Abdassamad El Yazidi: Für einen weltoffenen Islam

Von BT-Redakteur Dieter Klink

Baden-Baden (kli) – Seine Familie lebt in der vierten Generation in Deutschland: Abdassamad El Yazidi, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime (ZMD), unterstützt die Vielfalt im Islam.

Abdassamad El Yazidi: Für einen weltoffenen Islam

Abdassamad El Yazidi schätzt das breite Spektrum an Islam-Richtungen in Deutschland.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Abdassamad El Yazidi setzt sich für einen weltoffenen Islam ein und muss dabei immer wieder Rückschläge hinnehmen. Denn der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime (ZMD) muss damit umgehen, dass nicht alle Muslime in der Vielfalt einen Vorteil sehen.Den einen Islam gibt es nicht, es gibt viele Richtungen, lautet sein Credo. Es gibt konservative, streng konservative, liberale und säkulare Muslime.

Sein Zentralrat, einer der großen Islam-Verbände in Deutschland, lebe diese Vielfalt vor. Aber nicht alle unterstützen ihn in dieser Ansicht. Denn nicht jeder findet Vielfalt gut. Die Toleranz anderen islamischen Strömungen gegenüber ist nicht stark ausgeprägt.

„Wir haben mit unserer Diversität zu kämpfen“, räumt der Generalsekretär ein. Dabei sei das doch eine tolle Sache. Man habe Schiiten und Sunniten im Vorstand, so etwas sei in der islamischen Welt kaum vorstellbar, schwärmt er. Damit sei man aber immer im Verteidigungsdiskurs. „Ihr seid von den Muslimbrüdern in Ägypten beeinflusst“, laute ein Vorwurf. Oder von der Türkei. Oder aus Saudi-Arabien.„In der Schmuddelecke“Der Vorwurf ist so leicht nicht aus der Welt zu schaffen. Von den bundesweit 2.500 Imanen werden 90 Prozent im Ausland ausgebildet. Die türkische Religionsbehörde Diyanet regiert in die Moscheen in Deutschland hinein.

El Yazidi ist wichtig: Man distanziere sich immer von extremen Strömungen. So sei zum Beispiel die Mitgliedschaft der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft (DMG) eingefroren, solange Vorwürfe nicht ausgeräumt seien, sie stehe der Muslimbruderschaft nahe. „Wir haben die DMG aufgefordert, uns eine Liste ihrer Mitglieder und der Moscheegemeinden zu liefern, das ist bisher nicht geschehen. Solange bleibt die Mitgliedschaft bei uns eingefroren“, sagt er. Klare Kante gegen Extremisten.

Wegen solcher Einzelbeispiele würden alle Mitglieder des Zentralrats „in die Ecke gestellt“. El Yazidi wehrt sich auch gegen, wie er sagt, Kampfbegriffe wie Moscheeregister und „politischer Islam“. Dadurch würden Organisationen „in der Schmuddelecke“ gestärkt, die seriösen seien die Leidtragenden.

Das Leitbild des Zentralrats sei der in Deutschland beheimatete Islam, der das Grundgesetz respektiert. In den Medien würden aber gerne Themen der Minderheiten aufgegriffen und dadurch alle Muslime an den Pranger gestellt. El Yazidi bittet um Fairness. Er muss sich immer zu den Extremen äußern – und würde doch lieber über den weltoffenen Islam reden.

Auch sein Chef, der Vorsitzende des ZMD, Aiman Mazyek, werde immer mit Fragen nach dem Einfluss des Auslands konfrontiert. Dieser werde oft gefragt, was er zur Politik Erdogans sage, berichtet El Yazidi. Und dann sage Mazyek immer: „Meine Kanzlerin heißt Merkel.“

El Yazidi sieht die Rolle des Zentralrats mit seinen etwa 10.000 Mitgliedern darin, die islamische Community in der Bundesrepublik zu stärken, dazu beizutragen, „dass sich viele bei der Feuerwehr“ und anderswo engagieren. „Wir sind gute Muslime, wenn wir uns in und für Deutschland engagieren.“ Er beklagt, dass diese Muslime nicht immer Gehör finden. Es sei leider andersherum: Gehör fänden die schwarzen Schafe.Bild eines integrierten IslamsSeine Familie lebe in der vierten Generation in Deutschland. „Mein Großvater hat hier gearbeitet und Steuern gezahlt. Ich bin hier geboren, mein Sohn ist 18. Deutschland ist für uns Heimat. Es ist traurig, dass wir nach vier Generationen immer noch als Gastarbeiter behandelt werden. Wir wollen keine Gäste sein. Gäste schauen nur zu. Wir wollen mit aufbauen. Meine marokkanische Identität gehört genauso dazu wie mein Stolz auf die deutsche Heimat.“

Der 45-Jährige ist im südhessischen Pfungstadt beheimatet. Er findet es gut, dass das islamische Spektrum so breit ist. Er ist froh über Alternativen wie die liberalen Muslime, auch wenn er deren Ansichten nicht teilt. Solange man andere Meinungen gelten lasse und sich als Teil Deutschlands begreife, ist ihm jeder willkommen, am Bild eines integrierten Islams mitzuwirken. Keiner könne behaupten, den Islam allein zu repräsentieren. „Andere Meinungen tun uns gut, auch wenn mich andere Muslime für diese Meinung kritisieren.“

Er räumt ein, dass Muslime jahrzehntelang einen Fehler gemacht haben: „Irgendwelche Stellen aus dem Ausland haben uns erklärt, wie wir unseren Glauben leben sollen. Das war ein fataler Ansatz.“ Stattdessen müsse man den Islam als deutscher Staatsbürger angehen. „Viele Muslime wollen diesen Weg gehen, aber die Frage ist: Dürfen sie das?“, sagt er mit Blick auf Autoritäten aus dem Ausland, die nach wie vor die Richtung vorgeben wollen. Ein Dilemma zwischen Fremd- und Eigenbestimmung.

„Ich freue mich über die Vielfalt und adressiere das auch an die muslimische Community: Diese Vielfalt wurde früher ja auch in der heiligen Stadt Medina gelebt. Die Juden hatten dort ihre Synagogen. Diesen Respekt haben wir verlernt. Heute ist es leider so, dass Religion Ausgrenzung heißt.“

El Yazidis Credo: Gläubige dürften nicht behaupten, Religion sei nur „das, was wir selber vorgeben“. Stattdessen solle man anderen zuhören. Dann aber bemängeln die Kritiker wieder, man verwässere den Islam. „Aber wir haben mit dieser weltoffenen Position die Theologen auf unserer Seite. Unsere Argumentation ist stärker als das, was aus dem Ausland kommt“, glaubt El Yazidi. Er weiß selbst: Bis das möglichst alle Muslime in Deutschland so sehen, hat er noch viel zu tun.