Ärger nach Erdbeben durch Geothermie

Offenburg/Rheinau (fk) – Viele Rheinanlieger, etwa in der Gemeinde Honau, monieren Dutzende Schäden nach Erdbeben durch Geothermiebohrungen im Elsass. Die Schadensregulierung lässt auf sich warten.

Wegen zahlreicher Erdbeben wurde das Geothermieprojekt in Vendenheim von der Präfektin der Region Grand Est im Dezember gestoppt. Foto: Frederick Florin/AFP/Archiv

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Wegen zahlreicher Erdbeben wurde das Geothermieprojekt in Vendenheim von der Präfektin der Region Grand Est im Dezember gestoppt. Foto: Frederick Florin/AFP/Archiv

Nicht weniger als 88 Erdbeben mit einem Epizentrum bei der elsässischen Gemeinde La Wantzenau hat der Landeserdbebendienst Baden-Württemberg (LED) seit Mai 2019 registriert. 13 davon hatten eine Magnitude von mindestens zwei und waren demnach auch auf deutscher Seite des Rheins zu spüren; vor allem in der Ortenau. Auslöser: eine Geothermiebohrung. Sie ist inzwischen – wohlgemerkt vorerst – eingestellt, doch der Kampf um Schadensersatz für Risse an Gebäuden geht erst so richtig los.

Noch kein Sachverständiger vor Ort


Zwar bietet der französische Energiekonzern Fonroche auf der Homepage seiner mit den Geothermiebohrungen beauftragten Tochterfirma ein Formular zur Schadenmeldung an, doch aus Sicht der Betroffenen sind noch viele Fragen offen. Denn hat man sich in das Formular eingetragen, „erhalten die Anspruchsteller von der Firma die Aufforderung, eine Telefonnummer und Bilder einzusenden sowie die Ankündigung, dass sich ein Experte mit den Anspruchstellern in Verbindung setzen wird. Mir ist bisher in Deutschland kein Fall bekannt, bei dem der angekündigte Sachverständige bereits vor Ort war“, erregt sich Annette Fritsch-Acar. Sie ist Ortsvorsteherin des Rheinauer Teilorts Honau. Allein dort wurden nach einem Beben am 4. Dezember 2020 und nach einem Beben am 22. Januar knapp 20 Schäden an Häusern gemeldet. Zumeist Risse, so Fritsch-Acar. „Sie sind teilweise deutlich erkennbar und in einem Fall schätze ein Fachmann den Schaden auf mindestens 40.000 Euro.“

Das treibt den Unmut der Geschädigten in die Höhe, auch vor dem Hintergrund, dass in Frankreich den Geschädigten von Fonroche die Summe von „nur“ 1.000 Euro als pauschales Abfindungsangebot unterbreitet worden sein soll, wie Fritsch-Acar dem BT berichtet. „Diese Summe wird in den wenigsten Fällen ausreichend sein, um die Schadenbeseitigungskosten zu decken“, sagt sie.

Schwierige Schadensregulierung


Fonroche, respektive das ausführende Tochterunternehmen Geoven, beteuern auf der hauseigenen Internetplattform, dass die Versicherungsexperten des Unternehmens seit Anfang 2021 einen starken Anstieg von Schadensmeldungen beobachteten, die keinen Kausalzusammenhang zu den Bohrungen hätten. Diese würden das Verfahren „verstopfen“ und beeinträchtigten die Geschwindigkeit der Bearbeitung der Forderungen.

Verborgen in diesem Satz ist zugleich die nächste Krux. Denn noch sind nicht einmal die genaueren Umstände geklärt, welche zu den Beben geführt haben. Sie würden aktuell geprüft, informiert das Landratsamt Ortenaukreis, das auf politischer Ebene im Austausch mit der französischen Seite steht. Die Eurometropole habe „eine Mission zur Anhörung sämtlicher Experten und Bürgervereinigungen eingesetzt, um die Ereignisse aufzuarbeiten und Empfehlungen für die Zukunft zu geben“, so Pressesprecherin Caroline Luschy. Mit dabei sei auch der Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau, um die Transparenz und den Informationsfluss auf deutscher Seite zu gewährleisten.

Ursachenforschung läuft noch


Auch der in Freiburg ansässige LED kann dazu keine abschließenden Aussagen treffen. Man habe seit März 2018 immer wieder Erdbeben registriert, deren Epizentren sich auf dem Gebiet von La Wantzenau im Département Bas-Rhin verorten ließen. „Der französische Erdbebendienst ReNaSS bezeichnete diese Erdbeben als induziert, ging also von einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Geothermie-Projekt aus“, erklärt LED-Leiter Stefan Stange gegenüber dem BT. Der LED habe sich dieser Einschätzung angeschlossen, allerdings alleine aufgrund der räumlichen Nähe. Zudem komme ein Expertenbericht der französischen Behörden BRGM und Ineris, der im Februar 2020 fertiggestellt wurde, zu der gleichen Auffassung. „Damit ist zwar der Zusammenhang manifestiert, die tatsächliche Ursache jedoch noch nicht geklärt. Detaillierte Informationen zum Vorgehen und den in Vendenheim angewendeten Verfahren stehen uns nicht zur Verfügung. Eine Beurteilung kann demnach nicht vorgenommen werden“, resümiert Stange.

In Deutschland nicht genehmigungsfähig

Für Erdbeben, die vom LED etwa fünf Kilometer weiter südlich, unter dem Straßburger Stadtteil La Robertsau verortet wurden, lasse sich ein ursächlicher Zusammenhang mit der Geothermie weder ausschließen noch nachweisen.

Bei dem Projekt nahe La Wantzenau in Vendenheim handelt es sich laut dem Bundesverband Geothermie um ein sogenanntes EGS-Projekt, welches einen künstlichen Wärmetauscher im sogenannten Grundgebirge herstellen und nutzen soll. Dabei wird Wasser bis in mehrere Kilometer Tiefe in das Erdreich gepumpt, wo es sich erwärmt und anschließend zur Wärmeversorgung und Stromerzeugung dienen soll. Vergleichbare Projekte gibt es in Deutschland derzeit nicht. Nach den Beben am 4. Dezember 2020 wurde das Projekt per Verfügung gestoppt. Die zuständige Präfektur der Region Grand Est sah die erforderlichen Sicherheitsgarantien nicht mehr erfüllt. Der tatsächliche Stopp vonseiten Geoven erfolgte nach Kenntnis des LED aber erst am 2. Januar. „Seither wird lediglich allmählich der Überdruck aus den Bohrungen abgelassen. Dieser Vorgang soll im März 2021 abgeschlossen sein“, so Stange. Laut Geoven könne auch dieser Vorgang „seismische Aktivitäten“ verursachen. Über weitere Pläne lägen dem LED keine Informationen vor.


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