80 Jahre nach Gurs: OB warnt vor Rattenfängern

Rastatt (sl) – Anlässlich einer neuen Ausstellung im Stadtmuseum Rastatt über die Deportation von Juden appelliert Oberbürgermeister Pütsch an jeden, sich zu fragen: Könnte so etwas wieder passieren?

Museumsvolontär Chris Hirtzig betrachtet das Modell der Rastatter Synagoge, die am 10. November 1938 von den Nazis angezündet wurde.Foto: Frank Vetter

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Museumsvolontär Chris Hirtzig betrachtet das Modell der Rastatter Synagoge, die am 10. November 1938 von den Nazis angezündet wurde.Foto: Frank Vetter

Zum 80. Mal hätte sich 2020 die Verschleppung der Rastatter Juden ins französische Lager Gurs gejährt. Das Stadtmuseum Rastatt widmet diesem Anlass die Ausstellung „Gurs 1940“, die wegen Corona verschoben wurde. Am 16. Mai, dem Internationalen Museumstag, hätte sie nun endlich eröffnet werden sollen, ein Programm war vorbereitet. Wegen zu hoher Inzidenzwerte ist sie erneut abgesagt. Aufgebaut ist die Schau dennoch, und auf Youtube ist ein Video zu sehen.
Die Wanderausstellung, kuratiert durch die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz Berlin, haben zwei neue Mitarbeiter der Stadt um die lokale Perspektive der Rastatter Juden ergänzt: Stadtarchivar Christian Fäßler und Chris Hirtzig, Volontär im Stadtmuseum. Museumschefin Iris Baumgärtner bedauert, dass die Öffentlichkeit noch nicht ins Haus darf. Dazu müssten die Inzidenzwerte fünf Tage lang unter 100 liegen. „Ich hoffe, dass wir nach Pfingsten zumindest unter strengen Hygieneauflagen für eine begrenzte Besucherzahl öffnen können“, stellt sie in Aussicht.

Dieser Tage werden wieder israelische Fahnen verbrannt

Als Oberbürgermeister hatte Hans Jürgen Pütsch das Privileg, die Ausstellung bereits alleine besichtigen zu können – und er berichtet im Pressegespräch ungewohnt emotional von diesem Erlebnis, denn hier werde Geschichte nicht im Sinne von „es war einmal“ erzählt. Aktueller könne ein Thema überhaupt nicht sein, so der OB. Würden doch gerade in diesen Tagen vor dem Hintergrund des aufflammenden Nah-Ost-Konflikts israelische Fahnen vor deutschen Synagogen verbrannt. Pütsch zitiert Innenminister Horst Seehofer und gibt ihm recht, dass Antisemitismus mit allen rechtsstaatlichen Mitteln unterbunden werden muss: „Auch ich als Oberbürgermeister fühle mich aufgerufen, dazu Stellung zu nehmen.“ Die Verschleppung von Rastatter Juden 1940 sei nicht urplötzlich gekommen, sondern habe sich atmosphärisch lange vorbereitet. Viele hätten sich damals schuldig gemacht, und sei es durch Wegsehen. Auch die Rastatter Stadtverwaltung, wie man in der Ausstellung lernen kann.

Nur drei Rastatter Juden kehrten zurück

Mehr als 6.000 südwestdeutsche Juden sind am 22. Oktober 1940 ins Lager Gurs am Fuß der Pyrenäen deportiert worden, berichtet Christian Fäßler. Darunter 30 Rastatter, bei denen es sich um den Rest einer einst stattlichen jüdischen Gemeinde gehandelt habe. Ihre Synagoge, die 1938 von Nazis in Brand gesteckt wurde, zeigt die Ausstellung als Modell. Das Grundstück, auf dem sie stand, und in dessen Nachbarschaft heute das Kantorenhaus als Außenstelle des Stadtmuseums vom jüdischen Rastatt berichtet, hatte das Rathaus der Religionsgemeinschaft geschenkt. Ein deutliches Zeichen, dass Juden einst ein selbstverständlicher Teil der Rastatter Bürgerschaft waren, darunter angesehene Händler, Ärzte, Rechtsanwälte und Vereinsvertreter. Etlichen gelang nach 1933 die Emigration. Von denen, die nach Gurs transportiert wurden, sind nur drei zurückgekehrt. Alle anderen wurden entweder in den Vernichtungslagern im Osten ermordet oder hatten schon die menschenunwürdigen Umstände in Gurs nicht überlebt. 2015 hat sich Rastatt in den Kreis badischer Städte eingereiht, die den Erhalt des dortigen Friedhofs tragen. „Wenn Sie dort vor den Grabsteinen stehen und die Rastatter Namen lesen, laufen Ihnen Schauer über den Rücken“, berichtet ein sichtlich bewegter Hans Jürgen Pütsch, der die Gedenkstätte besucht hat.

„Die Decke, auf der wir stehen, ist dünn“

Pütsch empfiehlt allen Rastattern, sich anlässlich der Ausstellung selbst zu fragen, wie schnell es auch heute wieder zur Ausgrenzung von Menschen kommt. Ausdrücklich nennt Pütsch Hetze im Internet als Beispiel. „Die Decke, auf der wir stehen, ist dünn“, warnt er vor den Spaltern – gerade auch angesichts der Verwerfungen durch die Corona-Pandemie – und fragt: „Was wäre, wenn da wieder so ein Rattenfänger käme?“.

Die Reste der ausgebrannten Synagoge in Rastatt nach der Pogromnacht im November 1938. Foto: Stadt Rastatt

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Die Reste der ausgebrannten Synagoge in Rastatt nach der Pogromnacht im November 1938. Foto: Stadt Rastatt


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