Ärger mit dem Internet

Karlsruhe/Stuttgart (BNN) – Baden-Württemberg liegt beim Glasfaserausbau dem drittletzten Platz. Fehlende Innovationsbereitschaft von Hausbesitzern ist nicht der ausschlaggebende Grund dafür.

Das Ende eines Bündels Glasfaserkabel ist auf einer Baustelle zu sehen: In Baden-Württemberg haben Stand Mitte 2021 nur 7,4 Prozent der Haushalte einen solchen Premium-Anschluss. Foto: Matthias Rietschel/dpa

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Das Ende eines Bündels Glasfaserkabel ist auf einer Baustelle zu sehen: In Baden-Württemberg haben Stand Mitte 2021 nur 7,4 Prozent der Haushalte einen solchen Premium-Anschluss. Foto: Matthias Rietschel/dpa

Ein Klassiker der Videokonferenz: Plötzlich nur noch Sprachfetzen, jemand ruft: „Wir verstehen dich nicht mehr.“ Oder: Fußballübertragung, das Bild stockt beim Torschuss – jeder kennt solche Alltagsprobleme mit dem Internet im Südwesten.

Ein Glasfaseranschluss könnte dem ein Ende setzen. Doch in Baden-Württemberg haben laut Breitbandatlas des Bundesverkehrs- und Digitalministeriums Stand Mitte 2021 nur 7,4 Prozent der Haushalte einen solchen Premium-Anschluss. Nur das Saarland und Thüringen haben eine geringere Quote.

„Große Firmen haben ihre Hausaufgaben gemacht“

Die meisten dieser Glasfaser-Anschlüsse dürften Unternehmen gehören. „Große Firmen haben ihre Hausaufgaben gemacht“, meint Felix Stiegeler, Geschäftsführer des gleichnamigen Internet-Anbieters im badischen Schönau im Kreis Lörrach. Betriebe, die auf fehlerfrei laufendes Internet angewiesen sind, haben sich die Highspeedanschlüsse also auf eigene Kosten legen lassen – von Firmen wie Stiegeler, deren Gebiet auch die Kreise Rastatt und Ortenau umfasst, oder auch der telemaxx in Karlsruhe. Rund 40 Anbieter gibt es im Südwesten mittlerweile.

Stiegeler ist im Gegensatz zur telemaxx auch direkt im Privatkundengeschäft aktiv – und nimmt hier den Ausbau mitunter als mühsamer wahr. „Das Kabel muss bis in jede Wohnung. Das ist eine Hürde für viele Eigentümer“, sagt Stiegeler. Nicht jeder wolle sich auf Kosten von rund 1.000 Euro einlassen – auch wenn es Jahre später zigfach so teuer werde. Immerhin aber habe Corona da viele wachgerüttelt, meint der Unternehmensgründer, und lobt Kommunen wie Sasbachwalden, wo die Quote der Glasfaser-Anschlüsse bei 80 Prozent liegt.

Fehlende Innovationsbereitschaft von Hausbesitzern ist aber bei Weitem nicht der ausschlaggebende Grund für die geringe Zahl der Anschlüsse in Baden-Württemberg. Vielerorts haben die Menschen schlicht noch gar nicht die Möglichkeit, auf Glasfaser zuzugreifen.

„DSL war nur ein Zwischenschritt“

„Das Land hat das einfach zu lange laufen lassen“, kritisiert der FDP-Landtagsabgeordnete Daniel Karrais, vor seinem Mandat selbst in der Branche für den Anbieter Netcom BW aktiv. In anderen Ländern seien Kommunen und Firmen für ein koordiniertes Vorgehen frühzeitiger an einen Tisch geholt worden.

Baden-Württemberg sei zwar früh in die Förderung des Ausbaus eingestiegen. „Doch die Firmen haben dann auf die Förderung gewartet – das hat gebremst.“

Zudem sei die Förderung zu lange auf die Ertüchtigung der Telekom-Kupferkabel ausgerichtet gewesen, sagt Karrais. DSL mit 50 oder 100 Megabit – das sei auf Dauer aber zu wenig für zukunftssicheren Datentransfer, sagen Branchenkenner. Stiegeler gibt DSL noch maximal fünf Jahre. „DSL war nur ein Zwischenschritt“, sagt er. „Das ist jetzt vorbei.“

Hohe Investitionen für künftigen Ausbau

Der zweite, in Baden-Württemberg weit verbreitete Übertragungsweg ist das Kabelnetz der früheren unitymedia, jetzt Vodafone. Stiegeler sieht hier noch zehn Jahre als ausreichend an. Es schafft theoretisch bis zu 1.000 Megabit, stößt also knapp in den Gigabit-Bereich der Glasfaser vor. Zehn Jahre – Andreas Tremmel von telemaxx hält das sogar noch für konservativ geschätzt. Cloud-Computing, Streaming statt linearem Fernsehen, Homeoffice – die Entwicklung der Datenumfänge war in den vergangenen Jahren einfach zu rasant.

Die Landesregierung wähnt Baden-Württemberg trotz der geringen Zahl der Glasfaser-Anschlüsse „im Spitzenfeld“ der Bundesländer – und richtet den Blick dabei vor allem auf die Leitungen des Kabelfernsehens, die Vodafone jüngst ertüchtigt hat.

Breko dringt jetzt auf mehr Aktion im Südwesten

„Die weitgehend abgeschlossene Aufrüstung der TV-Kabel-Netze mit dem gigabitfähigen Standard DOCSIS 3.1. hat dazu beigetragen, dass aktuell fast alle TV-Kabel-Anschlüsse über eine gigabitfähige Anbindung verfügen“, schreibt das Innenministerium in Stuttgart auf Anfrage der Redaktion. Das vom CDU-Politiker Strobl geführte Haus verweist darauf, den Aufbau von Glasfasernetzen seit 2016 mit rund 1,7 Milliarden Euro gefördert zu haben. Somit seien erst die Voraussetzungen geschaffen worden, dass der Anteil an geförderten Glasfaser-Anschlüssen in den kommenden Jahren „sehr rasch ansteigen“ könne. „Hiermit werden neben den landkreisweiten Backbone-Netzen auch 250.000 neue Glasfaseranschlüsse für Haushalte, Gewerbebetriebe und Schulen entstehen.“

Auch der Bundesverband Breitbandkommunikation (Breko) dringt jetzt auf mehr Aktion im Südwesten – und ruft Firmen und Politik an diesem Freitag zum ersten Glasfaserforum nach Stuttgart. Glasfaser sei jetzt schon „ein knallharter Standortfaktor für Gewerbegebiete“, sagt Breko-Geschäftsführer Stefan Albers. Nur 7,4 Prozent – „die Zahl der Anschlüsse muss dringend hoch“, fordert er.

Albers erhofft sich künftig mehr Koordinierung und Digitalisierung, um die Prozesse zu beschleunigen: durch einen festen Ansprechpartner in den Kommunen, der die verschiedenen Genehmigungen einhole. Mehr „Offenheit für weniger aufwendige Verlegemethoden, auch wenn deren Normierung teilweise noch nicht abgeschlossen ist“. Und digitalisierte Abläufe, wie es bereits in Mecklenburg-Vorpommern der Fall sei: „Das spart Unmengen Papier.“


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