf dem Rücken wird eine zweite Schusswunde sichtbar. Auf dem Hemd sind noch Schmauchspuren. Hans Peter Schütz schreibt: „Verzweifelt versucht jemand mit einem Papiertaschentuch das Blut in Schäubles Gesicht wegzutupfen. Es ist düster am Saalausgang. Eine Taschenlampe wird geholt. In ihrem Schein öffnet der Verletzte kurz die Augen. ,Ich habe kein Gefühl mehr in den Beinen‘, flüstert er.“ Nach einigen Minuten trifft der in der Nähe wohnende Oppenauer Arzt Wolfgang Keller ein. Mit einer Infusion und Medikamenten stabilisiert er Schäubles Blutkreislauf, „und macht den Verletzten so überhaupt erst transportfähig“, rekapituliert der „Spiegel“ (Ausgabe 43/1990) die medizinische Historie der Schüsse von Oppenau. 30 Minuten nach der Tat liegt Schäuble im Krankenwagen, wird über die sich durchs Tal windende B28 zunächst ins Oberkircher Krankenhaus, dann ins Kreiskrankenhaus nach Offenburg gebracht. Noch in der Nacht geht es von dort via Hubschrauber zur Spezialbehandlung nach Freiburg. Doch – so der „Spiegel“ – „auch das rasche und richtige Handeln der Ärzte“ kann den Schaden am Rückenmark nicht mehr korrigieren.

Schütze fühlte sich vom Staat verfolgt

Irgendwann in der Nacht taucht auch der damalige baden-württembergische Inneminister Dietmar Schlee (CDU) mit dem Landespolizeipräsidenten auf dem kleinen Revier in Oppenau auf. Dorthin haben Schmälzle und Kollegen Attentäter Kaufmann schnellstmöglich verfrachtet, um die Stimmung im Saal nicht noch mehr aufzuheizen; dort verhört ihn das Landeskriminalamt noch in der Nacht. Stunden später braucht dann auch der Oppenauer Posten selbst Polizeischutz. Er wird von Reportern belagert, die versuchen, ins Büro zu kommen.

Helmut Schmälzle heute. Foto: Florian Krekel

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Helmut Schmälzle heute. Foto: Florian Krekel

Kaufmann, der bereits eine Haftstrafe wegen Drogenhandels verbüßte und in psychiatrischer Behandlung gewesen war, wirkt nach dem Attentat gelöst. Begründet die Schüsse damit, dass er sich vom Staat verfolgt fühle und den Bundesinnenminister dafür verantwortlich mache. So zumindest schildern es die ermittelnden Beamten damals am nächsten Morgen BT-Redakteur Friedrich Roeingh. Kaufmann wohnt bei seinen Eltern im kleinen Renchtaldorf Nesselried. Sein Vater (SPD) war einst Bürgermeister der Nachbargemeinde Appenweier gewesen. Von dort war Kaufmann mit dem Revolver der Marke Smith & Wesson aus dem Jagdschrank seines Vaters in der Tasche mit dem Bus nach Oppenau gefahren. Im nachfolgenden Prozess wird er aufgrund paranoid-halluzinatorischer Schizophrenie für schuldunfähig erklärt und in eine Klinik eingewiesen. Er stirbt 2019 im Alter von 65 Jahren.

Auch Bodyguard Klaus-Dieter Michalsky, zum Zeitpunkt des Attentats 28 Jahre alt, lebt nicht mehr. Der Mann, der Schäuble vermutlich das Leben rettete und beim Attentat durch einen Streifschuss verletzt wird, erliegt 2004 im Alter von 42 Jahren einem Krebsleiden. Helmut Schmälzle bleibt bis zu seiner Pensionierung Anfang 2020 Polizist in Oppenau und wird später dort Revierleiter.

Wolfgang Schäuble selbst ist heute als Präsident des Deutschen Bundestages präsent wie eh und je. Erst vor wenigen Wochen hat er angekündigt, auch bei der kommenden Bundestagswahl im Wahlkreis Offenburg wieder anzutreten. Über das Attentat selbst, bei dem seine Wirbelsäule verletzt wird und seit dem er vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt ist, spricht er so gut wie nie. Auf BT-Anfrage lässt er mitteilen, dass er sich auch jetzt nicht äußern wolle. Bei Markus Lanz im ZDF sagt er lediglich, er könne sich in den fünf Tagen nach dem Attentat sowieso an nichts mehr erinnern. „Ich bin so rausgegangen und da macht es auf einmal Knall. (...) Dann setzt meine Erinnerung fünf Tage lang aus. So geht’s. Von einer Sekunde auf die andere ist es eine andere Welt, das ist menschliches Leben.“ Die „Bild“-Zeitung zitiert ihn vor Jahren mit den Worten: „Ich empfinde es als einen Unfall. Ich weiß nicht, welchen Unterschied es machen soll. Die Wirkung ist jedenfalls dieselbe.“

Lange politische Karriere

Seine politische Karriere geht über die Jahre fast unvermindert weiter – ein Makel bleibt die CDU-Spendenaffäre 1999/2000 und das damit einhergehende Zerwürfnis mit Helmut Kohl. Schäuble ist nach dem Attentat noch bis 1991 Bundesinnenminister, von 1991 bis 2000 Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und von 1998 bis 2000 auch Vorsitzender der CDU Deutschlands sowie von 2005 bis 2009 erneut Bundesinnenminister und ab 2009 bis 2017 Bundesfinanzminister. Seit Oktober 2017 ist er Bundestagspräsident.

1990 war Schäuble Verhandlungsführer für die Bundesrepublik bei der Aushandlung des deutschen Einigungsvertrags mit der DDR. Nach sieben Wochen der Verhandlung war man am Ziel. In den Mittagsstunden des 31. August 1990 unterzeichneten Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause im Ost-Berliner Kronprinzenpalais Unter den Linden das Vertragswerk. Es legte unter anderem die Bildung der fünf neuen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern fest und bestimmte den 3. Oktober zum gesetzlichen Feiertag. Es war bis dato der Höhepunkt der politischen Karriere des Wolfgang Schäuble – er selbst sieht das bis heute so. Nur eineinhalb Monate später sollte sich sein Leben für immer ändern.


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