Abschiedswoche in der Kunsthalle Karlsruhe

Karlsruhe (cl) – Zeit des Abschieds in der Kunsthalle Karlsruhe: Sie schließt ab 1. November und wird saniert. Direktorin Pia Müller-Tamm sprich über die Umzugsvorbereitung und das ZKM-Interim 2022.

„Eine große Unternehmung, für die es keine Blaupause gibt“: Kunsthallenchefin Pia Müller-Tamm steht vor dem größten Projekt ihrer Amtszeit, für die Sanierung muss alles ausgeräumt werden.  Foto: dpa

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„Eine große Unternehmung, für die es keine Blaupause gibt“: Kunsthallenchefin Pia Müller-Tamm steht vor dem größten Projekt ihrer Amtszeit, für die Sanierung muss alles ausgeräumt werden. Foto: dpa

Es geht noch hoch her derzeit in der Kunsthalle Karlsruhe. Viele Kunstfreunde und Schulklassen besuchen das Museum an der Hans-Thoma-Straße noch einmal. Alle Abteilungen sind geöffnet, die Sonderausstellung „Inventing Nature“ und „Iss mich!“, die Schau für Kinder und Jugendliche, laufen bis zum Monatsende. Dann ist Schluss.

Die Zeit des Abschieds ist gekommen – und den feiert die Staatliche Kunsthalle in ihrem Jubiläumsjahr mit einer Abschiedswoche (vom 24. bis 31. Oktober). Die vor 175 Jahren gegründete badische Gemäldegalerie steht kurz vor ihrer Generalsanierung – und schließt ab November für gut sechs Jahre. Damit sie denkmalgetreu saniert, technisch und energetisch modernisiert werden kann. Die historische Vierflügel-Anlage erhält dabei eine zentrale Kuppel und einen neuen Eingangsbereich in einem tiefergelegten Foyer. Auch die Orangerie und die Junge Kunsthalle werden für mindestens ein Jahr schließen.

„Jetzt beginnt bald die heiße Phase“, sagt Kunsthallendirektorin Pia Müller-Tamm im BT-Interview. „Ab 1. November wird es einen harten Schnitt geben“, fügte sie hinzu. Alles muss raus und ab dem zweiten Quartal 2022 in einem Interimsgebäude in der Hermann-Veit-Straße nahe des Europabads untergebracht werden; die Kunstsammlung wird ab Herbst 2022 in Auszügen im ZKM ausgestellt werden.

Bereits die Umzugsvorbereitungen seien eine große Herausforderung für das Kunsthallenteam – und werden weit über den Jahreswechsel hinaus andauern. „Das setzt voraus, dass wir kein Programm mehr machen, sondern die Kräfte bündeln und uns auf uns selbst konzentrieren“, erklärt Müller-Tamm.

Die Kunsthalle geht generalstabsmäßig vor. Die Büroeinrichtungen, Aktenberge, Bücher und natürlich die Kunstbestände, jedes einzelne Objekt, müssen verpackt und gesichert werden. Eine logistische Herausforderung – für eine Kunstsammlung, die zu den besten weltweit gehört und rund 800 Jahre Kunstgeschichte umfasst, angefangen von mittelalterlichen Tafelbildern, über spätmittelalterliche Kunst am Oberrhein, Werke von Hans Baldung Grien, Matthias Grünewald, von Rembrandt, französischen Meistern bis zur Gegenwartskunst. Bei dem gigantischen Transport-Projekt arbeitet die Kunsthalle mit Spezialisten des Kunsttransportes zusammen, dafür laufe gerade eine Ausschreibung.

Vorzeigearchitektur: Die Kunsthalle Karlsruhe mit dem von Heinrich Hübsch erbauten Trakt gehört zu den großen deutschen Museumsbauten des 19. Jahrhunderts.  Foto: Bruno Kelzer/Kunsthalle

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Vorzeigearchitektur: Die Kunsthalle Karlsruhe mit dem von Heinrich Hübsch erbauten Trakt gehört zu den großen deutschen Museumsbauten des 19. Jahrhunderts. Foto: Bruno Kelzer/Kunsthalle

„Das ist eine große Unternehmung, für die es keine Blaupause gibt“, so Müller-Tamm. In der jüngeren Geschichte der Kunsthalle sei es nur zu einem einzigen Komplett-Auszug bekommen, unter Kriegsbedingungen, wo innerhalb 14 Tagen Ende Oktober Anfang November 1942 das Haus im Eilverfahren geleert worden sei. „Das war in nichts angemessen und hochproblematisch. Wir, die wir auch immens gewachsen sind seit der Zeit, haben jetzt die Aufgabe die Kunst, Bibliothek, alle Bereiche so vorzubereiten, dass ohne Schaden, ohne Sicherheitsprobleme das systematisch geräumt werden kann.“ Bis die Umzugsvorbereitungen geschafft seien, werde man „ganz sicher mit nichts nach draußen gehen“.

Denn auch die Interimsstätte in der Hermann-Veit-Straße muss noch hergerichtet werden. Das große Gebäude wird derzeit mit Mitteln des Landes saniert und sicherheitstechnisch auf den notwendigen Stand gebracht. Denn dort werden die Verwaltung, die Werkstätten, alle Kunstwerke und auch die große Kunstbibliothek unterkommen. Das Kupferstichkabinett und die Büros werden auf längere Sicht dort bleiben, selbst wenn die Kunsthalle wieder öffnet. Denn das historische Hauptgebäude – dann mit repräsentativer Innenhof-Kuppel soll am Ende nur Ausstellungshaus sein.

Die Sanierung der Kunsthalle ist der erste Teil einer zweiteiligen Baumaßnahme, die allerdings in die fernere Zukunft gerichtet ist. 50 Prozent des von der Kunsthalle insgesamt benötigten Raumprogramms soll in einer zweiten Ausbau-Stufe auf der benachbarten Seite des Amtsgerichts entstehen. Allerdings muss erst das Amtsgericht einen Neubau erhalten, um Platz für die Kunsthallen-Erweiterung zu machen. Zu diesem zweiten Bauabschnitt gibt es bereits Pläne und eine politische Absichtserklärung. „Wir stehen jetzt schon damit im Koalitionsvertrag, dieser jetzt aktuellen Landesregierung, das ist sehr viel wert und ein großes Bekenntnis dazu.“

Parallel zum anstehenden Auszug aus der Kunsthalle plant das Team um Direktorin Müller-Tamm auch an der Interims-Präsentation im ZKM in rund einem Jahr. „Hier können wir auf dem Hochniveau der Sammlung die besten Dinge zeigen.“ Knapp 2.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche wird im ersten Obergeschoss des ersten und zweiten ZKM-Lichthofs zur Verfügung haben, auf der angestammten Ausstellungsfläche der ZKM-Sammlung, darüber sind die Gamer. Ein Terrain, das völlig anders ist und eine neue Präsentierung benötigt.

Das Architektur-Büro Merz und Merz, Vater und Tochter, aus Stuttgart wird die Einrichtung der Kunsthallen-Sammlung im Industriebau übernehmen. „Wir sind eine klassische Bildergalerie – werden auch die Papierabteilung einbeziehen und die Skulptur zeigen –, aber die Sammlung ist natürlich auch ein Fremdkörper im ZKM, sodass wir den ersten Raum als einen Schwellenraum gestalten wollen.“ Darin soll sich die Atmosphäre der Kunsthalle spiegeln.

Abschiedswoche beginnt am Freitag

„Die Kunsthalle ist aus der Idee des Gesamtkunstwerks entstanden – am Anfang stand diese epochentypische Vorstellung in der Zeit der Spätromantik, als wir hier auf den Plan getreten sind“, sagt die Kunsthallenchefin. Ein Gesamtkunstwerk aus vier Komponenten – Architektur, Monumentalmalerei von Moritz von Schwind und seinen Schülern, aus Skulptur, Bauplastik und Sammlung – zu kreieren stand dahinter, als der damalige Karlsruher Baudirektor Heinrich Hübsch zusammen mit Leopold von Baden und dem Sammlungsleiter Carl Ludwig Frommelt die Idee des Gesamtkunstwerks Kunsthalle Karlsruhe entwickelte. An diese Gedanken haben die Nachfolger stets festgehalten.

Diesen Gedanken will auch die Neupräsentation ab September 2022 im ZKM visualisieren. Die Berliner Filmemacherin Anna Henckel-Donnersmarck, entfernt verwandt mit dem deutschen Oscar-Preisträger Florian von Henckel-Donnersmarck, greift die Idee in einem Film für den Auftaktraum im ZKM auf. Gerade ist der Film abgedreht worden.

Das ZKM-Interim der Kunsthalle ist zunächst für zwei Jahre zugesagt worden. Im Mai 2023 endet die Amtszeit der Kunsthallen-Direktorin Pia Müller-Tamm. Und in zwei Jahren verlässt auch ZKM-Vorstand Peter Weibel das Zentrum für Kunst und Medien. Vereinbarungen über diese Zeit hinaus gibt es noch keine zwischen den beiden Landesinstitutionen, Kunsthalle Karlsruhe und ZKM.

Ganz ohne eigene Spielfläche wird die Kunsthalle während der gut sechsjährigen Umbauphase aber nicht sein. Die Orangerie und die Junge Kunsthalle stehen 2022 aber nicht zur Verfügung. Die Orangerie ist im Moment wegen eines Bauschadens am Dach geschlossen, sie soll im nächsten Jahr saniert werden.

Ob es weitere Präsentationen an anderen Orten geben wird, ist offen. „Wir wollten keine Tournee der Bilder planen, die die Sammlung anderswo hinträgt, sondern hier am Ort, wo viele gewachsene Verbindungen bestehen, die Öffentlichkeit am Museumsleben beteiligen“, sagt Müller-Tamm. Eine Sammlung dieser Güteklasse könne nicht über Jahre und eine längere Bauzeit hinweg im Depot verschwinden.

Von Freitag an bis 31. Oktober bestehen „Letzte Blicke in die Kunsthalle“, dazu werden die Öffnungszeiten verlängert. Die Abschiedswoche bietet rund 150 größere und kleinere Veranstaltungen an. 64 Luftfilter seien eigens angekauft werden, damit das überhaupt möglich sei und den aktuellen Corona-Vorschriften genüge getan werde. „Wir können ja kein Fenster aufreißen“, sagt Müller-Tamm.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
19. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 25sec

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