50. Late-Night-Format für Neue Musik am Staatstheater

Karlsruhe (cl) – Das Badische Staatstheater hat ein ungewöhnliches Late-Night-Format: Die 50. „Nachtklänge“ finden am Freitag statt. „Die Neue Musik soll raus aus der Nische“, sagt Dirigent Wagner.

Will Hörhilfen geben: Ulrich Wagner, der Direktor des Badischen Staatsopernchors, moderiert und dirigiert die „Nachtklänge“.  Foto: Felix Grünschloss/Badisches Staatstheater

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Will Hörhilfen geben: Ulrich Wagner, der Direktor des Badischen Staatsopernchors, moderiert und dirigiert die „Nachtklänge“. Foto: Felix Grünschloss/Badisches Staatstheater

Die Neue Musik hat gerade einen Lauf: Die Musiktage Donaueschingen haben ihr 100-Jähriges gefeiert, das Karlsruher „ZeitGenuss“-Festival spielt an diesem Wochenende – und am Badischen Staatstheater gibt es am Freitagabend die 50. „Nachtklänge“ mit zeitgenössischer Musik. Ulrich Wagner, der Direktor des Badischen Staatsopernchors und Kapellmeister, hat das Format 2003 mitinitiiert, weil ihm die Neue Musik ein besonderes Anliegen ist. 200 Komponisten wurden seit damals aufgeführt. „Die Neue Musik muss raus aus der Nische und rein in den Normalbetrieb kommen“, sagte Ulrich Wagner, in der Region auch bestens bekannt als langjähriger musikalischer Leiter der Volksschauspiele Ötigheim, im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt.

BT: Herr Wagner, die „Nachtklänge“ des Badischen Staatstheaters finden heute Abend zum 50. Mal statt. Was macht den Charme dieser besonderen Konzertform aus?
Ulrich Wagner: Wir haben die Reihe 2003 kreiiert. Sie ist aus der Konzertreihe der Badischen Staatskapelle unter dem sperrigen Namen „Konzerte zeitgenössischer Musik“ aus den 1960er Jahren im Gartensaal des Schlosses hervorgegangen, sie brauchte neue Impulse. Das war noch unter GMD Anthony Bramall, damit hat er mich unter anderem nach Karlsruhe gelockt. Wir dachten, ein Late-Night-Format würde zur Neuen Musik gut passen und fanden einen griffigeren Titel für die Reihe zu dieser Abendstunde. In der Insel konnten wir eine schöne Theateratmosphäre schaffen. Seit ein paar Jahren sind wir nun im Studio des Staatstheaters, weil hier die Infrastruktur besser ist. Vorher musste jeder Flügel extra in die Insel transportiert werden.

BT: Welche Musikrichtung haben die „Nachtklänge“?
Wagner: Wir haben einen ziemlich großen Auftrag dafür, dass sie nur dreimal im Jahr stattfinden. Von der klassischen Moderne bis zur Uraufführung wollen wir alles abbilden. Wir hatten Ravel, Busoni, Schönberg, Strawinsky, also wirklich Klassiker, bis hin zu sehr, sehr vielen Uraufführungen und alles, was zwischendrin liegt. Ich versuche immer, einen dramaturgischen Faden für ein Programm zu finden. Seit Sommer 2004 haben wir einmal im Jahr das Programm „Anklang“ in Kooperation mit der Musikhochschule Karlsruhe. Dabei stellen wir junge Komponistinnen und Komponisten aus der Hochschule vor, die bei Wolfgang Rihm oder Markus Hechtle studieren. Zusätzlich zur Staatskapelle bestücken wir die Ensembles dann knapp zur Hälfte mit Instrumentalstudenten.

„,Nachtklänge' haben einen enzyklopädischen Ansatz“

BT: Sie haben quasi einen Lehrauftrag.
Wagner: Genau. Die Studierenden können bei uns in einem professionellen Kontext erleben, wie so eine Einstudierung stattfindet. Das geht hier viel zackiger und flotter als in der Hochschule, wo man sich sehr viel Zeit nehmen kann für alles. Einige konnten dadurch einen ersten Kontakt zur Staatskapelle knüpfen – und nicht wenige von ihnen haben feste Stellen bei uns bekommen oder sind regelmäßig als Gastmusiker dabei.

BT: Wie groß ist der Kreis der Zuhörer für diese experimentelle Musik gewöhnlich?
Wagner: Im Studio gibt es 120 Sitzplätze, wenn die halbwegs gefüllt sind, ist das toll. Wir haben auch ein Stammpublikum. Die „Nachtklänge“ haben einen enzyklopädischen Ansatz, unser Ehrgeiz ist es, möglichst viel abzubilden. Mithilfe unserer neuen Konzertdramaturgin Mareike Jordt haben wir eine Art Festschrift zusammengestellt und alphabetisch nach Komponistennamen aufgelistet, was in den 50 Programmen alles aufgeführt wurde: genau 200 Werke.

BT: Eine solche Reihe benötigt sicher eine größere Vorbereitungszeit.
Wagner: Irrsinnig. Es ist sehr aufwendig, Partituren zu sichten und auch zu checken, was unter den Rahmenbedingungen, die wir zur Verfügung haben, passt. Bei den 50. „Nachtklängen“ feiern wir eine Premiere, erstmals finden die „Nachtklänge“ im Rahmen des „ZeitGenuss“-Festivals für Neue Musik der Musikhochschule statt.

Wagner moderiert Format eines Gesprächskonzerts

BT: Klangballungen von Varèse, Marc Andres Bezug zum Matthäusevangelium und eine Komposition von Rebecca Saunders stehen auf dem Programm: Was war Ihnen wichtig bei dieser Zusammenstellung?
Wagner: Dieses Programm hat die „ZeitGenuss“-Kuratorin Rebecca Saunders ausnahmsweise ausgewählt, ansonsten habe ich die alleinige Programmhoheit über die „Nachtklänge“. Wir werden ein anspruchsvolles Stück von ihr aufführen. Hinzu kommt ein Werk von Marc Andre, das war ein großer Wunsch von Rebecca Saunders, ein Komponist, zu dessen Werken sie einen großen Bezug hat, genauso zu Varèse.

BT: Bildet die Staatskapelle für diese Reihe extra Ensembles?
Wagner: Wenn ich mir ein Resümee aus den 50 Konzerten ziehen soll, nötigt mir die größte Bewunderung dieses unglaubliche Engagement ab, das die Musiker der Staatskapelle hineinstecken. Die Staatskapelle ist zunächst einmal ein traditionelles Opernorchester. Was da im Vorfeld für die „Nachtklänge“ an intensiver, individueller Vorbereitungszeit investiert wird, ist ganz besonders. Man muss sich richtig reinknien in diese Kompositionen – teilweise erfordern sie Spieltechniken, die noch nie vorgekommen sind. Die Musiker können sich dabei auch solistisch sehr gut präsentieren, entsprechend beliebt ist die Reihe bei den Orchestermitgliedern. Jedes Instrument, nicht nur das Schlagzeug, ist gefordert, alle Gruppen können sich einbringen.

BT: Angesichts der Festivalformate im Südschwarzwald und auch in Karlsruhe – kommt die Neue Musik langsam aus der Spezialistenecke?
Wagner: Das ist eines meiner ganz großen Anliegen. Ich bin ja von Hause aus Komponist, aber nicht mehr aktiv. Habe das in den späten 80er und frühen 90ern in Köln studiert, prägende Person war für mich Maurizio Kagel; bin durch das zweite Studium in die Theaterschiene gegangen und ganz glücklich damit. Aber mir ist es immer ein wahnsinniges Anliegen geblieben, sowohl was die Ausführenden betrifft, als auch das Publikum. Die Neue Musik muss raus aus der Nische und rein in den Normalbetrieb kommen. Ich finde es ganz wichtig, dass dieses Repertoire von normalen Orchestern gepflegt wird, dass man auch damit konfrontiert wird und dass man Formate findet und ein normales Publikum dafür interessiert, sei es auch nur, dass man sie in andere Programme einbaut. Für die „Nachtklänge“ haben wir das Format eines Gesprächskonzerts gewählt. Ich mache vorher eine Einführung und gebe Hörhilfen. Die Reihe richtet sich wirklich an Laien, an Musikinteressierte, die neugierig sind.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
21. Oktober 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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