35 Millionen Jod-Tabletten beim Katastrophenschutz

Stuttgart (bjhw) – Nach Russlands Drohung wird in Österreich, aber auch in Baden-Württemberg vermehrt über Jodtabletten diskutiert. Experten warnen aber vor einer präventiven Einnahme von Kaliumiodid.

Apotheken, auch in der Schweiz und in Österreich, melden eine zum Teil stark erhöhte Nachfrage an Kaliumiodid. Foto: Emily Wabitsch/dpa

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Apotheken, auch in der Schweiz und in Österreich, melden eine zum Teil stark erhöhte Nachfrage an Kaliumiodid. Foto: Emily Wabitsch/dpa

Im Netz, aber auch in der analogen Welt, wird über den Einsatz von Jodtabletten diskutiert, seit der russische Präsident Wladimir Putin seine Atomstreitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt hat und aus der Region rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl leicht erhöhte Strahlenwerte gemeldet werden.

Von Eigenmedikation wird abgeraten

In Österreich sah sich sogar Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) aufgerufen, von einer Eigenmedikation „sehr dringend abzuraten“. Für Baden-Württemberg lagern nicht weniger als 35 Millionen Tabletten beim Katastrophenschutz. Gegenwärtig gebe es aber keinerlei Veranlassung zur Einnahme, warnt auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Grundsätzlich „sollten Jodtabletten nur nach ausdrücklicher Aufforderung durch die Behörden in der genannten Dosis verwendet werden“.

Das BfS twittert sogar: „Keine Jodtabletten einnehmen.“ In kürzester Zeit haben sich 1.500 Tweets unter dem einschlägigen Hashtag angesammelt. Apotheken, auch in der Schweiz und in Österreich, melden eine zum Teil stark erhöhte Nachfrage an Kaliumiodid. Unter bestimmten Voraussetzungen eingenommen, kann diese Substanz die Anreicherung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse verhindern.

Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend dafür, dass die sogenannte Jodblockade funktioniert. „Nimmt man die Jodtabletten zu spät ein, kann radioaktives Jod zuvor von der Schilddrüse aufgenommen werden, nimmt man die Tabletten zu früh ein, ist das zugeführte nicht-radioaktive Jod schon wieder ganz oder teilweise abgebaut“, erklärt ein Sprecher im Stuttgarter Innenministerium.

Erheblicher Modernisierungsbedarf

Dort sind auch die für Baden-Württemberg zuständigen Behörden angesiedelt, die die Tablettenbestände erst im Sommer 2021 in einer bundesweiten Aktion erneuert hatten. Staatssekretär Wilfried Klenk (CDU) erinnert auf BT-Anfrage daran, dass auch darüber hinaus der Modernisierungsbedarf erheblich ist: „Ein deutlicher Ausbau der Ausstattung des Bevölkerungsschutzes sowie der zeitnahe Ersatz überalterter Ausstattung muss dringend erfolgen.“ Es brauche Notstromaggregate, moderne Fahrzeuge, Zelte, Sanitätszüge, ABC-Züge mit atomarer Messtechnik und Schutzkleidung, mobile Sanitätseinrichtungen, mobile Trinkwasseranlagen und Feldkochherde. Klenk kann sich vorstellen, dass ein Teil der zur Aus- und Aufrüstung der Bundeswehr vorgesehenen 100 Milliarden Euro in den Katastrophenschutz fließen, vor allem, um ein datenbasiertes Bund-Länder-Kompetenzzentrum zu schaffen.

Nur einmal in der jüngeren Geschichte ist die Ausgabe von Jodtabletten erwogen worden. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl überwachte das inzwischen im Institut für Technologie (KIT) aufgegangene Kernforschungszentrum Karlsruhe die Entwicklung der Werte und stellte fest, dass sie eine Jodblockade nicht erforderlich machten. Darüber hinaus spielt das Thema vor allem bei Übungen eine Rolle, etwa als 2013 grenzübergreifend der Ernstfall eines Unglücks im Atomreaktor in Fessenheim durchexerziert wurde.


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