60 Jahre Stuttgarter Ballett: Intendant Detrich spricht über die Cranko-Welt

Stuttgart (cl) – Das Stuttgarter Ballett wird 60. Gefeiert werden soll im Juni. Zum Jubiläum soll es „Onegin“ von Ballettgründer John Cranko geben, sagt Ballettchef Tamas Detrich im BT-Interview.

Dank einer ausgeklügelten Teststrategie kann in Stuttgart schon wieder geprobt werden: Ballettintendant Tamas Detrich im Ballettsaal.  Foto: Roman Novitzky/Ballett Stuttgart

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Dank einer ausgeklügelten Teststrategie kann in Stuttgart schon wieder geprobt werden: Ballettintendant Tamas Detrich im Ballettsaal. Foto: Roman Novitzky/Ballett Stuttgart

Für 66 Millionen Euro haben Stadt und Land in prominenter Stuttgarter Hanglage über 21 Höhenmeter erst jüngst eine der weltweit renommiertesten Ausbildungsstätten für Ballett mit einem Raumprogramm von 13.000 Quadratmetern geschaffen, am 28. September 2020 wurde der Neubau der John-Cranko-Schule für die angesehene Ballett-Compagnie eröffnet. Der Stellenwert des Stuttgarter Balletts ist immens. Es ist weltweit eine Marke wie Mercedes Benz. Dieses Stuttgarter Ballettwunder nahm vor 60 Jahren mit John Cranko seinen Lauf. Ohne, dass es absehbar war, hat sich seine Stuttgarter Compagnie in der Provinz Weltgeltung verschafft.
Zur ersten Tänzergeneration gehören prominente Namen des Balletts wie Marcia Haydée, die nach Crankos frühem Tod 1973 bald auch die Leitung der Compagnie übernahm, Richard Cragun, Birgit Keil, die spätere Karlsruher Ballettdirektorin, Egon Madsen, auch John Neumeier und William Forsythe. Sie trugen das Ballettwunder weiter in die Welt mit eigenen Compagnien, kein Hamburg Ballett, kein Frankfurter und auch das Bayerische Staatsballett in München, dessen Direktor Cranko zeitweise ebenfalls war, sind vorstellbar ohne ihn. Er hat innerhalb von nur zwölf Jahren die großen alten Handlungsballette erneuert, selbst neue Klassiker kreiert.
Auch Reid Anderson gehörte der ersten Tänzergeneration an, war über zwei Jahrzehnte Intendant der Stuttgarter Compagnie – sein Nachfolger ist Tamas Detrich, ebenfalls viele Jahre erster Solist des Balletts. Seit 2018 leitet Detrich das weltberühmte Ballettensemble. Über die tänzerischen Herausforderungen der Cranko-Choreografien, ihren Stellenwert fürs heutige Ballett, über Werktreue und Modernisierungen hat BT-Redakteurin Christiane Lenhardt mit Intendant Tamas Detrich gesprochen.
BT: Herr Detrich, wie geht es Ihnen und der Compagnie, sind Sie schon in die Probenräume zurückgekehrt?
Tamas Detrich: Wir sind bereits im Opernhaus und trainieren seit einigen Wochen mit kleineren Gruppen. Ab nächster Woche beginnen die Proben für einen neuen Ballettabend. Dahinter steckt eine komplizierte Logistik. Gerade kam jemand an, um ein Stück von Hans van Manen einzustudieren. Er musste vorher einen negativen Corona-Test vorlegen und ist gerade in Quarantäne. Erst dann darf er mit unseren Tänzern und Tänzerinnen arbeiten. Danach kommen zwei weitere Gäste, um andere Stücke einzustudieren; die müssen ebenfalls in Quarantäne.
BT: Wie haben die Tänzerinnen und Tänzer ihre Leistungsfähigkeit und die Moral während der langen Lockdown-Phasen behalten?
Detrich: Wir haben immer weitergearbeitet – und Spaß gehabt, trotz der harten Zeiten ohne Vorstellungen. Wir haben dabei auch viel gelernt, wie wir in dieser Krise arbeiten können, sind mit acht neuen Choreografien in die Spielzeit gegangen. Dass wir fünf Choreografen in der Compagnie haben, alles Tänzer, – einen solchen Luxus an jungen talentierten Künstlern zu haben –, freut mich sehr. Das war für mich immer der Sinn des Stuttgarter Balletts, seit ich hier bin. Schon unter Marcia Haydée war es wichtig, jungen Choreografen Chancen zu geben.

Neuer Ballettabend „Hans und Ludwig (+)“ soll im April auf die Bühne kommen, notfalls als Live-Stream


BT: Wie konnten Sie die Bedingungen während der Lockdown-Monate verbessern?
Detrich: Für mich war der erste Schritt, dass wir vom Ministerium als Hochleistungssportler anerkannt wurden. Dafür habe ich gekämpft. Denn ich wusste, das ist der Weg zurück in den Ballettsaal. Wir konnten früh mit bis zu 20 Tänzern gemeinsam trainieren. Beim ersten Ballettabend „Response“ war alles noch mit Abstand, kein Kontakt, nur Tänzerinnen und Tänzer, die zusammen wohnten, durften einen Pas de deux zusammen machen. Der nächste Schritt war, dass bis zu 20 Leute auf der Bühne erlaubt waren, dafür habe ich den Ballettabend „Höhepunkte“ entsprechend angepasst. So machen wir jetzt weiter. Zweimal die Woche werden alle Tänzer getestet. Mit diesem Testkonzept dürfte ich sogar mit der ganzen Compagnie einen „Onegin“ auf die Bühne bringen. Aber Sicherheit hat Vorrang, und ich beginne eher mit den Ballettabenden, wie das neue „Hans und Ludwig (+)“-Programm. In der Ballettwoche, die im Juni geplant ist, können wir dann vielleicht ein abendfüllendes Handlungsballett zeigen.
BT: Kurz vor Weihnachten haben Sie einen Spielplan für die zweite Saisonhälfte vorgestellt, die nun immer noch nicht beginnen kann. Werden Sie ihn aufrechterhalten?
Detrich: Im Moment halte ich an meinen Planungen fest. Den neuen Ballettabend „Hans und Ludwig (+)“, mit unter anderem einer Uraufführung von Mauro Bigonzetti zu live gespielter Klaviermusik von Ludwig van Beethoven, will ich im April aufführen, als Live-Stream, wenn möglich. Genau, wie wir es mit „Response II“ im vergangenen Herbst gemacht haben. Mit dieser Aussicht ist die Compagnie auch motiviert, weil sie wissen, wir haben ein Publikum und tanzen für die ganze Welt, wenn auch „nur“ im Netz. Außerdem hoffen wir, dass wir im April spielen dürfen; die Zahlen sind ja besser geworden.
BT: Planen Sie ein größeres Programm zum Jubiläum des Stuttgarter Balletts?
Detrich: Natürlich wollen wir zum Jubiläum ein großes Stück von John Cranko zeigen, für mich muss es „Onegin“ sein. Es ist ein Meisterwerk des 20. Jahrhunderts. Mein Traum wäre, die Ballettwoche mit einer oder mehreren Vorstellungen von „Onegin“ zu beenden. Schließlich haben wir seit Februar 2020 kein Handlungsballett mehr getanzt. Außerdem plane ich die Premiere von „New Works“ mit drei Uraufführungen von Christian Spuck, Edward Clug und Marco Goecke sowie eine Erstaufführung von William Forsythe.
BT: Bühnenbildner Jürgen Rose will die gut 50 Jahre alte Ausstattung von „Onegin“ erneuern. Was hat er genau vor?
Detrich: Durch Corona haben wir die Gelegenheit, intensiv auf der Bühne daran zu arbeiten, weil es den ganzen März über keine Vorstellungen gibt. Wir haben das Bühnenbild des Stücks zwar immer gepflegt, aber im Laufe der Zeit ist einiges von der ursprünglichen Version verloren gegangen. Jürgen Rose hat noch die Originalskizzen und will in Zusammenarbeit mit den Werkstätten des Staatstheaters die Prospekte wieder neu herstellen und dabei ergänzen, was weggefallen ist. Jürgen Rose wird auch die Beleuchtung auffrischen.
Gelungene Neuinszenierung beim Stuttgarter Ballett: Das Handlungsballett „Mayerling“ von Kenneth MacMillan im 2019 neu konzipierten Bühnenbild von Jürgen Rose.  Foto: Ulrich Beuttenmüller/Stuttgarter Ballett

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Gelungene Neuinszenierung beim Stuttgarter Ballett: Das Handlungsballett „Mayerling“ von Kenneth MacMillan im 2019 neu konzipierten Bühnenbild von Jürgen Rose. Foto: Ulrich Beuttenmüller/Stuttgarter Ballett


BT: Sind dabei auch Modernisierungen geplant?
Detrich: Nicht mit „Onegin“. Ich habe sehr viele unterschiedliche Ausstattungen auf der ganzen Welt gesehen. Jürgen Roses ist die schönste und beste. Das Gleiche gilt auch für die „Kameliendame“ von John Neumeier – auch sie ist ein perfektes Gesamtkunstwerk. Bei Crankos „Romeo und Julia“ aber zeigen wir nicht mehr die ursprüngliche Version. Jürgen Rose hat die Ausstattung bereits in den 90er Jahren überarbeitet. Ich tanzte damals den Romeo. Und bei „Der Widerspenstigen Zähmung“ braucht es vielleicht auch ein bisschen weniger von Manchem. Es entstand in einer anderen Epoche. Das Ballett „Mayerling“ (von Kenneth MacMillan, Anm.d.Red.) haben wir ja erst jüngst in einer modernisierten Fassung herausgebracht. Die ursprüngliche Version war aus meiner Sicht zu altmodisch mit der Ausstattung aus den 70er Jahren. Man konnte die Charaktere nur schwer auseinanderhalten. Ich habe darüber mit Lady MacMillan gesprochen, und sie war ganz offen dafür.
BT: Die Idee, das Bühnenbild und die Kostüme in Schwarz-Weiß zu tauchen, war sehr eindrücklich.
Detrich: Hoffentlich gehen wird damit bald auf Tournee. Viele Theater in der Welt sind sehr daran interessiert. Aber auch „Onegin“ steht bei den Veranstaltern nach wie vor hoch im Kurs.
BT: Halten Sie es für das beste Stück von Cranko?
Detrich: Als abendfüllendes Stück ja, auch „Romeo und Julia“ gehört dazu. Für „Romeo“ hat sich John Cranko damals von anderen Versionen inspirieren lassen und seine eigene Choreografie daraus gemacht. Aber „Onegin“ war völlig neu – es gab zuvor kein Ballett zu Puschkins Vorlage. Auch die Musik stellte er neu zusammen, sehr schön. Deswegen tanzen viele Compagnien weltweit diese Choreografie. Und alle Tänzer weltweit wollen diese Hauptrollen tanzen.
BT: Sie selbst haben während Ihrer Karriere als Tänzer in vielen Cranko-Balletten Hauptrollen getanzt. Welche Rolle war für Sie rückblickend die anstrengendste und anspruchsvollste?
Detrich: Jede Rolle ist eine besondere Herausforderung. Sicherlich sind die Pas de deux in „Onegin“ sehr herausfordernd. Wenn man einen Romeo vorweg getanzt hat oder in „Der Widerspenstigen Zähmung“, dann ist man in der Welt von John Cranko angekommen. Seine Pas de deux sind technisch sehr komplex. Doch wenn man Vertrauen zur Partnerin hat und sie auch zu einem selbst, geht es und macht Spaß. Alles ist immer eine Frage der Vorbereitung. Dann ist es gut machbar, vor allem, wenn man körperlich gut trainiert ist. In „Onegin“ ist das erste Spiegel-Pas-de-deux körperlich anstrengender als das letzte. Aber das letzte Pas de deux ist, wenn man es auf der Bühne voll ausspielt, sehr emotional. Wenn man es durchlebt hat, ist man am Ende erschöpft. Zur physischen Erschöpfung kommt also die emotionale hinzu, und wenn das zusammenkommt, ist man fast den Tränen nahe.

Auch die Tänzer spüren magische Momente am Schwanensee


BT: In den Balletten von John Cranko spielen Emotionen und der Ausdruck eine außerordentlich große Rolle.
Detrich: Ja, beim „Schwanensee“, im vierten Akt, wenn alle technischen Schwierigkeiten vorbei sind, kann man es kaum erwarten, in diesen magischen Moment im Einklang mit dieser besonderen Musik, die Cranko dafür gewählt hat, einzutauchen. Da lebt man ganz intensiv in dieser Rolle. Das ist Cranko – bei ihm ist es nicht schwer, in die Rolle reinzukommen. Ja, schöne Erinnerung.
BT: Welchen Stellenwert haben Crankos Choreografien für die heutige Compagnie?
Detrich: Wir gastieren ja überall in der Welt – und meistens möchte man von uns ein Cranko-Ballett sehen. „Romeo und Julia“ oder „Onegin“, oder „Dornröschen“ von Marcia Haydée. Der Stellenwert der narrativen Ballette, Geschichten zu erzählen, mit großen Bühnenbildern, das ist immer noch sehr gefragt überall. Wenn ich mit dem Stuttgarter Ballett auf Tournee gehe, würde ich schon gerne noch etwas Neues, einen Ballettabend, eben eine andere Seite der Compagnie zeigen. Aber die Veranstalter haben natürlich zuerst den Kartenverkauf im Blick. Wenn das Stück einen Titel hat, wie „Schwanensee“ oder „Dornröschen“, ist es leichter zu verkaufen. Nicht zu vergessen: Wir sind eine klassische Ballettcompagnie und wenn wir international mithalten wollen, müssen wir diese Klassiker tanzen, weil das das technische Niveau der Tänzerinnen und Tänzer fit hält. Wir müssen diese Stücke im Repertoire haben, und ich finde das wunderbar. Hier in Stuttgart haben wir ein Publikum, das ebenfalls erwartet, dass wir etwas Neues, Bahnbrechendes machen. Diese Mischung ist toll. Ich muss mir glücklicherweise nie Gedanken darüber machen, ob sich hier zu Hause etwas „verkaufen“ wird, wenn ich einen Spielplan aufstelle. Das ist nicht nur eine Seltenheit in der Ballettwelt, sondern auch ein Privileg.
BT: Gibt es trotzdem Überlegungen, die bis zu 60 Jahre alten Choreografien von John Cranko zu modernisieren?
Detrich: Ich glaube, man muss in erster Linie der Choreografie treu sein. Durch die Jahre hat sich aber auch vieles entwickelt, auch mit dem Einverständnis von Reid Anderson und Dieter Gräfe. Wichtig ist, dass die Emotionen unserem heutigen Empfinden angepasst werden, dass es Freiheiten gibt bei der Interpretation von Gefühlen. Ein Romeo ist auch nach 60 Jahren noch frisch, weil hier moderne Tänzer auf der Bühne sich lieben, ein Mercutio stirbt heute ganz anders als vor 40 Jahren. Damals waren die Bewegungen größer, das ist für heutiges Empfinden ein bisschen zu melodramatisch und funktioniert so nicht mehr. Heute macht man es viel naturalistischer. Dadurch ist die Choreografie nicht anders geworden, aber das Stück hat sich beim Timing und im Ausdruck verändert. Die Werke John Crankos zeichnen sich durch Charaktere und Emotionen, die unglaublich menschlich sind, aus. Dadurch sind sie zeitlos und – das zeigt unsere Erfahrung auf Gastspielen – universell.

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Erstellt:
21. Februar 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 53sec

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