Achter-Trainer Bender hofft auf Olympia-Gold

Karlsruhe (mi) – Mit einem Jahr Verspätung infolge der Corona-Pandemie versucht Ruder-Bundestrainer Uwe Bender aus Karlsruhe das deutsche Flaggschiff, den legendären Achter, 2021 in Tokio zu Olympia-Gold zu führen.

Als amtierender Weltmeister soll der Achter auch bei Olympia in Japan ganz vorne landen. Foto: Seyb/dpa

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Als amtierender Weltmeister soll der Achter auch bei Olympia in Japan ganz vorne landen. Foto: Seyb/dpa

Die Bilder in der ZDF-Reportage wirkten verstörend und amüsant zugleich, wie Johannes Weißenfeld auf seinem Rollsitz sein Training absolviert. Nicht im Achter auf seinem gewohnten Betätigungsfeld Wasser, sondern auf dem eigenen Balkon, angefeuert von den belustigten Nachbarn. So sieht der Hochleistungssport Rudern aus, wenn der gesamte Trainings- und Wettkampfbetrieb in Folge des Unworts des Jahres, Corona genannt, zum Erliegen kommt. Urlaub auf Balkonien statt Olympia in Tokio Ende Juli – härter hätte es für den Verband und sein Flaggschiff schlechthin nicht kommen können in diesem Jahr.
Der Virus schert sich nicht um den Wettkampfkalender, in Zeiten rückläufiger Infektionszahlen können die Athleten seit vergangener Woche wenigstens endlich wieder ihren Trainingsbetrieb aufnehmen – und den Kampf um das ersehnte Olympia-Gold in der Königsdisziplin mit einem Jahr Verspätung in Angriff nehmen. „Wir hätten uns die Entscheidung vom IOC etwas früher gewünscht. Es herrschte eine große Unsicherheit, diese Phase war sehr hart. Die Zeitschiene verändert nun vieles“, sagt Achter-Bundestrainer Uwe Bender. „Es ist absolut wichtig für uns, dass wir wieder einen relativ normalen Sportbetrieb durchführen können und beim Training andere Möglichkeiten als bislang haben.“

Weltmeister Follert kehrt zurück

„Ein bisschen hat mir die Geschwindigkeit vom Achter schon gefehlt. Von daher ist es fantastisch, dass wir jetzt wieder zurückkehren können“, freut sich auch Weltmeister Lauritz Follert. Bezüglich der Motivation ist es sehr zu begrüßen, dass die Saison nicht schon zu Ende ist, sondern ein Highlight im Oktober noch auf dem Terminkalender steht. Posen klingt nicht halb so spannend wie Tokio, und eine Europameisterschaft hat nicht ansatzweise den Status von Olympischen Sommerspielen, doch in Zeiten wie diesen verbreitet selbst die polnische Industriestadt ein gewisses Flair.

Wer im Herbst EM-Gold gewinnt, ist ein dreiviertel Jahr später auch in Japan der Favorit. Der Sieger fährt dann mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein zum aufgeschobenen, aber nicht aufgehobenen Großereignis im Zeichen der fünf Ringe.

Akribisch hatte Uwe Bender seine acht Hünen und Kraftmeier monatelang auf Tokio vorbereitet – und alle setzten pünktlich zur Kirschblüte in Japan saure Mienen auf. Die Olympia-Verschiebung musste erst mental verarbeitet werden. Sie kostet zwölf Monate Schweiß, Nerven und Geld. Denn fast alle Mitglieder des seit „Professor“ Karl Adam sagenumwobenen Achters sind neben ihrer 35-Stunden-Woche zu Wasser Studenten, stehen bisweilen vor ihren Uni-Abschlüssen und müssen sich nun mit dem Berufseinstieg weiter gedulden.

„Alle bleiben an Bord“

„Einige mussten ihre Lebensplanung neu überdenken. Die einen traf es mehr, die anderen, zumeist jüngeren weniger. Ich bin aber guter Dinge, dass alle an Bord bleiben. Wir vom Verband sind den Athleten auch entgegengekommen. So wird es künftig keine Teamselektion von null auf mehr geben. Die Boote, die sich für Tokio qualifizierten, sind auch für 2021 gesetzt. Voraussetzung ist, dass die Athleten ihre Leistungen bestätigen. Das war für die Jungs auch eine wichtige Entscheidungsgrundlage, es geht also für sie nicht mehr durch die ganze Mühle“, sagt der 61-jährige Karlsruher, der nach Rio den Riemenbereich, also auch den Achter, übernahm.

„Ralf Holtmeyer, der damals ein Sabbatjahr einlegen wollte, fragte mich damals, ob ich einsteigen wollte. Ich traute mir das zu. Wir wurden ja danach auch gleich Weltmeister“, erinnert sich Bender, der seitdem in Dortmund lebt, da dort der Bundesstützpunkt beheimatet ist. Von der Verschiebung haben einige im Kader gar profitiert. So trainiert Johannes Weißenfeld wieder mit, der nach Bandscheibenproblemen wohl nicht mehr rechtzeitig auf den Olympia-Zug in fünf Wochen aufgesprungen wäre.

Der Steuermann bleibt seit 25 Jahren der Fixpunkt: Martin Sauer hat vor acht Jahren in London Gold gewonnen – und in Rio 2016 Gold gegen Großbritannien verloren, Silber zählte nämlich wie eine Niederlage. Der Berliner, der im Vergleich zu seinen Kollegen wie ein Hänfling (1,70 Meter, 55 Kilo) daherkommt, ist der Einzige, der im Training einen Mundschatz tragen muss. Auf den Mund gefallen ist der „Kleene“ dennoch nicht. Sauer gibt die Anweisungen, feuert an, ist aber als Ehrgeizling auch hyperkritisch, wenn im Boot nicht mit ordentlich PS gepowert wird. Er fungiert quasi als verlängerter Arm des Bundestrainers.

Uwe Bender beobachtet im Begleitboot auf dem Dortmunder Ems-Kanal mit Argusaugen, ob die Riesen die acht Ruderblätter synchron mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks durchs Wasser ziehen. Der bei Olympia schon viermal siegreiche Deutschland-Achter produziert Helden, auch bisweilen tragische, wie der Tod des erst 30-jährigen London-Olympiasiegers Maximilian Reinelt im Februar wegen Herzversagens dokumentiert.

Das Traumschiff liefert auch ohne Sascha Hehn Stoff für Familiendramen. So hätten die Johanessen-Brüder ihren Eltern gerne Doppel-Gold als Präsent beschert. Eric, der ältere, hat ihnen das Goldstück schon 2012 stolz präsentiert. Und als sich Torben nun ins Stammteam gekämpft hat, wurde Eric ausgemustert, da seine Physis nicht mehr so bärenstark wie einst ist. „Das ist immer mein schwerster Tag im Jahr vor einer WM oder Olympia. Es gibt immer Gewinner oder Verlierer“, bedauert Bender. Nur das öffentliche Ballyhoo, das sein Trainerkollege Joachim Löw erlebt, wenn er Mats Hummels oder Thomas Müller aus der Nationalmannschaft verbannt, bleibt dem Diplomtrainer dann doch erspart. Rudern ist Randsportart. Umso toller, dass die Achter-Helden schon sieben Mal in Baden-Baden zur Mannschaft des Jahres gewählt wurden.

Ob die Giganten mit Grips, die auch am Tresen zu Riesenleistungen imstande sind, auch nächstes Jahr wieder in der engeren Auswahl stehen, hängt schlicht davon ab, ob sie Goldschmuck aus Fernost mitbringen. Uwe Bender, der neben dem Erzrivalen von der Insel auch die Niederländer auf der Rechnung hat („Die waren bei der WM nah an uns dran“), hat mit der Favoritenbürde kein Problem. „Das ist so, das ist auch unsere eigene Messlatte. Nicht nur von den Medien und der Öffentlichkeit kommt der Druck, den machen wir uns auch selbst. Das ist unser Anspruch. Wir arbeiten schließlich hart.“ Hart, härter, Achter. Der Mythos lebt.

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Erstellt:
13. Juni 2020, 06:30 Uhr
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