Acht Minuten Quintessenz

Baden-Baden (fk) – Vor etwas mehr als einem Jahr hat BT-Redakteur Florian Krekel den Radio- und Fernsehreporter Jens-Jörg Rieck beim Bundesligaspiel zwischen Freiburg und Union Berlin begleitet.

Gehört zu den Besten in Deutschland: Der Baden-Badener Radio- und Sportschau-Kommentator Jens-Jörg Rieck. Die Ansicht des Monitors musste unkenntlich gemacht werden, da die Deutsche Fußball-Liga ihre Bildrechte streng reglementiert. Foto: Florian Krekel

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Gehört zu den Besten in Deutschland: Der Baden-Badener Radio- und Sportschau-Kommentator Jens-Jörg Rieck. Die Ansicht des Monitors musste unkenntlich gemacht werden, da die Deutsche Fußball-Liga ihre Bildrechte streng reglementiert. Foto: Florian Krekel

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass BT-Redakteur Florian Krekel den Baden-Badener Radio- und Fernsehreporter Jens-Jörg Rieck beim Bundesligaspiel zwischen Freiburg und Union Berlin begleitet hat und hinter die Kulissen der ARD-Sportschau geblickt hat. Das Spiel am 7. März 2020 war bis heute das letzte, was in Freiburg vor Publikum ausgetragen wurde. Seitdem macht die Pandemie die Tribünen Woche für Woche und Spieltag für Spieltag zur leeren und stillen Kulisse des Rennens um Punkte und Qualifikationsplätze für internationale Spiele und die Meisterschaft. Damals in Freiburg war hingegen noch alles anders – auch wenn Corona schon in Form fehlender Handschläge und von Desinfektionsmittel-Spendern im Pressezentrum und im Stadionbereich seine Schatten vorauswarf. Unter anderem zwei Kameras hatten nur das Publikum im Blick, um später im Sportschaubeitrag, den Jens-Jörg Rieck während der Sendung live kommentiert, stimmungsvolle Szenen einspielen zu können. Im Rahmen des „Throwback Thursday“, einer Reihe der BT-Instagram-Redaktion, haben wir die Reportage aus dem Archiv gekramt.

Volle Konzentration

Um 18.51 Uhr herrscht im Übertragungs-Lkw eine fast ausgelassen entspannte Stimmung – die Arbeit des Teams ist getan, Handgriffe, die jetzt noch anstehen, erfolgen in beinahe trancehafter Nebensächlichkeit. Die Bilder für die ARD-Sportschau, sie sind im Kasten; alles ist bereitet, allgemeines Zurücklehnen angesagt. Nur vorne, in der kleinen Führerkabine des Mercedes-Actros, herrscht volle Konzentration.

Denn dort sitzt der Mann, auf dessen Stimme sie alle warten – das Team im Auflieger des Übertragungs-Lkws genauso wie Millionen von Fernsehzuschauern an den heimischen Bildschirmen. Sekunden zuvor war von dieser Stimme im Ü-Wagen, wie der fünfachsige Lkw schlicht genannt wird, nur ein Murmeln zu verstehen. „Andersson... Ecken... aus dem Spiel heraus nicht viel... Schade...“. Das abgehackte Gesäusel, es gehört zu Jens-Jörg Rieck, der seine auf einem DIN A4-Block notierten Wortfetzen noch einmal durchgeht, nur Sekunden, bevor ihm Fußballdeutschland zuhört. Der Baden-Badener ist seit Jahrzehnten festes Mitglied der ARD-Bundesliga-Konferenz. Sowohl im Radio als auch in der Sportschau. Er zählt zu Deutschlands besten Sportreportern, da sind sich im Ü-Wagen alle einig. Zahlreiche Preise, darunter gleich mehrfach der renommierte Herbert-Zimmermann-Preis, sind Zeugnis dafür. Es sind so viele Auszeichnungen, dass Rieck die genau Zahl gar nicht im Kopf hat („knapp über zehn“). Sieben Mal in Folge hat er im Radio ein Endspiel von Welt- oder Europameisterschaften kommentiert. Das hat vor ihm noch niemand geschafft.

Multitasking: Der Sportschau-Beitrag wird vor Ort geschnitten, parallel zum laufenden Spiel. Die Kollegen stehen in permanentem Kontakt mit Rieck im Stadion. Foto: Florian Krekel

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Multitasking: Der Sportschau-Beitrag wird vor Ort geschnitten, parallel zum laufenden Spiel. Die Kollegen stehen in permanentem Kontakt mit Rieck im Stadion. Foto: Florian Krekel

Am Samstag sitzt er auf dem Freiburger Stadionparkplatz auf dem Beifahrersitz des Ü-Lkws, blickt auf einen ebenfalls nur DIN A4-Block großen Bildschirm und berichtet für die Sportschau von den Geschehnissen, die sich etwas mehr als zwei Stunden zuvor auf und neben dem Grün des Schwarzwaldstadions zugetragen haben, beim Spiel des heimischen SC gegen Union Berlin. Und zwar live. Eine zweite Chance gibt es nicht. Das ist unabdingbar, um eventuelle technische Probleme beim Senden des Beitrags im Kommentar auffangen zu können oder den Ablauf der Zusammenfassungen innerhalb der Sportschau notfalls tauschen zu können. Für Rieck heißt das: Jeder Satz muss sitzen, an seiner Stimme kleben am Samstag 4,75 Millionen Zuschauer. 20,3 Prozent Marktanteil. Aus ARD-Sicht hat nur die Tageschau an diesem Tag mehr (22,6 Prozent).

Doch im Ü-Wagen wissen sie: Rieck ist Profi, live ist der Mann, der seit den Neunziger Jahren neben Fußball auch Langlauf, Leichtathletik und Boxen kommentiert, am besten. „Da haut er die richtig guten Dinger raus“, sagt einer aus dem Team. Und die Erwartungen vor den Bildschirmen hier und da werden nicht enttäuscht.

Über Wochen Infos zusammengetragen

„Ecke Trimmel, und das Nickmonster ist da! 2-1. Jaaa, Zeit für ein bisschen Schwedisch für Anfänger: Nick heißt Kopfball und Nickmonster heißt natürlich Kopfballungeheuer.“ Es sind Sätze wie diese, die sich in Verbindung mit Riecks charakteristischer Stimme und emotionalen Art der Schilderung in das Gehirn der Fußballfans einprägen. Monate zuvor haben sich diese Sätze bereits in das Gehirn des Jens-Jörg Rieck eingebrannt. Denn der kann nicht etwa fließend Schwedisch, sondern hat im Herbst des vergangenen Jahres einen Zeitungsartikel über den Torschützen Sebastian Andersson gelesen, in dem dessen Kopfballstärke samt zugehöriger Übersetzung in der nordischen Sprache thematisiert wurde. Rieck hat ihn sich ausgeschnitten und abgeheftet und im Vorfeld des Spiels der Berliner Union gegen Freiburg wieder hervorgekramt.

Sämtliche Bewegtbilder vom Spielgeschehen liefert die Deutsche Fußball-Liga selbst. Foto: Jan Woitas/dpa

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Sämtliche Bewegtbilder vom Spielgeschehen liefert die Deutsche Fußball-Liga selbst. Foto: Jan Woitas/dpa

Ein Fußballspiel beginnt für den heute 57-jährigen Kommentator nicht erst mit dem Anpfiff, sondern schon Tage vorher mit dem intensiven Studium von Fachzeitschriften und Zeitungsartikeln. Hält er eine Passage oder eine Geschichte für interessant und wichtig, wird sie ausgeschnitten. Fixpunkte sind dabei immer die Aufstellung vom letzten Spieltag sowie die Statistiktabellen aus dem Kicker-Sportmagazin. Für eine zusätzliche Flut an Informationen sorgt eine Agentur, die auf Fußball spezialisiert ist und die zu jedem Spiel 50 bis 70 DIN-A4-Seiten mit Informationen liefert. Doch pure Information macht noch keine gute Reportage. „Du kannst nicht immer nur kommentieren, Müller zu Kramer, Kramer zu Kroos, Kroos zu Klose, und dann noch ein paar Infos einstreuen, das ist langweilig, das will keiner hören“, erklärte Rieck schon vor Jahren im Badischen Tagblatt.

Der Unterschied zwischen Monotonie und fesselnder Übertragung, er liegt in der Sprache, in den Formulierungen. Rieck holt sich dafür viel Inspiration aus der Literatur, geht für sein Leben gerne ins Theater. „Oft hörst oder liest du da irgendwas, was dir dann beim Kommentieren ganz urplötzlich wieder einfällt.“

Der Sportschaubeitrag bekommt allerdings nicht nur von Jens-Jörg Rieck Leben eingehaucht. Hintendran stehen Dutzende von Leuten – für die ganze TV-Abdeckung des Bundesligaspiels von Freiburg gegen Union Berlin sind zirka 80 Menschen im Einsatz. Die arbeiten allerdings nicht alle für die Sportschau respektive die ARD. Das Senderkonsortium teilt sich die Infrastruktur des Übertragungswagens mit Sky, das Bewegtmaterial vom Spiel selbst kommt von einem Tochterunternehmen der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Jenes überträgt die Bilder an Sky und an den Schneideraum der Sportschau, der sich in einem weiteren Lkw auf dem Parkplatz befindet.

Lückenfüller und Halbzeitsequenzen

Zwei Mann stehen dort in ständigem Funkkontakt mit Rieck und seinem Assistenten Valentin Schneider. Die beiden sitzen in den Sprecherkabinen auf der Freiburger Haupttribüne unter dem Stadiondach. Von dort aus verfolgen sie die Partie und geben Rückmeldung, welche Szenen in den Beitrag für die Sportschau müssen. Im Schneidewagen werden dann die besten Kameraperspektiven gesucht und die fertige Szene wieder für Rieck auf dessen Bildschirm in die Sprecherkabine gespielt, wo er sich Notizen macht, um die herum er später in freier Rede seine Reportage baut. Was dabei an diesem Tag in Freiburg besonders Arbeit macht, sind nicht die eindeutigen Szenen, etwa die Tore, es sind vielmehr die Lückenfüller oder Halbzeitsequenzen, die Fragen aufwerfen. Sollen die Fanprotestplakate gegen den DFB alle mit in den Beitrag, muss das Foul sein? – „Weil, wenn wir das mitnehmen, müssen wir auch die Gelbe Karte mitnehmen und dann wird der Beitrag eventuell überfrachtet?“, sagt Schneider zu Rieck. Der fällige Freistoß bringt nichts ein, die beiden entscheiden, dass das Foul wieder rausfallen soll. Und was ist mit dem vermeintlichen Handspiel? „Könnt ihr mir das aufbereiten, zwei Wiederholungen mit Lupe bitte“, funkt Rieck in den Schnitt. Minuten später flimmert die Sequenz über seinen Monitor. Rieck notiert, unterstreicht, erinnert sich an den Pokal unter der Woche: „Da war das Handspiel“. Und genauso wird er es auch später im Beitrag formulieren.

Beitrag wird während des Spiels geschnitten

Das aktuelle Spielgeschehen hat der Wahl-Baden-Badener, der in Eberswalde geboren wurde, dabei nur abseits im Augenwinkel, dafür ist Schneider als Helfer da. Diese Arbeitswiese ermöglicht es, dass der Sportschaubeitrag samt Interviews um 18.30 Uhr fertig ist – ausgestrahlt werden soll er um 18.56 Uhr. Rieck hat also diesmal Zeit, sich das Produkt der stundenlangen Arbeit vorher noch mal anzuschauen. Das ist aber beileibe nicht immer der Fall. Oft sieht er den fertigen Beitrag während der Sportschau zum ersten Mal in Gänze und muss aus seinen Notizen und Erinnerungen heraus direkt live kommentieren.

Für die Interviews vom Feld ist er nicht zuständig. Die werden von der Aufnahmeleiterin – sie arbeitet für die DFL-Tochterfirma „Sportcast“ – beim Verein angefragt. Vertraglich stehen den Sendern zwei Spieler plus Trainer für die O-Töne zu. Sky darf zuerst, danach die ARD, dann das ZDF. „Das geht streng danach, wer wie viel zahlt“, erklärt SWR-Stadionredakteur Stephan Basthers. Er hat die Oberaufsicht über die Produktion und versorgt alle mit den wichtigsten Infos über den SC Freiburg. Die kleineren Clubs zeigten sich oft entgegenkommend, Bayern und Dortmund ignorierten hingegen häufig Interviewwünsche und schickten vorab ausgewählte Spieler.

Nach acht Minuten und 30 Sekunden – das war vorher genau festgelegt, ebenso wie die überleitenden Worte von Sportschaumoderator Matthias Opdenhövel an Rieck und die im Beitrag erwähnten Statistiken, um Doppelungen zu vermeiden – ist alles vorbei, die Zusammenfassung in der Sportschau beendet. Rieck klettert aus dem Führerhaus, es folgt eine kurze Nachbesprechung auf dem Parkplatz und Minuten später sind nur noch Techniker zu sehen, die Kabel aufräumen. Rieck ist da schon in die Nacht entschwunden, auf dem Weg zum nächsten Sportereignis – Volleyball, diesmal aber privat. Ganz ohne (Live-)Kommentar.


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