50 Jahre Frauenfußball – auch in der Region

Baden-Baden (naf) – Hermann Neuburger war ein Wegbereiter für den Frauenfußball. Die Mädchenabteilung des SV Sinzheim entstand durch Claudia Huber.

Das gelungene Probetraining 2008 ist der Startschuss für die Mädchenabteilung beim SV Sinzheim. Foto: Stefan Ernst

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Das gelungene Probetraining 2008 ist der Startschuss für die Mädchenabteilung beim SV Sinzheim. Foto: Stefan Ernst

Man sieht es in Filmen, liest es in Büchern und hört es in Erzählungen: Eine einzige Begegnung kann ausreichen, um ein ganzes Leben maßgeblich zu verändern. Stopp, nicht umblättern! Hier geht es um keine rührselige Liebesgeschichte, für die Taschentücher gezückt werden müssen. Auf dem Fußballfeld kann es zwar auch das ein oder andere Mal zu Tränen kommen – die Gründe sind jedoch ganz andere. Hermann Neuburger jedenfalls, nahm nicht nur Einfluss an einem Leben, sondern an vielen. Als Pionier in der Welt des Frauenfußballs hat er mit seinem Kampf für die Akzeptanz kickender Mädels das Leben einiger Frauen geprägt.

1968, und damit zwei Jahre bevor der Frauenfußball deutschlandweit offiziell zugelassen wurde, begann Neuburger bereits, einige Frauen beim VfB Unzhurst zu trainieren. „Ich hatte da natürlich keine Vorurteile. Das war eine ganz wunderbare Sache“, erzählt der Senior heute. Dass er damals den Vorsitz des Vereins und somit viel Autorität innehatte, ersparte wohl einige Reibereien. Schwierigkeiten gab es nur mit dem Dorfpfarrer, erinnert sich Neuburger. „Der hat Frauen nicht gern im Fußball gesehen, eine Begründung dafür hatte er nicht. Außerdem dachte er, ich würde die Jugend von der Kirche abhalten.“ Darüber hinaus habe es auch Fälle gegeben, in denen junge Frauen „vom Elternhaus ein Verbot bekommen haben“.

Am 31. Oktober 1970 – vor genau 50 Jahren – war das bundesweite Verbot schließlich Geschichte: Der DFB hob den in Travemünde im Jahr 1955 gefassten Beschluss, Frauenfußballspiele nicht zu gestatten, auf. Mannschaften sowie Ligen wurden gebildet, und auch wenn Kritiker es anfangs nicht für möglich hielten – der Frauenfußball etablierte sich.

Schwieriger Anfang

Zu Beginn „war das noch Volksbelustigung“, erinnert sich Brigitte Kottler, eine der vielen Spielerinnen, die Neuburger als Trainer unter seine Fittiche nahm. Sätze wie „Frauen gehören nicht auf den Sportplatz, sondern hinter den Herd“, seien laut Kottler keine Ausnahme gewesen. Als sie 1977, mit 17 Jahren, selbst zu kicken begann, habe sich „schon vieles zum Positiven gewandelt“. Kottler hat sich jedenfalls respektiert gefühlt – sicherlich auch dank Neuburgers Vorarbeit. Doch auch der Erfolg gab den Damen Recht. Als südbadische Meister sowie südbadische Pokalsieger spielten die Frauen des VfB Unzhurst höherklassiger als ihre männlichen Vereinskollegen. „Sonntags war unsere Partie das Hauptspiel. Einige reagierten darauf vielleicht negativ, die meisten haben es aber akzeptiert – weil wir eben so gut waren“, erzählt Kottler.

Ein Stein bringt den nächsten ins Rollen, heißt es – Hermann Neuburger bewegte jedoch einen Felsen. Auch ihm war vermutlich nicht bewusst, was er da auslöste, als er eine seiner damaligen Spielerinnen überredete, eine der Mädchenmannschaften zu trainieren – und damit ihre Begeisterung weckte. Knapp zwei Jahrzehnte später ist Claudia Huber noch immer Trainerin aus Leidenschaft, Mädchenreferentin im Bezirk Baden-Baden, Mitglied des Südbadischen Fußballverbandes sowie Vorstand beim SV Sinzheim. Und mehr noch: Sie hat es ihrem Vorbild gleich getan und ebenfalls ein paar Steine ins Rollen gebracht. Denn seine Mädchenabteilung hat der SVS ihr zu verdanken.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

„Ich habe angefangen, ihnen richtig auf den Nerv zu gehen“, erzählt Huber, die „irgendwann sogar wöchentlich“ beim Vorstand anklopfte, um zu zeigen, dass es so langsam Zeit für Frauen beim SVS wäre. Huber schmunzelt: „Die üblichen Argumente wie ,kein Platz, kein Trainer‘ haben irgendwann nicht mehr gezogen.“ Der Verein erklärte sich bereit für den Testlauf. Ein Probetraining sollte zeigen, wie groß das Interesse überhaupt ist. „Als fünf Minuten vor Start noch niemand da war, habe ich mir schon Sorgen gemacht“, erzählt Huber, „doch plötzlich kam eine Horde Menschen ums Eck.“ 70 Mädels haben am ersten Training teilgenommen. „Es gab keinen Weg mehr zurück“, freut sich die Trainerin noch heute.

Mittlerweile gibt es die Mädchenabteilung seit zwölf Jahren, 2011 konnte aus dem eigenen Nachwuchs die erste Frauenmannschaft gegründet werden, die aktuell sogar in der Landesliga spielt.

Nachteile gegenüber den Männern im Verein sieht Huber keine mehr. Lediglich die Suche nach Trainern gestalte sich schwieriger. Aus jahrelanger Erfahrung weiß sie: Frauen und Mädchen zu trainieren kann anders sein – im positiven Sinn. „Man kann viel mehr neue Dinge ausprobieren. Es gibt niemanden, der sagt: ,So haben wir das aber schon immer gemacht‘“. Und die Entwicklung ihrer Mädels über die Jahre zu sehen, sei „einfach toll.“

Als „einfach toll“ kann man im Nachhinein wohl auch die Entwicklung des Frauenfußballs allgemein bezeichnen. Die forderte zwar einige Jahre lang nicht nur auf dem Spielfeld Durchsetzungsvermögen, doch nach unerbittlicher Pionierarbeit von Menschen wie Hermann Neuburger und Claudia Huber steht inzwischen der Sport im Vordergrund – den Mann und Frau gleichwohl lieben. Womit wir also doch bei der Liebesgeschichte angekommen wären.

Kommentar von Nadine Fissl: Zweikämpfe voller Humor

Es gibt eine Sache, die man als junge Fußballerin gleich zu Beginn eingetrichtert bekommt: Hab‘ keine Angst vor Zweikämpfen. Ich, eine der damals kleinen Hüpfer, die die Anfänge der Mädchenabteilung beim SV Sinzheim hautnah miterlebt hat, hatte nie große Angst vor Zweikämpfen – inzwischen auch nicht mehr neben dem Spielfeld. Im übertragenen Sinn versteht sich, denn statt kräftigem Körpereinsatz geht es ohne Ball am Fuß eher um Worte, dumme Sprüche und Witze, die oft so humorvoll sind wie ein Tor rund. Die wirklich großen Kämpfe mussten Fußballerinnen vor meiner Zeit austragen. Das, was heute davon übrig geblieben ist, kann man als nichtiges Duell bezeichnen. Fast schon unfair für den Gegner, denn, wer ist schon auf dessen Seite? Mädchen werden gefördert, Spielerinnen entwickeln sich zu Vorbildern, Frauenfußball weckt neue Begeisterung – und doch, die ein oder andere frauenfeindliche Floskel hat sich jede von uns schon einmal anhören müssen. Dabei geht es meist um Vergleiche mit den maskulinen Vereinskollegen. Darum lasst es uns ein für alle Mal klarstellen: Wir spielen nicht wie Männer. Und wollen das auch nicht. Bärbel Wohlleben, Silvia Neid und Co haben in den 70er Jahren nicht wegen eines Geschlechterkampfs mit dem Kicken begonnen – sie wollten einfach nur Fußball spielen. Das tun sie – und die Mehrheit feiert sie dafür. Darum: Liebe Minderheit, liebe „humorvolle“ Kritiker, jeder sollte mal über sich selbst lachen können – auch Fußballerinnen. Aber dann lasst beim nächsten Kommentar über euren Bierbauch doch bitte nicht gleich vor Schreck das Weizenglas fallen – denn ihr solltet wissen: Wir Mädels sind gut im Zweikampf, auch außerhalb des Spielfelds.


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