40 Jahre Olympia-Boykott: Sport folgt der Politik

Bonn (ket) – In einer kleinen Serie beleuchtet Sportredakteur Frank Ketterer die Hintergründe des Olympia-Boykotts und stellt Sportler vor, die damit um ihre Olympiateilnahme und vielleicht sogar um den Olympiasieg gebracht wurden.

Die NOK-Mitgliederversammlung mit dem DSB-Präsidenten Willi Weyer, Schatzmeister Paul Skonieczny, NOK-Vizepräsident Dr. Klaus Hess sowie NOK-Präsident Willi Daume (von links) beschließt den Olympia-Boykott Deutschlands. Foto: Reeh/dpa

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Die NOK-Mitgliederversammlung mit dem DSB-Präsidenten Willi Weyer, Schatzmeister Paul Skonieczny, NOK-Vizepräsident Dr. Klaus Hess sowie NOK-Präsident Willi Daume (von links) beschließt den Olympia-Boykott Deutschlands. Foto: Reeh/dpa

Guido Kratschmer kann sich noch sehr gut daran erinnern, wo ihn die schlechte Botschaft ereilte. Der ehemalige Zehnkämpfer war auf dem Weg zum legendären Mehrkampf-Meeting im österreichischen Götzis, als im Autoradio die Nachricht verlesen wurde, Deutschland nehme nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teil. Es war ein Schock für Kratschmer, der sich das Ziel gesetzt hatte, in der Hauptstadt der damaligen Sowjetunion Olympiasieger zu werden. Es fühlte sich an, als ziehe ihm, diesem Kraftpaket, jemand einfach so den Stecker.

Wie Kratschmer ging es an diesem 15. Mai 1980, an dem das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) beschloss, der Boykott-Empfehlung der Bundesrepublik zu folgen, vielen deutschen Sportlern, die sich über Jahre auf die Spiele in Moskau vorbereitet und dafür so manche Entbehrung in Kauf genommen hatten. Auslöser für das deutsche Nein zu den Moskau-Spielen war der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979 bzw. die Reaktionen der USA auf diese Invasion. US-Präsident Jimmy Carter forderte neben verschiedenen Embargos vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), die Spiele aus Moskau in eine andere Stadt zu verlegen oder ganz ausfallen zu lassen. Sollte dies nicht geschehen, würden die USA einen Boykott in Betracht ziehen und unter alliierten und befreundeten Staaten dafür werben, sich diesem anzuschließen.

42 NOK schließen sich der USA-Aufforderung an

Eine Verlegung oder gar der Ausfall der Spiele war für das IOC von Anfang an keine Option. Es lehnte damals wie heute zumindest vordergründig jeden Eingriff der Politik in den Sport ab. Was wiederum einen möglichen Boykott anbelangte, erklärte das IOC auf seiner 82. Session im Februar 1980 in Lake Placid, dass nur die Nationalen Olympischen Komitees der einzelnen Staaten dazu bevollmächtigt seien, die Einladung zu Olympischen Spielen anzunehmen oder abzulehnen. Am Ende schlossen sich 42 NOK der Aufforderung der USA an, darunter Deutschland, Kanada und Japan. 81 Länder, unter ihnen Großbritannien, Frankreich, Italien, Belgien und Schweden, nahmen in Moskau teil, teilweise gegen den Willen ihrer Regierungen.

Auch in Deutschland gab die Politik dem Sport die Richtung vor, nur dass dieser, anders als in Großbritannien und Frankreich, sich dieser nicht widersetzte, sondern schlussendlich folgte. Dabei wurde auch im Bundestag durchaus heftig und kontrovers diskutiert – und zunächst sogar ergebnisoffen. „Niemand soll glauben, dass man durch einen Boykott einen einzigen russischen Soldaten aus Afghanistan herausholt“, warf etwa Willy Brandt (SPD) in die Debatte ein. Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) bezeichnete einen möglichen Boykott gar offen als „Unfug“: „Dann redet alles nur über die geplatzten Spiele und niemand mehr über die Invasion in Afghanistan.“

Wintersportverbände stimmen mit ab

Letztendlich stimmte der Bundestag, auch auf Betreiben von Kanzler Helmut Schmidt (SPD), der sichtlich darum bemüht, die USA, deren Präsident immer drängender Solidarität einforderte, nicht zu verstimmen, dem Boykott zu, wenn auch seltsam halbherzig. So empfahl die Bundesregierung zwar am 23. April 1980 dem deutschen NOK, „keine Mannschaft oder einzelne Sportler“ nach Moskau zu entsenden. Gleichsam gab sie bekannt, keine Sanktionen verhängen zu wollen, sollte sich das NOK anders entscheiden.

Das NOK entschied nicht anders – obwohl ein Großteil der bundesdeutschen Sportler die Ansicht vertrat, der Boykott sei zum einen ein durch und durch internes US-Thema, und ändere zum anderen nichts an der politischen Situation in Afghanistan. Das Problem: Bei der NOK-Entscheidung am 15. Mai 1980 in Düsseldorf durften nicht die Athleten abstimmen, sondern zumindest zum Großteil die Funktionäre aus den Fachverbänden. Mit 59:40 votierten die NOK-Mitglieder schließlich gegen eine Olympiateilnahme Deutschlands. Fast schon aberwitzig: Für den Boykott stimmten vor allem jene Verbände, die sich gar nicht für die Spiele qualifiziert hatten sowie die Wintersportverbände, die ihre Spiele bereits hinter sich hatten.

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Erstellt:
8. Mai 2020, 20:00 Uhr
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ca. 2min 56sec

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