„Abstand wahren – sonst geht man kaputt“

Baden-Baden (up) – Der Erste Staatsanwalt Michael Klose spricht im BT über seine Arbeit bei der Ermittlungsbehörde. Hauptmotivation sei für ihn das „Bedürfnis, für Gerechtigkeit zu sorgen“, sagt er.

Erster Staatsanwalt Michael Klose: „Die Sicherheitslage ist hier objektiv gesehen sehr gut.“ Das Foto zeigt ihn in einem Verhandlungssaal des Landgerichts Baden-Baden.  Foto: Ulrich Philipp

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Erster Staatsanwalt Michael Klose: „Die Sicherheitslage ist hier objektiv gesehen sehr gut.“ Das Foto zeigt ihn in einem Verhandlungssaal des Landgerichts Baden-Baden. Foto: Ulrich Philipp

Etwa 350.000 Menschen leben im Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Baden-Baden, der die Amtsgerichtsbezirke Achern, Bühl, Baden-Baden, Rastatt und Gernsbach umfasst. „Die Sicherheitslage ist hier objektiv gesehen sehr gut. Wir sind ländlich, beziehungsweise kleinstädtisch strukturiert, das heißt, unsere Kriminalität ist nur bedingt vergleichbar mit der von Frankfurt, Berlin oder Hamburg!“, sagt der Erste Staatsanwalt Michael Klose, im Gespräch mit dem BT.

Mit 5.553 Straftaten in Baden-Baden und 3.209 in Rastatt 2020 ist die Kriminalitätsstatistik in den beiden größten Städten des Landgerichtsbezirks auf dem niedrigsten Stand seit Jahren. Insgesamt ist das Arbeitsaufkommen der Behörde jedoch beträchtlich. So mussten im vergangenen Jahr 27.130 Vorgänge bearbeitet werden, 17.000 davon mit bekannten, 8.700 mit unbekannten Tätern sowie 1.200 Ordnungswidrigkeiten.

Allein auf dem Schreibtisch von Klose, der hauptsächlich für Rauschgiftdelikte zuständig ist, landeten 1.456 Verfahren, das sind etwa 121 im Monat und damit rund sechs an jedem Arbeitstag. „Wenn wir Anhaltspunkte für eine Straftat haben, müssen wir tätig werden, sonst machen wir uns selbst strafbar wegen Strafvereitelung im Amt“, erklärt der Staatsanwalt. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob genügend Beamte zur Verfügung stehen, so Klose weiter. Dass die Arbeit nicht weniger wird, liegt auch an den sogenannten Neuen Medien, erklärt er, denn: „Wenn wir im Rauschgiftbereich ein Mobiltelefon sicherstellen, führt dies im Durchschnitt zur Aufdeckung von 50 bis 100 weiteren Straftaten“, so der Staatsanwalt mit Blick auf die zahlreichen Jugendlichen, die Messenger-Dienste nutzen, um sich über den Kauf oder den Handel mit Drogen zu verständigen. Klose: „Ein Polizeibeamter ist in so einem Fall manchmal wochenlang mit der Auswertung der Chats beschäftigt.“

Fälle von Kindesmissbrauch extrem belastend

Mit Blick auf die Digitalisierung und deren Folgen für die Polizeiarbeit antwortet der Staatsanwalt auf die Frage, wohin sich die Arbeit von Justiz und Polizei idealerweise entwickeln sollte: „Der öffentliche Dienst konkurriert auf dem Arbeitsmarkt mit der freien Wirtschaft. Um gute Leute zu gewinnen – zum Beispiel im Bereich Cybercrime – sollten attraktive Arbeitsbedingungen bestehen, um den Beschäftigten nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz zu bieten, sondern einen Ausgleich dafür zu schaffen, gegenüber der freien Wirtschaft eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten oder sonstige Vorteile zu haben. Oft ist das Lob vom Abteilungs- oder Behördenleiter das Einzige, was man erwarten kann.“

Auf die Frage, ob man Idealist sein müsse, um bei den Justizbehörden arbeiten zu können, betont er ausdrücklich: „So ist es!“ Und er ergänzt: „Auf der anderen Seite ist es uns ein Bedürfnis, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das macht uns Spaß und das motiviert ungemein. Dass der Rechtsfrieden wiederhergestellt wird, dass die Menschen sehen, es sorgt jemand dafür, dass Regeln eingehalten werden – das ist zutiefst befriedigend.“ Dazu gehört auch, dass die Staatsanwaltschaft ihr „Augenmerk auf die Opfer von Straftaten richtet“ und beispielsweise Einbrecher bestraft, obwohl deren Opfer ihren Besitz nicht mehr zurückerhalten können, weil er bereits „verhökert“ ist. So haben die Geschädigten wenigstens die Genugtuung, dass die Täter bestraft wurden, „das motiviert uns jeden Tag“. „Zudem“, so Klose weiter, „geht man mit einem guten Gefühl aus einer Gerichtsverhandlung, in der beispielsweise eine Person wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern bestraft wurde und man weiß, dass dieser Mensch dies in den nächsten Jahren nicht mehr machen kann, weil er sich im Gefängnis befindet.“

Für die Beamten, die Fälle von Kindesmissbrauch bearbeiten, ist dies extrem belastend, erklärt er. Ebenso, wenn beispielsweise die Mutter eines Drogenkonsumenten anruft, deren Sohn sich den Goldenen Schuss gesetzt hat und die weinend fragt: Bin ich schuld? Klose: „Das belastet einen natürlich auch. Man muss eine Mauer hochziehen zwischen dem Privaten und dem Beruflichen, aber die Mauer darf nicht so dick und nicht so hoch sein, dass man die Empathie verliert. Man muss mitfühlen, aber auch Abstand wahren können, sonst geht man kaputt.“

Gerade bei Kinderpornografie ist es eine besondere Herausforderung, sich davon „halbwegs wieder frei zu machen“, stellt Klose klar. Nach seiner Beobachtung scheint die Zahl solcher Straftaten in den vergangenen Jahren zugenommen zu haben, „zumindest sind mehr bekannt geworden und haben größere mediale Aufmerksamkeit erfahren“, so Klose. Als Gründe dafür sieht er, dass es nach seiner Einschätzung vermehrt Hilfsangebote für die Opfer gibt und auch die Aufmerksamkeit von Jugendämtern und in der Schule zunahm. Klose: „Es besteht auch die Möglichkeit, Verantwortliche, beispielsweise in Jugendämtern, strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie bewusst Missstände ignorieren, untätig bleiben und uns nicht einschalten.“

Soziale Bindungen vermeiden Straftaten

Auf die Frage, was man mitbringen muss, um bei Justizbehörden oder der Polizei arbeiten zu können, antwortet Klose: „Man muss die Liebe zum Gesetz haben.“ So versucht er, auch privat ein Vorbild zu sein und Beispiel zu geben. Angesprochen auf die Ursachen für die vergleichsweise niedrige Kriminalitätsrate im ländlichen Raum antwortet Klose: „Ein guter Polizist kennt seine Kundschaft, das heißt, wenn eine Streife durch die Stadt fährt, wissen die Beamten, wo die Problembereiche sind, wo sich die Drogenabhängigen versammeln. Wer hier Böses im Sinn hat, hat es schwerer sich zu verstecken als in einer Großstadt.“ Dazu kommt nach seiner Einschätzung, dass Nachbarn vielleicht eher die Polizei rufen, wenn sie im Garten nebenan fremde Menschen herumstreichen sehen. Hohe Bedeutung hat laut Klose zudem, dass die Menschen auf dem Land stärker in Gemeinschaften wie Vereine eingebunden sind, als in der Stadt: „Je enger diese Einbindung ist, desto geringer ist die Gefahr von Straftaten, gerade bei jungen Menschen“. Als Beispiel führt er an: Wenn Sie in einem Fußballverein sind und Sie kommen betrunken oder unter Drogeneinwirkung oder aggressiv zum Training, dann ist zu erwarten, dass der Trainer sagt: „Du, komm mal her. Hast Du ein Problem?“ Klose weiter: „Wenn eine solche Kontrolle fehlt, dann haben die Leute weniger Halt.“ Ähnlich ist das auch bei jungen Männern, die Straftaten begehen, erklärt er. „Sobald sie die erste richtige Partnerin haben, sind sie von einem Tag auf den anderen plötzlich straffrei.“ Soziale Bindung hilft also, Straftaten nicht entstehen zu lassen oder dass eine Serie abbricht.

Als weitere Voraussetzung für seine Arbeit nennt Klose außerdem hohe Entscheidungsfreude und Stressresistenz. „Das muss man auch mitbringen“, sagt er und stellt abschließend fest: „Es gab noch keinen Tag in meinem Berufsleben, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gefahren wäre“.

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Erstellt:
8. Juni 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 16sec

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