Acocella: „Mehr Mut in den Rathäusern“

Baden-Baden (tas) – Das BT sprach mit dem Experten für Stadtplanung und Raumentwicklung, Donato Acocella, über die Stadt der Zukunft und die Probleme des Einzelhandels.

Stadtplaner Donato Acocella: „Einfache Lösungen gibt es in komplexen Zusammenhängen nicht“ Foto: privat

© Donato Acocella

Stadtplaner Donato Acocella: „Einfache Lösungen gibt es in komplexen Zusammenhängen nicht“ Foto: privat

BT: Herr Acocella, in der Corona-Krise ist der Abgesang auf die deutschen Innenstädte sehr laut geworden. In den kommenden Jahren dürfte daher viel Arbeit auf die Stadtplaner zukommen. Freuen Sie sich darauf?
Donato Acocella: Arbeit war auch in der Vergangenheit schon immer viel da. Die Corona-Pandemie hat eigentlich nur dazu geführt, dass es auch für den Blindesten offensichtlich wird, dass in den Innenstädten etwas im Argen liegt. Es wird beispielsweise deutlich, dass unter anderem das Thema Digitalisierung bei der Stadtentwicklung vollkommen verschlafen wurde. Viele Einzelhändler jammern jetzt, dass die Onlinekonkurrenz ihnen den Rang abläuft, dabei war die Entwicklung in den vergangenen Jahren doch klar – worauf ich auch schon seit Jahren hinweise. Was mich aber besonders erschreckt, ist das Verhalten der Immobilienwirtschaft in dieser Krise.

BT: Inwiefern?
Acocella: Die Branche hat in den vergangenen zehn Jahren in den Innenstädten mächtig verdient. Sie scheint nun aber nicht dazu bereit zu sein, über Mietstundungen und -senkungen ihren Beitrag dafür zu leisten, dass die Zentren nicht den Bach runtergehen. Stattdessen wird nach dem Staat geschrien. Gilt die Marktwirtschaft nur dann, wenn es ums Geldverdienen geht? Objektiv betrachtet, sind die Händler und die Immobilienbranche schwer von der Krise getroffen. Aber anstatt nach Förderung zu rufen, müsste man die Gelegenheit beim Schopfe fassen und sich überlegen, wie das Bild der Innenstadt in Zukunft aussehen soll. Der Handel wird so oder so die innerstädtische Rolle der vergangenen zehn, 15 Jahre nicht mehr wahrnehmen können. Reine Konsumstraßen sind out. Und die Gastronomie wird die sich auftuenden Leerflächen nicht allein füllen können. Selbst das Wohnen in den Erdgeschossen der Innenstädte ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

BT: Werden vielleicht Handwerker, Künstler oder Manufakturen zurück in die Innenstädte kommen?
Acocella: Das kann ein Baustein sein, aber eben nur einer. Das Thema Kultur rückt zwar immer mehr in den Vordergrund. Es stellt sich aber die Frage, ob die Öffentlichkeit auch bereit ist, sie zu bezahlen. Sie verspricht keine gewinnbringende Nutzung, sondern bleibt ein Subventionsgeschäft. Für das Problem der Veränderungen in den Innenstädten gibt es keine einfache Lösung. Da müssen größere Räder gedreht werden. Eventuell muss das städtebauliche Umfeld angepasst werden, das passiert derzeit beispielsweise in den Niederlanden. Wenn man allerdings an die Steuerperspektiven der Kommunen für die kommenden Jahre denkt, braucht man in den Rathäusern schon viel Mut, um solche generellen Veränderungen anzupacken.

BT: Welche Planungsfehler der Vergangenheit rächen sich heute besonders?
Acocella: Zum Beispiel der Bau von Shoppingcentern an den Rand der Innenstädte und die Behauptung, das wäre dann noch Innenstadt. Dazu gehört auch die Ausweitung von Fußgängerzonen über das sinnvoll Maß hinaus. Es gibt Städte, die machen sich mittlerweile Gedanken darüber, die Fußgängerzonen wieder zu verkleinern oder ganz aufzugeben.

BT: Früher wurde das mittelständische Geschäft in der City vom Filialisten und dem großen Shoppingcenter verdrängt, jetzt geht es den Filialisten – auch coronabedingt – selbst an den Kragen. Mit welcher Entwicklung rechnen sie in den kommenden Jahren?
Acocella: Die Folgen früherer Planungen wird die Innenstadt zu spüren bekommen. Man muss vermehrt mit Leerständen rechnen, nicht nur in den schwächeren Bereichen, sondern auch in den Fußgängerzonen.

BT: Der verstärkte Trend zum Homeoffice wird auch das Geschäft mit Büroflächen verändern. Wie wird sich das auf die Innenstädte auswirken?
Acocella: Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Homeoffice künftig als Arbeiten am Küchen- oder Wohnzimmertisch definieren. Die Menschen werden auch nicht zufällig ein Zimmer in ihrer Wohnung entdecken, das bisher gar nicht genutzt wurde. Aber das Thema Co-Working-Space, wo sich Berufstätige aus unterschiedlichen Bereichen ein Büro teilen, wird wichtiger. Das hilft den Randlagen der Innenstädte – eventuell werden dabei ehemalige Ladenflächen in Anspruch genommen. Mit im Schlepptau ist die Gastronomie, weil die Arbeitenden ihre Mittagspause dort verbringen. Und wenn schon mehr Beschäftigte in den Citys sind, rücken vielleicht auch soziale Einrichtungen, die wir in der Vergangenheit immer verdrängt haben, wieder stärker in den Fokus. Warum nicht eine Kita in der Innenstadt?

BT: Discounter wie Aldi und Lidl gehen wieder zurück in die Innenstädte. Hilft das dabei, die Zentren interessanter zu machen?
Acocella: Auf der einen Seite gehen sie zwar tendenziell zurück in die Innenstädte, gleichzeitig versuchen sie aber, ihre Standorte außerhalb auszuweiten – auch was die Vergrößerung der Verkaufsflächen angeht. Dass Lebensmitteleinzelhändler aus den Innenstädten und Stadtteilzentren in der Vergangenheit verschwunden sind, ist übrigens nicht einfach so passiert. Die Städte haben ihr Planungsinstrumentarium einfach nicht konsequent genutzt. Die Aussage einer Kommune, dass sich ein Händler in einem Gewerbegebiet angesiedelt hat, ist schlicht und einfach falsch. Jemand wurde angesiedelt, indem jemand in der Verwaltung eine Baugenehmigung unterschrieben hat.

BT: Wie wichtig ist ein Lebensmittelgeschäft für einen Stadtkern?
Acocella: Wir brauchen wieder die Alltagsfähigkeit der Innenstädte. Da reicht ein schöner Wochenmarkt nicht aus. Lebensmittelhandel in der Innenstadt sorgt für eine gewisse Kundenfrequenz. Das ist eigentlich ein alter Hut, aber diese Erkenntnis wird hoffentlich wieder wachsen.

BT: Mit Amazon & Co. haben es sich die Verbraucher in den vergangenen Monaten auf dem Sofa bequem gemacht. Wird sich dieser Trend noch mal umkehren lassen?
Acocella: Der grundsätzliche Trend zum Onlinehandel ist nicht mehr umkehrbar. Trotzdem wird das Bedürfnis nach öffentlichem Raum nicht weniger, was man sehen konnte, als die Geschäfte nach dem ersten Lockdown wieder öffneten. Dieser Wert wird wahrscheinlich in Zukunft wieder mehr geschätzt.

BT: Was würden sie mittelständischen Händlern ganz grundsätzlich empfehlen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Acocella: Vieles fängt schon mit der Banalität an, eine Homepage zu haben. Bei unseren Untersuchungen im letzten und vorletzten Jahr kam heraus, dass ein Fünftel der Händler auch heute noch keine Internetseite hat. Sie finden das auch nicht wichtig. Man muss nicht gleich einen professionellen Onlineshop haben, aber irgendeine Bestellmöglichkeit per E-Mail oder telefonisch sollte es schon geben. Gar nichts zu tun, ist sicher keine Lösung.

BT: Sollten sich lokale Händler zu lokalen Marktplätzen zusammenschließen?
Acocella: Das hat in der Vergangenheit nicht wirklich gut funktioniert. Vor allem entbindet es den einzelnen Händler nicht von der Notwendigkeit, einen guten Service anzubieten. Die Werbewirksamkeit einer gemeinsamen Verkaufsplattform ist zwar größer, aber operativ kann man damit längst nicht die Hände in den Schoß legen. Eine Chance für den örtlichen Einzelhandel ergibt sich im engen Umfeld, beispielsweise per Kurierdienst schnellstmöglich zu liefern, sofern die Ware auf Lager ist.

BT: Sie haben auch mittelbadische Kommunen bei Planungsfragen beraten – darunter Gaggenau, Gernsbach und Sinzheim. Haben solch kleine Städte und Gemeinden die besseren Zukunftsperspektiven für ihre Innenstädte oder doch eher die großen Zentren?
Acocella: Zunächst einmal haben die Großstädte die besseren Karten, weil sie auf ein dichteres Marktvolumen zurückgreifen können. Die kleineren und mittleren Städte haben dann eine Perspektive, wenn sie es schaffen, alltagsfähig zu bleiben. Ob sich im Zentrum von Karlsruhe, Stuttgart oder Mannheim ein Lebensmittelmarkt befindet, ist vergleichsweise unwichtig, weil die Entfernung bis zur Wohnung im Schnitt groß ist. In einer Kleinstadt hingegen ist der Weg vom Zentrum zum Wohnquartier sehr gering, zum Teil ist der fußläufig. Gaggenau beispielsweise hat es damals geschafft, über ein Sanierungsverfahren mit Rewe einen Lebensmittelhändler in die Innenstadt zu bekommen.

BT: Städte und Gemeinden entscheiden auf Grundlage von Planungsexperten wie Ihnen, wie ihre Kommune aussehen soll. Was lief da in der Vergangenheit schief?
Acocella: Vielleicht haben wir Planer uns zu sehr am Modell der alten europäischen Stadt orientiert und zu wenig in möglichen Zukunftsszenarien gedacht. Entweder hatten wir keinen politischen Spielraum dafür, oder wir haben selbst keinen Anlass dazu gesehen. Weil wir uns nicht vorstellen konnten, welche Auswirkungen beispielsweise eine Pandemie hat. In Grenzregionen wie Kehl oder Lörrach jedenfalls bin ich in der Vergangenheit nicht müde geworden, den Händlern und den Verwaltungen in den Städten zu sagen, dass das Geschäft mit den ausländischen Kunden nur ein Zubrot sein kann. Was passiert, wenn sich Wechselkurse, Steuersätze oder Preise verändern? Dann kommt vielleicht keiner mehr über die Grenze zum Einkaufen.

BT: Welchen generellen Ratschlag haben Sie für die Rathäuser?
Acocella: Einfache Lösungen gibt es in komplexen Zusammenhängen nicht, erst recht nicht für die zukünftige Stadtentwicklung, obwohl es immer Leute gibt, die so etwas anbieten. In Bezug auf die Innenstädte sollten sich Städte und Gemeinden die Grundsatzfrage stellen: Was wollen wir überhaupt? Wenn man etwas von vornherein ablehnt, muss man dazu auch kein Gutachten erstellen beziehungsweise sich vorlegen lassen. Es besteht nicht unbedingt eine Pflicht, jemanden hier oder dort anzusiedeln oder erweitern zu lassen, wenn man dies planungsrechtlich sauber begründet und abarbeitet. Die Politik muss es auch mal aushalten, wenn eine Fläche eine Zeit lang brach liegt. Brachflächen bieten immer das Potenzial einer besseren Nutzung. Aber noch genereller betrachtet, sollte in den Rathäusern und in der Politik mehr Mut vorhanden sein, angesichts der sich abzeichnenden tiefgreifenden Veränderungen, sich von tradierten Rezepten und Stadtbildern zu verabschieden und auch mal quer zu denken beziehungsweise denken zu lassen.


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