„Ach, bist Du auch wieder zufällig hier?“

Rastatt (sie) – 200 Teilnehmer demonstrieren in Rastatts Innenstadt unangemeldet bei sogenannten „Spaziergängen“ gegen Corona-Maßnahmen. Der Protest bleibt weitgehend unbeachtet.

Ohne offizielles Startsignal: Der Zug setzt sich kurz nach 18 Uhr vom Marktplatz aus in Richtung Kapellenstraße in Bewegung. Foto: Holger Siebnich

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Ohne offizielles Startsignal: Der Zug setzt sich kurz nach 18 Uhr vom Marktplatz aus in Richtung Kapellenstraße in Bewegung. Foto: Holger Siebnich

Um kurz nach 18 Uhr setzt sich die Menge ohne erkennbares Startsignal in Bewegung. Wo kurz zuvor noch lose Grüppchen auf dem Marktplatz zusammenstanden, bildet sich ein Strom aus rund 200 Menschen, der sich in Richtung Kapellenstraße bewegt. Es laufen Männer und Frauen mittleren Alters neben Rentnern, jungen Paaren und einigen Halbstarken. Manche Eltern haben ihre Kinder mitgebracht. Ein Mann schiebt eine Frau im Rollstuhl. Sie eint der Unmut über die Corona-Maßnahmen. Dass sie mit ihrem unangemeldeten Protest dem Aufruf von Akteuren folgen, die den Staat ablehnen, scheinen sie in Kauf zu nehmen.

Treffpunkte werden in Netzwerken kommuniziert

Der Großteil der Teilnehmer selbst weckt nicht den Verdacht, rechtsextrem zu sein oder an einem Umsturz zu arbeiten. Als sich gegen 17.50 Uhr immer mehr Menschen vor dem Rathaus einfinden, wird schnell deutlich, dass dort keine homogene Gruppe steht. Auf der einen Seite des Platzes begrüßen sich fünf jüngere Frauen, auf der anderen Seite steht eine Gruppe Senioren, dazwischen warten zwei Paare, um deren Beinen ein kleines Kind herumspringt.

Mancher kokettiert damit, dass der Protest als Spaziergang getarnt ist. „Ach, bist Du auch wieder zufällig hier?“, begrüßt ein Mann einen Mitstreiter. Natürlich ist jedem klar, dass hier nichts dem Zufall überlassen ist. Die Treffpunkte wie der Rastatter Marktplatz werden in Telegram-Kanälen kommuniziert. Dort rufen unter anderem Akteure wie Marco Kurz zu den unangemeldeten Protesten auf. Er ist Gründer des rechtsgerichteten „Frauenbündnis Kandel“, von dem er sich inzwischen losgesagt hat, sowie von „Widerstand Offenburg“. Kurz mischte im vergangenen Jahr auch bei den „Schneedemos“ in Ottersweier mit, bei denen Plakate wie „Ihr Volksvertreter seid Volksverräter“ zu sehen waren.

Verschwörungsideen und eigene Erfahrungen

Am Montag taucht in einer der Rastatter Gruppen quasi zur Einstimmung auf den Protest eine Sprachnachricht von Friedemann Mack auf. Der Unternehmer fiel in der Vergangenheit unter anderem dadurch auf, dass er eine Party mit Nena organisierte, bei der der bekannte Querdenker Bodo Schiffmann mitfeierte. Im Internet verkauft er T-Shirts mit dem Aufdruck „Ungeimpft“, Donald-Trump-Mützen und Fanartikel von „QAnon“, jener Gruppe, die seit 2017 von den USA aus Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund verbreitet. In der Sprachnachricht spricht er über Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) als „Klabauterbach“ und über Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) als „Annalenchen“ und bedient Verschwörungsideen. Die beiden Politiker seien vielleicht „bewusst dort eingesetzt“ worden.

In den direkten Gesprächen der Teilnehmer in Rastatt spielen solche Gedanken kaum eine Rolle. Während der Protestzug den Kapellenbuckel erklimmt, drehen sich die Diskussionen um persönliche Erfahrungen etwa mit der neuen FFP2-Maskenpflicht. Ein Mann erzählt seinen Bekannten, dass er in einer Tankstelle nicht bedient worden sei, weil er keine entsprechende Maske trug. Eine Frau schildert ihre Sehnsucht, endlich mal wieder in die Sauna zu gehen, wo ihr der Zutritt durch die 2G-Plus-Regel verwehrt sei: „Das vermisse ich so. Für mich ist das wie Urlaub.“ Und natürlich ist oft von den Impfstoffen die Rede, die nicht wirken würden.

Zug bleibt weitgehend unbeachtet

All diese Gespräche finden im direkten Austausch im Protestzug statt. Nach außen bleibt es still. Es gibt keine Sprechchöre, öffentliche Wortbeiträge oder Plakate. Die Teilnehmer ziehen im Dunkeln weitgehend unbeachtet die Bahnhofstraße entlang. Ein Austausch mit Passanten findet nicht statt. Ab und zu hupt ein Auto. Die Polizei hat das Geschehen von einem Streifen- und einem Zivilfahrzeug aus im Blick. Eingreifen müssen die Beamten nicht.

Für ein wenig Aufsehen sorgt der Zug, als die Teilnehmer an der Bahnhofsunterführung die Straßenseite wechseln. In dem Durchgang wird es auf einmal eng. Fahrgäste, die gerade ankommen, müssen an dem Aufmarsch vorbei, in dem fast niemand einen Mund-Nasen-Schutz trägt.

Auf dem Rückweg in Richtung Innenstadt dreht ein älterer Mann im Gespräch mit seiner Bekannten doch noch das große Verschwörungsrad. Von den Kindern, die so viel ertragen müssten, ist er schnell bei der Europäischen Union, die fremdgesteuert sei: „Das ist alles abgekartet!“

Als an der Badner Halle ein paar Teilnehmer bei Rot über die Fußgängerampel huschen, steigt ein Polizist aus dem Streifenwagen und fordert die nachfolgende Gruppe auf, stehenzubleiben. Einem Teilnehmer geht dieses Gebaren offenbar gegen den Strich. Als er etwas in Richtung des Beamten rufen will, bremsen ihn die Umstehenden aber ein.

So kommt der Protestzug um 19.15 Uhr wieder am Marktplatz an. Die Teilnehmer zerstreuen sich schnell.

Ordnungsamt sieht keinen Handlungsbedarf

Das „Aktionsbündnis Mittelbaden“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Gegenpol zu den unangemeldeten Protesten zu bilden. Am Montag waren Mitglieder in Achern bei einer Gegenkundgebung dabei. In Rastatt hat das Bündnis noch keine Aktion geplant. „Wir können personell nicht in allen Kommunen präsent sein“, sagt Sprecherin Ute Kretschmer-Risché. Deshalb liege der Fokus aktuell auf den Orten, an denen sich besonders viele Gegner der Corona-Maßnahmen versammelten. Geplant seien zudem ein Infostand in Baden-Baden am 22. Januar sowie eine Kundgebung in der Kurstadt am 29. Januar.

Nach Ansicht des Rastatter Ordnungsamts geht von den Veranstaltungen bislang keine Gefahr für die Öffentlichkeit aus. „Wir sehen deshalb zunächst keinen Handlungsbedarf, werden die Veranstaltungen aber weiter beobachten“, sagt Pressesprecherin Heike Dießelberg.

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