61 weitere Stolpersteine werden verlegt

Kuppenheim (mak) – Der Kuppenheimer Gemeinderat hat den Weg frei gemacht für die Verlegung von 61 weiteren Stolpersteinen. Zudem soll ein Mahnmal für während der NS-Zeit verfolgte Bürger entstehen.

Ort des Gedenkens an die einstigen jüdischen Mitbürger: Der Synagogenplatz in Kuppenheim. Foto: Frank Vetter

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Ort des Gedenkens an die einstigen jüdischen Mitbürger: Der Synagogenplatz in Kuppenheim. Foto: Frank Vetter

Der Kuppenheimer Gemeinderat hat in seiner Sitzung am Montag den Weg frei gemacht für die Verlegung von 61 weiteren Stolpersteinen. Damit wird es insgesamt 129 dieser Gedenksteine in der Knöpflestadt geben, die an die einstigen jüdischen Mitbürger erinnern. Vorausgegangen war eine Stellungnahme von Heinz Wolf, Sprecher des AK Stolpersteine, in der sich die Gruppierung von dem Kuppenheimer Künstler Paul Sachse, der mittlerweile in Hamburg wohnt, distanziert.

In der Vergangenheit hatten E-Mails von Sachse an Bürgermeister Karsten Mußler und an einige Gemeinderäte die Zusammenarbeit mit dem AK auf eine Belastungsprobe gestellt (wir berichteten). Die Stadt hatte eine weitere Zusammenarbeit von einer Distanzierung des AK von Sachse abhängig gemacht. Heinz Wolf wurde in der Sitzung Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben: „Der Arbeitskreis und insbesondere ich als Sprecher sehen uns unter einem ungeheuren Druck. Einerseits wurde uns mehrfach vermittelt, dass es ohne eine Abgrenzung des Arbeitskreises von Paul Sachses bekannten Auslassungen keine weiteren oder zumindest nur eingeschränkte Stolpersteinlegungen geben werde“, führte Wolf aus.

Rudolf Jörger, vom Bürgermeister zum Koordinator zwischen den einzelnen Gruppierungen berufen, habe in seiner E-Mail vom 7. Januar an ihn deutlich gemacht, „dass Herr Mußler sein Votum davon abhängig mache, dass ich als AK-Vorsitzender mich von den Äußerungen Sachses distanziere“, so Wolf. Sachse andererseits „verunglimpft mich und die anderen vom Arbeitskreis, sollten wir dem von der Stadtverwaltung vorgelegten Kompromiss zustimmen und uns somit von seinen Äußerungen distanzieren, die immer ohne unsere Kenntnis geschahen“, verdeutlichte der AK-Sprecher.

Arbeitskreis distanziert sich von diffamierenden Äußerungen

„Äußerungen von Paul Sachse, die Sie, Herr Bürgermeister Mußler, Gemeinderäte und Vereinsvertreter als persönliche Angriffe oder Beleidigungen empfanden, wurden und werden vom Arbeitskreis nicht mitgetragen“, betonte Wolf. Im Hinblick auf dessen Äußerungen habe es keine Absprache mit Mitarbeitern des Arbeitskreises und Sachse gegeben. Dieser sei seit Ende vergangenen Jahres nicht mehr Mitglied im AK.

Dennoch würdige der Arbeitskreis Sachses Beiträge bei Gedenkveranstaltungen, Führungen und beim Betreuen der Stolpersteine. Man schätze dessen Einsatz für eine „würdige Gedenktafel zur Schändung der Kuppenheimer Synagoge“. Sachse habe viele Jahre für eine Namenstafel auf dem Synagogenplatz gekämpft, einen künstlerischen Entwurf gestaltet „und musste dann zusehen, wie seine Idee von der KJG im Auftrag der Gemeinde realisiert wurde“, sagte Wolf.

Im Hinblick auf die Sitzungsvorlage, in der das Engagement der einzelnen Gruppierungen im Hinblick auf das Gedenken gewürdigt wird, fühle sich der Arbeitskreis „was die Anerkennung unseres Engagements anbelangt, eher etwas stiefmütterlich behandelt“, monierte er.

Bürgermeister Mußler entgegnete: „Ich glaube, es hätte Ihnen gut zu Gesicht gestanden, wenn Sie sich klarer geäußert hätten. Aus meiner Sicht hätte viel früher eine deutliche Distanzierung kommen müssen“, urteilte er. Dieser Meinung schlossen sich auch die Fraktionsvorsitzenden in ihren Stellungnahmen an.

Im Hinblick auf den Urheberrechtsstreit bezüglich des aufgeschlagenen Buchs mit den Namen der letzten 16 deportierten Juden auf dem Synagogenplatz meinte er: „Es kann nicht funktionieren, wenn man droht, die KJG und die Stadt zu verklagen wegen eines Grabsteins, den ein Kuppenheimer Steinmetz bei einem Händler bestellt hat und der tausendfach hergestellt wurde.“

Mahnmal für verfolgte Bürger geplant


Wenn man ihn als „Antisemit“ bezeichne, „dann verletzt mich das zutiefst“, verdeutlichte Mußler: „Wir brauchen uns nicht zu verstecken, was das jüdische Gedenken betrifft.“ Der Bürgermeister führte weiter aus, dass es dem Gemeinderat und der Verwaltung ein Anliegen sei, Kuppenheimer und Oberndorfer Bürgern, die unter den Repressalien und der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gelitten oder ihr Leben verloren haben, ein „Mahnmal an geeigneter Stelle“ zu setzen – unter Federführung der Stadt. Über den Standort müsse der Rat noch diskutieren.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Rudolf Jörger meinte zu Wolf: „Ich habe dir meine persönliche Meinung geschrieben und wollte nicht, dass das öffentlich wird.“ Stolpersteine seien eine gute Sache, doch man wolle heute das Engagement aller würdigen.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Lothar Kolles mahnte, dass „wir nie vergessen dürfen, was in dieser schrecklichen Zeit an Leid passiert ist“. Das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit „sollte kein Wettbewerb sein“.

Jochen Philipp äußerte sich im Namen der FWG-Fraktion: „Jeder einzelne Stolperstein ist wichtig.“ Er hätte sich gewünscht, wenn die Sache mehr im Vordergrund gestanden hätte. Tonio Reuter (Grüne) appellierte, „gemeinsam nach vorne zu schauen, wir haben alle ein gemeinsames Ziel“. Walter Weber (CDU) kritisierte: „Bei mir hat sich keiner entschuldigt. Es hat sich auch keiner bei der KJG entschuldigt wegen der Beleidigungen.“

Das Gremium beschloss am Ende folgende Erklärung: „Der Kuppenheimer Gemeinderat verurteilt jegliche Form von Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Unsere Stadt steht für ein friedliches, tolerantes und solidarisches Zusammenleben. Hass, Beleidigungen und Diffamierung haben in Kuppenheim keinen Platz.“ Der Gemeinderat würdigte das Engagement des Historischen Vereins, der KJG und des Arbeitskreises Stolpersteine zum Gedenken an die jüdischen Mitbürger und befürwortete bei einer Enthaltung die Verlegung von Stolpersteinen in der Murgtalstraße 2, Rheinstraße 14, Obere Torstraße 1, Friedrichstraße 75, Friedrichstraße 91 und der Schlossstraße 1.

Verlegung auch ohne Einwilligung des Eigentümers

Im Hinblick auf die Verlegung von Stolpersteinen in der Friedrichstraße 74 teilte Mußler mit, dass mittlerweile von allen Miteigentümern eine schriftliche Einwilligung vorliege. „Beim Erstellen der Sitzungsvorlage waren sie erst angefragt worden, hatten sich aber noch nicht zurückgemeldet“, verdeutlichte er.

Bezüglich der geplanten Verlegung von 19 Stolpersteinen in der Rheinstraße 9, die vom Eigentümer abgelehnt wird, war im Vorfeld der Sitzung eine geheime Abstimmung beantragt worden. Mit elf Ja-Stimmen, sieben Nein-Stimmen und einer Enthaltung verzichtete das Gremium auf dessen Einwilligung, sodass die Steine nun gelegt werden können.

Der Rat befürwortete zudem die Errichtung des besagten Mahnmals für Bürger, die unter den Repressalien der Nationalsozialisten gelitten haben und das Schicksal der namentlich bekannten Opfer Arnold Roos und Heinrich Ridinger von einem Historiker im Auftrag der Stadt aufarbeiten zu lassen.

Kommentar von Markus Koch: Schlussstrich gezogen

Einen Schlussstrich hat Heinz Wolf unter die Zusammenarbeit des Arbeitskreises Stolpersteine mit dem Künstler Paul Sachse gezogen. Dieser hatte mit E-Mails an Bürgermeister Karsten Mußler und an Gemeinderäte, die von diesen als beleidigend empfunden wurden, die Zusammenarbeit zwischen dem AK und der Stadt massiv belastet. Wie immer man das Engagement Sachses für das Gedenken an die jüdischen Mitbürger einstufen mag: Mit seiner Vorgehensweise hat er dem Arbeitskreis geschadet, der sich nun von ihm distanziert hat. Dank des Ratsbeschlusses werden nun insgesamt 129 Männer und Frauen jüdischen Glaubens, die einst in Kuppenheim lebten, einen Stolperstein bekommen. Damit sollte ein Schlussstrich unter die Misstöne gezogen sein, die es im Zusammenhang mit dieser Form der Erinnerungsarbeit gegeben hat. Einen Schlussstrich unter das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus darf es hingegen niemals geben.

Weitere Berichterstattung zum Thema:

Stadt Kuppenheim hinterfragt Zusammenarbeit mit AK Stolpersteine

Gedenken an Reichspogromnacht.

Ihr Autor

BT-Redakteur Markus Koch

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Erstellt:
17. Februar 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 28sec

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