Abschiedsstimmung am Oberwald

Rastatt (sawe) – Wann die Kleingartenanlage Oberwald umziehen muss, ist derzeit noch ungewiss. Ein Abschied steht aber schon fest: Die Wirtsleute Pino und Petra Matarrese hören Ende November auf.

Pino und Petra Matarrese: Bereis zum zweiten Mal betreiben sie das Vereinslokal der Kleingartenfreunde Oberwald. Ende November verabschieden sie sich. Foto: Sabine Wenzke

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Pino und Petra Matarrese: Bereis zum zweiten Mal betreiben sie das Vereinslokal der Kleingartenfreunde Oberwald. Ende November verabschieden sie sich. Foto: Sabine Wenzke

Der Sommer neigt sich langsam dem Ende entgegen, Abschiedsstimmung macht sich breit. Die wird nach vielen lauen Sommerabenden derzeit besonders auch auf der Terrasse des Vereinslokals der Kleingartenfreunde Oberwald spürbar – wenn die Sonne langsam untergeht und sich der große beleuchtete Stern über dem Benz-Werk weithin sichtbar um sich selbst dreht. Wann die Kleingärtner das Feld räumen müssen, um für eine eventuelle Werkserweiterung Platz zu machen, ist derzeit zwar noch völlig ungewiss. Ein Abschied steht allerdings schon fest: Das langjährige Pächterpaar Pino und Petra Matarrese sagt dem Oberwald am 29. November adieu. Der Wirt geht in den Ruhestand.
Aus gesundheitlichen Gründen. Die Kündigung ist eingereicht. Und Petra Matarrese, zieht schon einmal eine kleine Vorwegbilanz: „Es war eine schöne Zeit hier“, sagt sie, „und es wird mir schon etwas fehlen“, fügt sie hinzu. Das klingt ein bisschen wehmütig. Darf es auch. Schließlich hat das Ehepaar in den vielen Jahren treue Gäste gewinnen können, die nicht nur wegen Pizza, Pasta und Salat kommen, sondern vor allem auch wegen der Freundlichkeit, Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit der beiden. Die Gartenwirtschaft ist schlicht, doch im Oberwald zu speisen, hat irgendwie etwas Familiäres, betätigen viele Besucher.

Das Ehepaar stemmt den Gastronomiebetrieb alleine – die 55-Jährige sorgt für den Service, in Hochbetriebszeiten manchmal unterstützt von Tochter Jessica, und bereitet Nudeln, Salate und Schnitzel zu, während ihr 65-jähriger Gatte Pizzen und Flammkuchen aus dem Ofen zaubert. Und abends, wenn die Küche geputzt ist, setzt sich Pino gerne für ein Weilchen zu den Gästen an den Stammtisch. Dann wird geplaudert über Gott und die Welt oder den Oberwald. Und ein Espresso oder ein „Verdauerli“ getrunken. So einen Digestif gibt es auch stets für die Essensgäste als Gruß des Hauses. „Das gehört bei uns dazu“, erzählt Petra Matarrese schmunzelnd.

Mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen

Pino, der eigentlich Guiseppe heißt, stammt aus Polignano a Mare, eine hübsche kleine Gemeinde in Apulien, rund 33 Kilometer von Bari entfernt. Im Alter von 14 Jahren kommt er nach Deutschland und wohnt in Durmersheim bei seinem älteren Bruder. Zunächst arbeitet er als Autolackierer, später 26 Jahre lang als Dachdecker. Eine Ausbildung habe er nie absolviert, aber er sei Praktiker, erzählt er augenzwinkernd. Sein Bruder und er hätten immer gerne und gut gekocht und da habe er viel gelernt, berichtet der Pizzabäcker. So übernimmt er am 1. April 1999 das Lokal „Oberwald“, 2003 steigt seine damalige Lebensgefährtin Petra, mit der er nun seit fünf Jahren verheiratet ist, mit ein. Und die beiden sind ein gutes Team. Bis zum 20. August 2006 bleiben sie am Oberwald, danach übernehmen sie die „Siedlergaststätte“ in Iffezheim. Als sie gefragt werden, ob sie nicht zurückkehren wollen, überlegen sie nicht lange. So starten sie am 8. Juli 2011 zum zweiten Mal am Oberwald.

„Die Gesundheit geht vor“

Der Vorstand bedauere es, dass Pino und Petra aufhören, sagt Kassiererin Annette Karius im BT-Gespräch, zeigt aber auch Verständnis: „Die Gesundheit geht vor“. Das Vereinslokal soll auch künftig weiter betrieben werden, der Verein sucht bereits per Annonce ab Januar 2021 „ein versiertes Paar mit Erfahrung im Gastronomiebereich“. Derweil geht das Leben in den rund 120 Gärten der 1951 geschaffenen Anlage weiter seinen Gang, trotz aller Unsicherheit. „Wir werden immer wieder gefragt, wie es aussieht, doch wir wissen es ja auch nicht“, meint Vorstandsmitglied Karius mit Blick auf den Zeitpunkt des Umzugs auf ein anderes Gelände.

„Wir hängen in der Luft und warten auf einen Termin mit der Stadt.“

Unabhängig davon habe der Verein gerade in diesem Jahr sehr viele Neuanmeldungen verzeichnen können, womit die Mitgliederzahl auf rund 170 gestiegen sei. Ob das mit der Corona-Krise zusammenhängt, darüber lässt sich nur spekulieren – Fakt ist jedoch, dass die Gärten in der Anlage nach wie vor begehrt sind. Wer sich neu anmeldet, habe in der Regel auch Interesse an einem Garten, betont Karius und lässt auch die Hoffnung mancher Pächter nicht unerwähnt, die bekanntlich zuletzt stirbt: „Wir würden gerne hierbleiben.“

Pino und Petra Matarrese wollen sich in ihrem neuen Lebensabschnitt zunächst einmal Tage der Ruhe gönnen, bevor sie wieder loslegen – wenn auch ganz anders: „Wir wollen dann viel Fahrrad fahren“, verrät die Rastatterin, während sich der Tag dem Ende neigt und der große Benz-Stern im Abendlicht der untergehenden Sonne wieder unweigerlich in den Blickpunkt rückt.

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Erstellt:
9. September 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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