Das Musterland wird 70: Baden-Württemberg von A bis Z

Stuttgart/Baden-Baden (dpa/bjhw) – Baden-Württemberg wird 70 Jahre alt. Eine Liebeserklärung an das Muster-Bundesland im Südwesten der Republik – in Alphabetform.

Ort der politischen Auseinandersetzung: Das Landtagsgebäude in Stuttgart. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

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Ort der politischen Auseinandersetzung: Das Landtagsgebäude in Stuttgart. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

A wie Angschthas: Der ist in der Bürgerschaft beider Landesteile natürlich nur ganz selten zu finden. Noch derbere Schimpfworte gibt es jede Menge, nicht zu vergessen „Sauschwoba“ und „Gälbfiaßler“ als gegenseitige Liebesbezeugungen.

B wie Bausparvertrag: Das soll das erste Wort neugeborener Schwaben sein. Angeblich jedenfalls besitzt jeder mindestens vier davon, denn das wichtigste Motto im Ländle ist nicht nur der Legende nach wie eh und je „Schaffe, schaffe, Häusle baue“.

C wie CDU: Die christdemokratische Herrschaft gehörte zum Südwesten wie Spätzle und Schäufele – knapp sechs Jahrzehnte lang. Bis 2011 Stuttgart 21 und ein Tsunami in Japan Grüne und Rote an die Macht spülte. Seit 2016 ist die Union immerhin als Juniorpartner wieder mit am Ruder.

D wie Draisine: Da erfindet einer das Rad und erntet dafür nur Häme. Karl Freiherr Drais von Sauerbronn unternimmt 1817 die erste Radtour der Geschichte von Mannheim nach Schwetzingen. Die Laufmaschine wird schnell im Ausland kopiert, Drais hingegen anhaltend verspottet („zum Fahre kei Kutsch, zum Reide kei Gaul, zum Laufe zu faul“). Er stirbt einsam und verarmt in seiner Geburtsstadt Karlsruhe.

E wie Europa-Park: Baden-Württemberg ist das Land der Superlative, wenn es um Freizeitparks geht: Der Europa-Park im badischen Rust bei Freiburg, 1975 eröffnet, ist der größte und besucherstärkste Freizeitpark in ganz Deutschland.

F wie Fasnet: Ist der rheinische Karneval eher heiter und bunt („Alaaf! Helau!“), kommt die schwäbisch-alemannische Fasnet traditioneller und fast ein wenig düster daher. Die Narren setzen sich hier Holzmasken auf oder verkörpern Figuren aus der Dorf- und Stadtgeschichte, Fabelwesen und Tiere.

G wie Greif: Badens Wappentier hält den Schild auf der einen, der Hirsch, das Wappentier Württembergs, auf der anderen Seite. Farben und Stil des Landeswappens ähneln ein wenig dem Torso der Biene Maja. Drei schwarze Löwen wachen jedenfalls auf Gelbgold unter der Krone aus sechs Plaketten, die mit für die wechselvolle Geschichte stehen.

H wie Hymnen: Davon gibt es gleich vier: das Badenerlied, die Hymne der Württemberger, jene der Hohenzollern und eine vor 20 Jahren aus einem SWR-Wettbewerb hervorgegangene Landeshymne. Die hat einen großen Nachteil: Niemand kennt sie.

Charakterkopf und seit mehr als einem Jahrzehnt Landesvater: Winfried Kretschmann. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Charakterkopf und seit mehr als einem Jahrzehnt Landesvater: Winfried Kretschmann. Foto: Christoph Schmidt/dpa

I wie Industrie: Baden-Württemberg beherbergt viele „Hidden Champions“, oft in der Provinz versteckte Weltmarktführer. Und es ist Heimat der Global Player - mit dem Stern, dem aufsteigenden Pferd oder dem Anker im Kreis, der seit 1918 (!) für Bosch steht.

J wie Juchtenkäfer: Das millimetergroße und von der EU geschützte Tier hat der Deutschen Bahn jahrelang Kopfschmerzen bereitet. Weil der Konzern dem Insekt mit dem Bauprojekt Stuttgart 21 auf den Pelz rückte, musste er neue Lebensräume für den Käfer schaffen.

K wie Klischee: In Wohnanlagen und nicht nur dort ist die Kehrwoche längst abgeschafft, trotzdem hält sich das Vorurteil von dieser Obsession besenschwingender Menschen zwischen Main und Bodensee hartnäckig. Übrigens: „Große Kehrwoche“ heißt, dass auch Hauseingang, Hof, Gehsteig und Keller zu säubern sind.

L wie Leimen: Weltberühmt wurde die 27.000-Seelen-Gemeinde südlich von Heidelberg am 7.Juli 1985. Dank eines 6: 3, 6: 7, 7: 6, 6: 4 auf dem Center Court in Wimbledon, mit dem ein damals 17-jähriger Leimener globale Sportgeschichte schrieb.

M wie Monarch: Die Opposition wirft ihm schon mal „monarchische Züge“ vor: Mit ikonischem Bürstenhaarschnitt und durchaus auch mal ruppiger Rhetorik repräsentiert Winfried Kretschmann (73) das Land seit mehr als einem Jahrzehnt. Er verkörpert schwäbische Traditionen - und das als Kind einer Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen.

N wie Neues Schloss: Neue Schlösser gibt es mehrere, manche machen mächtig Probleme. In Stuttgart sind in dem nach dem Zweiten Weltkrieg hochgezogenen Neubau mit alter Fassade zwei Ministerien untergebracht. Über eine andere Nutzung wird seit Jahrzehnten diskutiert: eine unendliche Geschichte, die nur noch von der einstigen Residenz der Markgrafen von Baden auf dem Florentinerberg deutlich getoppt wird.

Quadratestadt und Cannstatter Wasen

O wie Obst: Baden-Württemberg verfügt über die größten zusammenhängenden Streuobstbestände in ganz Europa, geschätzt 7,1 Millionen Bäume auf plus minus 100 000 Hektar. 40 Prozent der Bestände Deutschlands befinden sich demnach im Südwesten. Knapp die Hälfte sind Apfel-, ein Viertel Kirschbäume.

P wie Protest: Das südbadische Dorf Wyhl am Kaiserstuhl ist die Wiege der Anti-Atom-Bewegung. Viele Einheimische gingen hier in den 70er Jahren auf die Barrikaden und verhinderten den Bau des AKW vor ihrer Haustür. Ohnehin steht der Südwesten spätestens seit 1848 für ein gewisses Rebellentum, wovon auch der Widerstand gegen Stuttgart 21 zeugt.

Q wie Quadratestadt: In der Mannheimer Innenstadt gibt es keine Straßennamen, sondern kuriose Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen - etwa FFQ6. Zwischen Rhein und Neckar dominieren gitterförmig angelegte rechtwinklige Häuserblocks. Wie in Manhattan eben.

R wie Rummel: Millionen Besucher, massenhaft Bier: Als zweitgrößtes Volksfest in Deutschland lockt der Cannstatter Wasen Gäste aus aller Welt ans Neckarufer. Nach Ernteausfällen und Hunger rief König Wilhelm I. von Württemberg 1818 das „Landwirtschaftsfest zu Kannstadt“ ins Leben. Vor Corona haben jedes Jahr rund 3,5 bis 4 Millionen Menschen das Volksfest besucht.

S wie Sonne: Damit ist der Südwesten wahrlich gesegnet als mit sonnigste Region Deutschlands. „Von der Sonne verwöhnt“ war gut 60 Jahre der Werbespruch für den badischen Wein. Der Austausch eines einzigen Buchstabens wurde aber auch zum Beleg fürs Trennende: „Von der Sonne verhöhnt“, riefen die Württemberger über die Landesgrenze hinweg - und die Badener zurück über die edlen Tropfen der Brüder und Schwestern.

T wie Tracht: Der Bollenhut ist ein Symbol für den Schwarzwald. Dirndln-Kopien werden auf Volksfesten getragen. Die Alt-Baden-Badener-Bürger wiederum, gegründet Ende der Siebziger, haben sich – unter anderem – der Wiederbelebung echter Trachten nach Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert verschrieben. Was trägt also die Bürgersfrau sonntags? Ein Brokatkleid, das über Kreuz drapierte Spitzentuch samt Seidentaft-Schürze und dazu ihr Rundhäubchen mit Plissée-Rand.

U wie Urteil: Seit über 70 Jahren steht Karlsruhe als „Residenz des Rechts“ synonym für den modernen Rechtsstaat in Deutschland. „Karlsruhe hat viele Gesichter, jedes dritte gehört einem Richter“, heißt es. Das Bundesverfassungsgericht, der Bundesgerichtshof und die Generalbundesanwaltschaft sind hier zu Hause.

Ein Drittel der deutschen Reben wachsen im Südwesten

V wie Volksabstimmung: Funktioniert hat die Vereinigung überhaupt nur, weil dank einer Probeabstimmung der passende Modus für den Volksentscheid 1951 gewählt wurde. Nach einer Klage des Heimatbundes Baden entschied das Bundesverfassungsgericht 1956, dass die badische Bevölkerung nochmals abstimmen darf. Umgesetzt wurde das Urteil erst 1970 (!) und mit fast 82 Prozent die Landesgründung bestätigt.

W wie Wein: Trollinger, Lemberger, Ruländer, Auxerrois – Wein wird im Südwesten genauso gern produziert wie getrunken. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes betrug die bestockte Rebfläche 2021 in Baden knapp 15.800 Hektar und in Württemberg knapp 11.400 Hektar. Fast 30 Prozent aller Reben Deutschlands stehen in Baden-Württemberg.

X wie Xälz: Bezeichnet im Schwäbischen einen süßen Brotaufstrich aus eingekochten Früchten - Marmelade also. Auch als Gsälz oder Gesälz bekannt. Im Badischen Schlegg oder Schlecksl. Xälzbär bezeichnet einen lieben, verschmusten Menschen. Und das Erdbeermarmeladenglas heißt auf schwäbisch „Breschdlingsgsälzhäfele“.

Y wie Yach: Das Ypsilon macht hier den Unterschied: Yach im Schwarzwald war in der früheren Bundesrepublik der einzige Ort im Land, der mit einem Y beginnt. Seit der Deutschen Einheit muss sich das kleine Dorf im oberen Elztal diesen Rekord mit Yorckgebiet in Sachsen teilen.

Z wie Zwangsverbrüderung: Der Bindestrich in Baden-Württemberg ist, so scheint es zumindest manchmal, auch nach 70 Jahren wichtigster Kitt zwischen den Volksstämmen. Im ahnungslosen Rest von Deutschland gelten alle Menschen, die in Baden-Württemberg leben, als Schwaben - im Landesinneren ist eine falsche Zuordnung selbstredend streng verpönt.

Ihr Autor

B.J. Henkel-Waidhofer und Nico Pointner

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Erstellt:
25. April 2022, 11:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 53sec

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