Abenteuer E-Auto

Baden-Baden (cn) – Zum Tanken braucht Michael Fritz aus Neuweier Apps, Karten und Geduld. Er fährt ein E-Auto. Das BT hat ihn bei einer Lade-Odyssee durch die Region begleitet.

Michael Fritz bei der Ladestation für Elektroautos: Erst andocken ...  Foto: Nickweiler

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Michael Fritz bei der Ladestation für Elektroautos: Erst andocken ... Foto: Nickweiler

An einem Nachmittag am Parkplatz vor dem Freibad in Steinbach: Michael Fritz fährt mit seinem Elektroauto an die neu installierte Ladesäule der Stadtwerke. Er steigt aus, holt sein Ladekabel aus dem Kofferraum und steckt dieses an die Buchse der Ladesäule. Anschließend taucht auf dem Display ein Smiley auf.
Als Michael Fritz seine Geldbörse aufklappt, muss er aus rund einem halben Dutzend Karten für E-Ladesäulen die passende für die Stadtwerke auswählen. „Es funktioniert“, stellt er erleichtert fest. Denn Michael Fritz hat rund um das Thema Ladestationen in der Region schon etliche nervenaufreibende Episoden erlebt.

Seit rund einem halben Jahr fährt der Neuweierer ein E-Auto. „Im Grunde ist das eine tolle Sache. Ein Knopfdruck und es geht los. Kein Klappern, nahezu lautlos im Innenraum, ist das ein angenehmes Fahrgefühl“, findet er.

Es gibt für Fritz derzeit zwei eklatante Nachteile: Die Reichweite und die Ladestationen. „Wer Elektroauto fährt muss bei jeder Fahrt wissen, wie weit er bei welchen Wetterbedingungen fahren kann, und wo man wie Strom laden kann. Es ist wie ein Glücksspiel“, erzählt er, während die Batterie seines Wagens geladen wird.

… dann bezahlen, aber mit welcher Karte?  Foto: Nickweiler

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… dann bezahlen, aber mit welcher Karte? Foto: Nickweiler

Die Angaben der Autohersteller zu den Reichweiten seien erst einmal nur theoretische Angaben, weiß der Maschinenbauingenieur. Die Kilometerleistungen schwanken enorm. Während Michael Fritz mit seinem Kleinwagen im Winter mit niedrigen Temperaturen und Heizungsbetrieb gerade einmal 150 Kilometer mit einer Batterieladung fahren kann, sind es im Sommer zirka 290. Allerdings mit reduzierter Klimaleistung.

Der 50-Jährige braucht das Auto vorwiegend für die Fahrt zur Arbeit nach Rastatt und wieder zurück. „Das ist alles kein Problem, wenn man Zuhause in der Garage eine Schnellladestation hat und das Auto in einer Stunde wieder aufladen kann“, sagt Michael Fritz. Problematisch wird es, wenn er beispielsweise nach der Arbeit nach Karlsruhe wolle und mit einem kleinen Umweg über Baden-Baden wieder nach Neuweier zurück.

So geschehen im vergangenen Dezember, als Fritz auf dem Weihnachtsmarkt vorbeischauen und vor dem Nachhauseweg in der Augusta-Tiefgarage an die Ladesäule andocken wollte. Jedoch, Pech gehabt. EC-Kartenzahlung unmöglich, ausschließlich Inhaber der Stadtwerke-Kundenkarte können dort auftanken. „Damals bin ich mit Schweißperlen auf der Stirn nach Hause gefahren. Ich dachte, jeden Moment ist der Saft weg“, erinnert sich Fritz an diesen Abend.

Entnervt wieder nach Hause gefahren

Ein weiteres Abenteuer in Sachen Ladestationen mit seinem E-Auto erlebte Fritz dann in Lauf, nachdem er seine Freundin besucht hatte. Bis vor einigen Monaten gab es dort zwei Ladestationen, wo umsonst Strom getankt werden konnte. In dieser Annahme fuhr Michael Fritz dorthin. Dann die Überraschung, seit Neuestem ist Stromladen kostenpflichtig. „Nun denn“, dachte sich Fritz und suchte dann vergeblich den Kartenleser, um mit seiner Bankkarte zu bezahlen. Er entdeckte einen QR-Code, den es mit dem Handy zu lesen gilt und klickte sich bis zur Zahlweise mit „Paypal“ durch das Menü. Dann eine weitere Überraschung: „Diese Bezahlart ist nicht möglich.“ Entnervt fuhr Michael Fritz mit dem Gedanken, dass er nur noch wenige Kilometer fahren kann, an diesem Tag wieder nach Hause. Inzwischen könne man an diesen Ladestationen in Lauf zwar mit „Paypal“ bezahlen, aber nur, wenn das Handy eine „E-Charge-App“ geladen hat. „Wie viele Apps denn noch?“, fragt sich Michael Fritz, denn er hat schon zwei andere Apps für Ladestationen auf seinem Handy geladen.

Apropos Apps, eine passende App fehlte Fritz, als er vor einigen Wochen in Bühl Strom aufladen wollte. Die Ladestation wird zwar nicht in Google Maps angegeben, aber ein Freund verriet ihm, dass auf dem Parkplatz eines Kreditinstituts eine Ladestation installiert sei. „Das probiere ich aus“, dachte sich Fritz und fuhr hin. Er berichtet das Erlebte: „Sehr schön, ist sogar ein QR-Code drauf. Der verbindet mich mit den Stadtwerken Bühl. Aber da muss ich mich jetzt erst als Kunde anlegen, Bankverbindung eingeben, E-Mail-Adresse bestätigen. Das nervt! Die erste viertel Stunde ist rum.

Eigentlich wollte ich hier kurz parken und dabei mein Auto ein bisschen laden. E-Mail-Adresse bestätigt. Und jetzt? Nein, ich kann immer noch nicht laden. Ich benötige noch die Smatrics-App. Jetzt habe ich doch schon zwei Apps drauf. Die probier’ ich erst mal aus. Geht natürlich nicht.

Deutschland – ein E-Auto-Entwicklungsland

Also die Smatrics-App. Ab in den PlayStore, App runterladen. Und warten und warten und warten. Zu dumm, mein Handy ist nicht mehr das neueste. Nach weiteren 15 Minuten gebe ich auf. Jetzt steh ich hier eine halbe Stunde rum und kann erst nicht laden. Ich gehe jetzt einkaufen. Dann halt nicht laden. Als ich zurückkomme, hab ich die App immer noch nicht drauf.“

Noch schlimmer war für Michael Fritz sein Urlaubstrip mit dem E-Auto in den Schwarzwald: Falsche Angaben zu Ladestandorten, kaum Handyempfang, QR-Codes scannen unmöglich und sämtliche Karten für Ladestationen, die Fritz dabei hatte, wurden abgelehnt. Sein Fazit: „Deutschland ist für Elektroautos ein Entwicklungsland. Keine Urlaube mehr mit dem Elektroauto!“

Umso mehr freute sich Michael Fritz Anfang März über die erste Ladestation im Rebland. „Leider nicht ausgeschildert“, er habe dreimal seine Runden gedreht, bis er die Ladesäule auf dem Schotterplatz hinten im Eck entdeckt hat, berichtet er. Aber hier könnten die Besucher der Steinbacher Sportschule nun die gleichen Erfahrungen machen, wie Michael Fritz anderswo in der Region. Denn die Sportler reisen ja oft von weither an. „Welcher Besucher der Sportschule hat denn schon die Ladekarte der Stadtwerke Baden-Baden im Geldbeutel?“, fragt sich der Neuweierer.

Zum Thema

Die Stadtwerke Baden-Baden bauen kontinuierlich die Ladeinfrastruktur aus. Damit soll den Stadtwerke-Kunden flächendeckende, intelligente und reibungslos funktionierende Ladeinfrastruktur angeboten werden, schreibt die Stadtpressestelle in einer Mitteilung. Um ihr Netz zu erweitern, haben die Stadtwerke Mitte Februar in Steinbach eine öffentliche Ladesäule installiert. Diese befindet sich auf dem Parkplatz des Schwimmbads und werde bereits gut frequentiert. Wie an allen Ladesäulen der Stadtwerke Baden-Baden kann man per QR-Code, per App oder mit einer RFID-Karte den Ladevorgang starten. Jeder einzelne Ladepunkt ist roamingfähig und lädt mit maximal 22 kW. Somit stehen der Öffentlichkeit aktuell 30 Ladepunkte in Baden-Baden zur Verfügung. Eine Kooperation in Form eines Ladeverbundes mit angrenzenden Stadtwerken (e-laden) ermöglicht den Kunden eine noch größere und weitreichendere Ladeinfrastruktur.

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Erstellt:
27. März 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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