Abstände kleiner als erwartet

Freiburg (bjhw) – Experten der Freiburger Universität werten das zweite TV-Triell aus: Eindeutige Sieger gibt es nicht.

Die Kanzlerkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen, CDU und SPD, Baerbock, Laschet und Scholz, treffen in einer TV-Diskussion bei ARD und ZDF aufeinander. Foto: dpa/WDR

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Die Kanzlerkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen, CDU und SPD, Baerbock, Laschet und Scholz, treffen in einer TV-Diskussion bei ARD und ZDF aufeinander. Foto: dpa/WDR

Gut 640.000 Online-Klicks, rund 7.500 Teilnehmende, die Blitzauswertung der riesigen Datenmengen über Nacht: Mit ihrem vielfach erprobten Debat-O-Meter will ein Expertenteam der Uni Freiburg interessante Einzelheiten aus dem zweiten Bundestagswahl-Triell vom Sonntag herauslesen.

„Wir sind von unserer Anwendung mehr überzeugt als von telefonischen Interviews“, sagt der Miterfinder Uwe Wagschal, Professor für Vergleichende Regierungslehre im BT-Gespräch am Tag danach. Die Ergebnisse weichen jedenfalls von den bisher veröffentlichten Umfragen durchaus ab: Der Vorsprung von Olaf Scholz (SPD) vor Armin Laschet (CDU) fällt deutlich geringer aus, und Annalena Baerbock (Grüne) kann zwar inhaltlich punkten, nicht aber als mögliche Kanzlerin.

Nach dem Triell: Armin Laschet (rechts) schaut im Lager der Grünen vorbei, zweite von links: Annalena Baerbock. Foto: Christophe Gateau/dpa

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Nach dem Triell: Armin Laschet (rechts) schaut im Lager der Grünen vorbei, zweite von links: Annalena Baerbock. Foto: Christophe Gateau/dpa

2016 waren die Freiburger erstmals an den Start gegangen, Wagschal, der Informationsprofessor Bernd Becker, eine Handvoll Spezialisten sowie eine Politikwissenschaftlerin. Die Regeln der Online-Befragungen sind streng. Mit einem oder zwei Plus- oder Minuszeichen werden Äußerungen, Auftreten, Patzer oder besonders lichte Momente während der 95-minütigen Sendung per Klick beurteilt. „Warum Sie eine Person bewerten und was genau Sie als gut oder schlecht ansehen, bleibt völlig Ihnen überlassen“, heißt es in der Bedienungsanleitung. Wer allerdings das Triell von ARD und ZDF nicht mindestens über die Hälfte der Zeit verfolgt, fliegt raus. Am Sonntagabend waren das mehr als 4.000 klickende Zuschauer, die irgendwann das Interesse oder den Faden verloren.

Auswertung sei detaillierter

Weitere Leitplanken machen die Ergebnisse belastbar. So werden Angriffe aus dem Ausland auf das Debat-O-Meter, sollte es welche geben, abgewehrt. Gerade durch die notwendige aktive Verfolgung des jeweiligen Ereignisses kann von einem größeren Interesse ausgegangen werden als bei einer Blitz-Umfrage. Außerdem spricht nach Wagschals Meinung die Zahl jener 7.500, die bis zum Schluss dabeiblieben, für sich im Vergleich zu 750 oder 1.000 telefonisch Interviewten. Diese Auswertung sei dank des speziellen Programm-Codes und der beteiligten hoch spezialisierten Wissenschaftler auch detaillierter.

Olaf Scholz gönnt sich nach der TV-Schlacht erst mal eine Currywurst.Foto: Christophe Gateau/dpa

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Olaf Scholz gönnt sich nach der TV-Schlacht erst mal eine Currywurst.Foto: Christophe Gateau/dpa

So kann herausgefiltert werden, dass die – wenn auch von ihr selbst sogleich korrigierte – Verwechslung von rechtsextremen Anschlägen in Hanau und Halle Baerbock geschadet hat. „Scholz schwamm kurz bei der Diskussion um den Wirecard-Skandal“, heißt es in der Blitzauswertung, „während Laschet für seine Spitze im Schlussstatement gegen die Grünen, dass er nicht gängele, die Menschen machen lasse und ihnen nicht vorschreibe, wie sie zu denken, zu reden oder zu leben haben, mit negativen Bewertungen abgestraft wird.“ Insgesamt spricht Wagschal von einer lebendigen, unterhaltsamen, politisch interessanten Debatte. Bemerkenswert sei auch, welche Themen nicht angesprochen wurden: Außen- und Verteidigungspolitik, die Innere Sicherheit oder Europa. „Und nur am Rande wurde das Migrationsthema verhandelt, bei der Bundestagswahl 2017 hat das Thema knapp die Hälfte der Sendezeit eingenommen“, erinnert sich der Professor.

Ältere bei Umfragen oft schwerer zu erreichen

Mehrere Details stechen im Vergleich zu anderen Umfragen heraus: Scholz fällt deutlich ab im Vergleich zwischen der Erwartung, er werde gut abschneiden (41,2 Prozent), und dem tatsächlichen Eindruck (32,2 Prozent). Bei den Anhängern anderer Parteien, bei Nichtwählern oder Unentschlossenen landet er sogar nur auf dem dritten und letzten Platz. Laschet wiederum punktet bei den Über-40-Jährigen (35,1 Prozent), Baerbock bei Frauen und Jüngeren (42,8) und Scholz bei den Senioren (40,6).

Wagschal traut den Abständen, die so viele Umfragen zwischen Scholz und Laschet herausgefunden haben wollen, gerade mit Blick auf die Älteren nicht wirklich. Letztere seien eben schwer zu erreichen und würden deshalb unterschätzt. Diese Abstände könnten am Ende sehr viel geringer sein. Oder auch: Es könnte alles noch ganz anders kommen. Wogegen spricht, wie gut das Debat-O-Meter bei anderen Großereignissen schon lag, vom Brexit bis zu früheren Bundestagswahl-Duellen, bei der Freiburger OB-Wahl oder damals 2017, als ziemlich präzise ermittelt wurde, warum CDU-Herausforderer Armin Laschet Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ausstechen wird.


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