„Abseits-der-Wege-Pfad“ im Stadtwald

Rastatt (naf) – Stadtförster Martin Koch und Steffen Jung, der einen Erlebnispfad im Rahmen seines Lehrgangs zum Forstwirtschaftsmeister plante und umsetzte, haben diesen am Donnerstag vorgestellt.

In fast jedem Baumstamm des Ötigheimer Walds sind Eisensplitter von Granaten zu finden. Sie hinterlassen einen schwarzen Fleck in den Jahresringen. Fotos: Nadine Fissl

© naf

In fast jedem Baumstamm des Ötigheimer Walds sind Eisensplitter von Granaten zu finden. Sie hinterlassen einen schwarzen Fleck in den Jahresringen. Fotos: Nadine Fissl

Von befestigten Wegen wegführen und Menschen die Gelegenheit geben, in den Wald zu schauen: Das soll der neue „Abseits-der-Wege-Pfad“ im Ötigheimer Wald.
Stadtförster Martin Koch und Steffen Jung, der den Erlebnispfad im Rahmen seines Lehrgangs zum Forstwirtschaftsmeister plante und umsetzte, haben das Projekt vorgestellt und querfeldein zwischen Eichen und Brombeersträucher eingeladen.
„Auf den weichen Waldboden zu treten, ist ein ganz anderes Gefühl an den Füßen“, merkt Koch gleich zu Beginn an. Für den rund 300 Meter langen Pfad (Start: Waldweg am Berliner Ring gegenüber der Einmündung Stettiner Straße) wurden Seegras und Brombeersträucher entfernt, ansonsten ist der Boden unbehandelt. Man steht wortwörtlich mitten im Wald – dazu passend sind die Schilder mit der Aufschrift „Abseits der Wege“. Hier startet der Rundgang und führt mit der ersten seiner zehn Stationen direkt durch einen in zwei Teile gesägten Baumstamm hindurch.

Baumstämme als Zeugen der Zeit

Ein dunkler Fleck im Querschnitt des Stamms sei der Eisensplitter einer Granate, wie Koch erklärt. „Es hat beide Weltkriege hinter sich“, erzählt er über das 160 Jahre alte Waldstück. Nur weil es zu keinem Schutzgebiet gehöre, könne der Erlebnispfad hier eingerichtet werden. Koch ist zufrieden mit der Ortsauswahl: „Wenige Meter von der massiven Zivilisation“ – das Rauschen der B 36 ist leise im Hintergrund zu hören – „und dennoch herrscht im Wald eine ganz andere Stimmung“. Nicht ohne Grund wurde der Stadtwald 2016 zum Erholungswald gekürt.

Zuhause für über 300 Tier- und Pilzarten

Es geht weiter zu einer der zwei Hauptstationen, dem Insektenhotel. Die Nist- und Überwinterungshilfe für Insekten steht auf einer Lichtung und wurde laut Jung nicht nur wegen der Wärme dort aufgestellt. Als Projektleiter müsse er auch die Verkehrssicherheit für den Weg gewährleisten und somit morsche Äste entfernen, die eine Gefahr darstellen. Jung erklärt: „Das Totholz ist wichtig für die über 300 verschiedenen Tier- und Pilzarten des Walds.“ Deswegen wird es nicht abtransportiert, sondern schmückt den Wegesrand und dient neben dem Insektenhotel als Lebensraum. Betrachtet werden kann das Ganze dann von einem als Sitzgelegenheit zugeschnittenen Baumstamm aus.

Die zweite Hauptstation ist der Geschichte des Walds gewidmet. Der große Querschnitt einer Stieleiche mit 209 Jahrringen lässt in die Vergangenheit blicken. Neben Granatsplittern aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sind auf den Ringen Nummerierungen zu finden. Eine Tafel zählt die zugehörigen historischen Ereignisse auf, die in den jeweiligen Jahren stattgefunden haben.

Der Rest des Wegs führt an einem Bombenkrater und verschiedenen Baumarten vorbei. Riesige morsche Eichen, die laut Jung selbst den Baumkletterern zu heikel waren, werden umgangen. Ursprünglich hätte der Weg unmittelbar an ihnen vorbeiführen sollen. „Das sind Schwierigkeiten, die dazu gehören“, erklärt Jung.

Auch zukünftig wird der Pfad von ihm und seinen Auszubildenden betreut. Die Instandhaltung sollte sich „in Grenzen halten“ und jährlich nur zirka vier Stunden in Anspruch nehmen, so Koch. Lediglich der Boden müsse immer wieder von den Brombeersträuchern befreit werden. Koch hofft, dass das Projekt vom Vandalismus verschont bleibt: „Wir gehen damit auch ein Experiment ein.“

In nur vier Tagen hat Jung den Pfad mithilfe von einem Auszubildenden, zwei Gesellen und drei professionellen Baumkletterern verwirklicht. „Das ist richtig toll gemacht“, findet auch eine Spaziergängerin, die zufällig mit ihrem Hund vorbeiläuft.

Zum Artikel

Erstellt:
3. Juli 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 41sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.