Abstand und das BOHM-Syndrom

Rastatt (red) – Unser Autor gibt seine Beobachtungen wieder zur Kunst des Schlangestehens und anderen Verwicklungen in Zeiten von Corona.

Autor Hans Peter Faller demonstriert die schwierige Verknüpfung von Brille, Ohr, Hörgerät und Maske. Foto: F. Vetter

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Autor Hans Peter Faller demonstriert die schwierige Verknüpfung von Brille, Ohr, Hörgerät und Maske. Foto: F. Vetter

Was können wir froh sein, dass im Jahre 1799 die Franzosen das Meter als einheitliches Längenmaß definiert haben. Damit wurde es entfernungsmäßig in Europa quasi das Maß aller Dinge. Vorherige Maße definierten sich meist nach der Länge der menschlichen Gliedmaßen wie die Fingerbreite, der Zoll, die Handbreite, die Handspanne, die Elle, der Fuß, der Schritt und das Klafter.

Man maß nach Meilen, Seemänner nach Faden, in der Antike nach Tagesreise, und fast überall nach Ruten. Diese gab es als Längen- und Flächenmaß. Aber jeder Staat, jede Stadt, jede Ortschaft bestimmte selbst, wie lang ihre Rute war. Und das schon seit frühester Zeit. So gab es die Römische Rute, Preußische Rute, Polnische Rute, Fränkische Rute usw. Das Untermaß zur Rute war der Fuß.

Heute gilt: Abstand halten! Kann man das ohne Hilfsmittel? Jeder Fliesen-Platten- und Mosaikleger lernt das in einer dreijährigen Ausbildung, wenn er in seinem Handwerk Genauigkeit mit Formgestaltung verknüpft und uns Küche, Bad und Toilette verschönert. Meist mit einem besonderen Augenmaß ausgerüstet, benutzt er trotzdem Abstandhalter als Arbeitshilfe.

Was also der Fachmann in drei Jahren Ausbildungszeit sich aneignet, kann das der Laie, der in das wildtobende Wasser der Corona-Krise ohne Schwimmhilfe geworfen wird, ad hoc lernen? Was ist Abstand überhaupt? Der Duden, das Wörterbuch schlechthin, ist jetzt coronatauglich: Abstand, das ist Entfernung und Distanz. Gemessen zwischen zwei Punkten.

Rastatter Schlangenlängen

Bemühen wir den Rastatter Wochenmarkt als Beispiel. Wir alle sind aufgerufen, einen Mindestabstand von 1,50 Meter zwischen uns (hier die Eheleute A) und den anderen Marktbesuchern (meinetwegen den Eheleuten B) zu halten, wenn wir dort einkaufen wollen. Für Einzelpersonen gilt der gleiche Abstand.

Das Coronavirus scheint wohl die Entfernung zwischen den Punkten A und B nicht zu kennen, die Fachleute als ansteckungsfeindlich herausgedeutet haben. Früh morgens um 7 Uhr ist das beispielhaft schön zu beobachten. Jeder bemüht sich mit Anstand um Abstand. Einige mehr, andere weniger. Der frühmorgendliche Besucherstrom ist zwar noch dünn, aber dennoch kann man Menschen mit einem sogenannten Knick in der Optik, sprich „nicht ausgeprägtem Entfernungseinschätzungsvermögen“ leicht erkennen. Sie weiten die Distanz zwischen Familie A zu Familie B um ein eigenes Einschätzungsgebaren aus. Das bedeutet im besonderen Fall, dass es hier und da von 1,50 Meter schon einmal bis zu fünf Meter oder mehr sein können, um dem Virus jedwede Möglichkeit zu nehmen, angreifen zu können.

So gibt das bei besonders frequentierten Marktständen, meist mit Alleinstellungsangeboten, schon früh die sogenannten Schlangen. Und da ist bei zunehmendem Marktbesucherstrom dann im Laufe des Vormittags mit manchmal irrsinnig langen Menschenschlangen zu rechnen.

Eine frühmorgenswochenmarktliche Hochrechnung von Rastatter Schlangenlängen würde nachfolgende Einschätzung erwarten lassen: Ausgehend von einem Anteil von 50 Prozent Wochenmarktkunden, die des Einschätzens der gewünschten Distanz unfähig sind oder glauben, besonders gewieft dem Virus ein Schnippchen schlagen zu wollen, ist die Schlange bereits um 7 Uhr, trotz der Möglichkeit, dass drei Kunden gleichzeitig vor dem Verkaufswagen bedient werden können, so lang, dass sie bis ans Ende des Sparkassengebäudes in der Schlossstraße reicht. Potenziert man diesen Fakt viertelstündlich hoch, so reicht die Schlange um 8 Uhr bereits an die Stadtgrenze in der Ottersdorfer Straße und gegen 11 Uhr, dem größten Besucheransturm, insbesondere der Unausgeschlafenen, Spätaufsteher, Nachtschwärmer und Marktbummlern kann dann schon das Ried erreicht sein.

Die Ehefrau in Familie C reklamiert bei ihrem Mann, weshalb er denn auf der Fahrt zum Rastatter Wochenmarkt jetzt in Richtung Plittersdorfer Fähre abgebogen sei. Bertold C. erklärt seiner Frau, dass dort um diese Zeit schon das vorläufige Ende der Rastatter Wochenmarktschlange für ein bestimmtes Produkt gesichtet worden sei. Er wolle sich doch dort jetzt mit dem gebührenden Abstand anstellen.

Hinter dem Ohr eskaliert es

Aufpassen muss man jedoch bei der Schlangenbildung auf dem Wochenmarkt, dass man nicht einer anderen Schlange ins Gehege kommt. Das muss dann erstens mit dem gebührenden Abstand geschehen, und selbst bei intensiven Schlangenabbau-Austauschgesprächen sollte man darauf achten, nicht plötzlich in der falschen Schlange zu stehen, um anstatt Putensteaks zu erwerben am Fischstand gelandet zu sein. So wurde in verschiedenen Rastatter Familien statt französischem Käse jetzt polnische Mettwurst auf dem Frühstückstisch gesichtet. In einem Extremfall war sogar nach wiederholtem Anstellen der Marktvorrat an Erdbeeren und Spargel derart ausgedünnt, dass der familiäre Haussegen erst wieder am Dienstag der kommenden Woche geradegerückt werden konnte.

Aber eines haben die Rastatter vielleicht doch gelernt, besser gesagt erkannt: Auch wenn die Masse Mensch im Pulk pellenmäßig nahe beieinander gluckt, wird sie nicht schneller bedient, als wenn sie „politisch verordnet“ in einer Schlange steht. Die Zahl der Verkäufer hat sich nicht geändert.

Mit der Maskenpflicht, nicht „Maskierungspflicht“, werden die Hals-Nasen-Ohrenärzte ihre Wartezimmer immens erweitern müssen. Das immer wieder schon jetzt auftretende BOHM-Syndrom wird ältere Menschen mit Mehrfachbehinderung vermehrt Krankenkassenleistungen in Anspruch nehmen lassen.

BOHM-Syndrom bedeutet: Die Verknüpfung von Brille, Ohr, Hörgerät und Maske, und das alles hinter dem Ohr, führt dort zu einem Tohuwabohu an medizinischen Hilfsprodukten. Ein Mensch, der als Brillenträger bereits gehandicapt ist, wird in Kombination mit einem Hörgerät schon zum mehrfachbeeinträchtigten Sinneswahrnehmer. Wenn jetzt noch die Schlaufen der Corona-Schutz-Maske die Situation hinter dem Ohr nahezu eskalieren lässt, wird die Knotenbildung von Brillenbügel, Hörgerätelautsprecher und Maskenbändel zum Tanzplatz von Plastik, Elektronik und Stoffbahn. Wenn dann noch das Ohr als Hörorgan, und hier die Ohrmuschel als Haltepunkt für Bügel und Schlaufe und im Innenohrteil als Station der Hörgerätelautsprecher, ebenfalls in die Knotenbildung mit einbezogen wird, dann spricht man vom Ohrknotensymptom, oder vom BOHM-Syndrom. Dies kann zu Verlusten von Hörgeräten, verbogenen oder abgebrochenen Brillenbügeln und zu anderen behandlungsintensiven Bereichen der Otiatrik, der Ohrenheilkunde, führen.

In diesem Sinne wünsche ich mir einen wunderschönen Rastatter Wochenmarkt mit dem tollen Angebot und allen Menschen, die alles tun, damit wir es uns weiterhin gut gehen lassen können.

Ihr Autor

Hans Peter Faller

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Erstellt:
8. Mai 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 02sec

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