Abschied von der Tele-Akademie: Monika Presting

Baden-Baden (fvo) – Puristisch und doch am Puls der Zeit. Hierfür steht die Tele-Akademie. Monika Presting hat 25 Jahre lang die Erfolgssendung des SWR produziert, jetzt geht sie in den Ruhestand.

Den Hörsaal ins Wohnzimmer gebracht: Monika Presting war über zwei Jahrzehnte verantwortliche Autorin der Tele-Akademie.  Foto: privat

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Den Hörsaal ins Wohnzimmer gebracht: Monika Presting war über zwei Jahrzehnte verantwortliche Autorin der Tele-Akademie. Foto: privat

Man kann das Fernsehgerät auch als Ablage benutzen oder einfach als Lichtquelle, so hatte es Medienkritiker Neil Postman mal auf den Punkt gebracht. Und mitunter taugt die TV-Kiste sogar zur veritablen Fortbildung. Ein Ziel, das die Tele-Akademie über dreieinhalb Jahrzehnte trefflich erfüllte. Monika Presting hat aus diesem Dauerläufer mit viel Liebe und Leidenschaft ein Erfolgsformat des Südwestrundfunks gemacht. Nun droht mit dem Gang der ebenso findigen wie aufgeschlossenen Baden-Badenerin (Jahrgang 1958) in den Ruhestand auch der Abschied ihres Programms von der Medienbühne. Das puristisch-bildkarge Format nahm ohnehin eine Sonderstellung in der Medienlandschaft ein. Wer hört schon freiwillig jemanden 45 Minuten reden? Offenbar nicht wenige.
„Natürlich hätte ich die Redaktion gerne übergeben, aber vermutlich wird sie nicht weitergeführt werden“, erklärt Presting mit nostalgischer Gelassenheit. Für Mai sind noch zwei neue Beiträge in der Pipeline, danach gibt es Wiederholungen. Nach der Sommerpause ist wohl Schicht im Schacht. Trost ist da jenes kleine Gewitter an täglichen Zuschriften, quasi die Reverenz vor einer der langlebigsten Stories der TV-Geschichte, und das trotz Nischenstellung.

Rund 700 Sendungen produziert

Dabei ist nicht nur von vielfältigen Impulsen, Denkanstößen und intellektueller Bereicherung die Rede, ja selbst Verlustgefühle werden formuliert, auch von Gesprächszirkeln wird berichtet, die die Sendung ausgelöst habe. Es gibt schlechteres Feedback.

Rund 700 Sendungen hat Presting in all den Jahren produziert. Und die Palette kann sich sehen lassen, ebenso die teils sechsstelligen Zugriffe auf YouTube. Die Bandbreite reicht von Hirnforschung über Chaostheorie, Bildungskrise und Ich-Optimierung bis hin zu Missbrauch, Esskultur oder Städteplanung. Erstaunlich dabei, von welch verblüffender Aktualität viele Beiträge nach wie vor sind, angefangen bei der Premiere 1987 mit dem Logotherapeuten und KZ-Überlebenden Viktor Frankl.

Was sie selbst am Format schätzte, war vor allem der lange Atem, mit dem sie ein Thema behandeln konnte, erfreulich weit weg vom 1:30-Minuten-Korsett, aber auch die freie Hand bei der Autorenfindung oder Programmauswahl. „Ich war in der glücklichen Lage, alles selbst gestalten zu können“, so die Redakteurin und Regisseurin. Mit einer Assistentin und je einem Kamerateam und einer Cutterin hat sie das Ganze quasi im One-Woman-Betrieb gewuppt. Eine Konstellation, die sie als sehr befriedigend empfand, wenn nicht gar als Luxus.

In einem humanistisch geprägten Elternhaus groß geworden, wo Bildung stets als Basis für Weltverständnis galt, konnte die Hohenbadenerin hier ihre kreative, neugierige Ader und ihr gutes Themengespür ausleben, „ein echtes Geschenk“. Auch bei den Zuhörern stillte die Sendereihe offenbar quer durch alle Alters- und Bildungsschichten ein Wissensbedürfnis, das mit Teilhabe an neuester Forschung und wissenschaftlichen Diskurs nur dürftig umschrieben ist. Jene „Insel des Wortes in einem Meer der Bilder“, wie Herfried Münkler die Sendung beschrieb, trifft es schon eher.

Studium generale im Fernsehsessel

Das Format selbst, eine Art Studium generale im heimischen Fernsehsessel, wurde all die Jahre nur minimal verändert. „Es ging eigentlich immer um die Inhalte, die authentische Begegnung mit einem Redner, einer Rednerin. Und darum, wichtige Themen und Fragestellungen aufzugreifen und zu vertiefen“, so Presting. Immer wurden Schwerpunkte über mehrere Wochen gebildet. Ziel war, „dass der interessierte Laie etwas davon hat“. Oberstes Gebot war daher Allgemeinverständlichkeit, sprich möglichst wenig Fachchinesisch. Auch auf Autorenseite und in akademischen Kreisen sprach sich die Qualität der sonntäglichen Sendung schnell herum, die seriöse Darstellung überzeugte wohl.

Bestens vernetzt mit diversen Unis und Bildungseinrichtungen, aber auch mit vielen namhaften Persönlichkeiten und Wissenschaftlern, war Presting also Stammgast etwa bei der Siemens-Stiftung, beim Deutsch-Amerikanischen Institut Heidelberg oder Evangelischen Bildungszentrum Stuttgart. Ziel war, die Aufzeichnung der öffentlichen Vorträge so zu präsentieren, „als wäre man direkt dabei“. Wurden die 45 Minuten Sendezeit überschritten, wurde sorgfältig gekürzt. Wobei Redner, selten der Fall, auch schon nach 36 Minuten durch waren, dann hatte Monika Presting kurz mal leichte Schweißperlen auf der Stirn. „Wir haben dann die Antworten aus der Fragerunde hinterhergeschoben“, verrät sie. Produktionen für die Tonne, bei allzu akademischem Duktus, waren aber an einer Hand abzuzählen.

Kurios war auch der Start des Dauerbrenners 1987, der eigentlich als Versuchsballon konzipiert, umso zügiger Wind bekam. Die Tele-Akademie war die einzige Sendung, die nach dem sogenannten Kabel-Pilotprojekt trotz Minietat im Regelprogramm landete. Man hat „schnell bemerkt, dass da Qualität drin steckt“, so Presting.

Auch ihren eigenen Weg als Nachfolgerin von Gründungsgeist Doris Rümmele sieht sie als Glücksfall. Schon während des Studiums (Bildende Kunst, Kunstgeschichte, Romanistik und Philosophie in Münster) konnte sie sich mit Beiträgen für den Hörfunk des damaligen SWF etwas verdienen und Erfahrungen als Autorin und Moderatorin sammeln. Darüber hinaus arbeitete sie auch in der Filmklasse der Kunstakademie Münster. So folgte nach dem Studium ein Volontariat beim SWF und der Berufseinstieg als Redakteurin und Filmautorin zahlreicher Feature. Nach der Babypause für ihre Söhne Max und Leo (1992 bis 1997) wurde ihr die Redaktion der Tele-Akademie angeboten. „Das war natürlich ideal als junge Mutter“, für große Formate sei man nunmal ständig in der Weltgeschichte unterwegs.

Bis heute ist sie ihrer Sendung und dem Fernsehen treu geblieben. Die filmische Arbeit wie die künstlerische Muse traten dafür ins zweite Glied. Ölgemälde, aber auch Rauminstallationen und Text-Bild-Collagen waren ihr Ding als Kunststudentin.

Zäsur kommt zur rechten Zeit

Nun also die Zäsur, die für sie zum rechten Zeitpunkt kommt. Die mediale Ausrichtung geht in eine andere Richtung, da wirke ihre Sendung, von anfangs 11 sukzessive auf unchristliche 7.30 Uhr vorverlegt, ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. „Auch wenn es mir nicht leicht fällt: Die Entscheidung fühlt sich gut an“, so Presting. Sie habe ihre Redaktion „stets mit Herzblut und großer Überzeugung geführt“. Jenseits von Quotenschielen, dafür mit erstaunlicher Reichweite. Selbst aus Südamerika oder Asien kamen Rückmeldungen.

Eine persönliche Hitliste an Vorträgen hat Presting keine. „Es gab so viele Sendungen, die mich fasziniert haben und die Nachhall fanden.“ Einzige Fehlstelle in ihrer stolzen Sammlung: das Verhältnis des Menschen zum Tier, auch in seinen fragwürdigen Facetten (etwa Massentierhaltung) hätte sie gern als Thema realisiert. Sei’s drum.

Nun darf sich die Pferde- und Katzenliebhaberin künftig den Dingen widmen, die bisher zu kurz kamen: soziales Engagement, Freunde, Garten und Natur, Kulturreisen, Ausstellungen, Globetrotting. „Langweilig wird mir bestimmt nicht“, sagt sie und freut sich vor allem auf mehr Zeit mit ihrem Ehemann, der als Chirurg ein Arbeitsleben lang nach Ludwigshafen pendelte, um mit ihm die akademische Seele auch mal baumeln zu lassen. Neil Postman würde es verkraften, wenn er noch lebte.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
1. Mai 2022, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 20sec

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