Aerosolforscher: „Gefahren lauern nicht auf dem Sportplatz“

Baden-Baden/Frankfurt (BT) – Ist Sport im Freien in Corona-Zeiten nun gefährlich oder nicht? Eine Antwort darauf hat der Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, Christof Asbach.

Der Aerosolforscher Christof Asbach sieht bei Sport im Freien kaum Risiken einer Infektion. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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Der Aerosolforscher Christof Asbach sieht bei Sport im Freien kaum Risiken einer Infektion. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Aerosolforscher haben in einen offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel darauf hingewiesen, dass die Corona-Infektionsgefahr bei Aktivitäten im Freien sehr gering ist. Sie kritisieren, dass die Politik nicht entsprechend handelt. Der Sport würde es sich wünschen. Andreas Schirmer hat für das BT mit Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, gesprochen.

BT: Herr Asbach, die Gesellschaft für Aerosolforschung hat in einem offenen Brief bekräftigt, dass im Freien das Risiko von Corona-Infektionen gering ist und in Innenräumen stattfinde. Hätte der Vereinssport doch in größerem Maße längst wieder geöffnet werden können, oder?
Christof Asbach: Wir haben damit einen Grundstein zum Verständnis gelegt, dass draußen sehr wenig passieren kann. Das bezieht den Sport natürlich mit ein. Wenn wir nicht über Zweikampfsportarten wie Ringen oder Judo reden, sondern über Mannschaftssportarten oder Tennis, das auch nicht erlaubt war und bei dem man sich ohnehin nicht nahekommt. Da sehen wir ein extrem geringes Infektionsrisiko. Das hätte man aus unserer Sicht auch deutlich früher so kommunizieren können. Wir sehen die Gefahren in Umkleidekabinen, Toiletten oder bei der Anfahrt im Auto oder Bus. Sie lauern nicht auf dem Sportplatz.

Bei Sport im Freien, beispielsweise beim Tennis, besteht „ein extrem geringes Infektionsrisiko“, sagt Aerosolforscher Christof Asbach im Interview. Foto: Sven Hoppe/picture alliance/dpa

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Bei Sport im Freien, beispielsweise beim Tennis, besteht „ein extrem geringes Infektionsrisiko“, sagt Aerosolforscher Christof Asbach im Interview. Foto: Sven Hoppe/picture alliance/dpa

BT: Sie schreiben im offenen Brief: In großen Hallen ist die Infektionsgefahr geringer. Folgt daraus: Turnen in größeren Sport- und Trainingshallen ist eigentlich möglich?
Asbach: Es ist eine Frage, wie viele Personen sich in welchem Raumvolumen bewegen. Eine Turnhalle ist typischerweise sehr groß. Wenn sich eine limitierte Anzahl von Personen dort aufhält, sehe ich ein relativ geringes Risiko, weil die Virenkonzentration sich stark verteilt und sich verdünnt. Nichtsdestotrotz ist das Infektionsrisiko größer als draußen. Im Freien gibt es keine Gründe, die dagegen sprechen würden, Sport wieder zu erlauben. In Turnhallen muss man kritischer hinsehen, aber man kann sie mit guten Hygienekonzepten mit einem überschaubaren Risiko wieder öffnen.

Aerosolpartikel verdünnen sich im Freien schnell

BT: Joggen mit Maske haben sie als eine symbolische Maßnahme bezeichnet. Warum?
Asbach: Um sich zu infizieren, muss man eine Mindestanzahl von Viren einatmen. Wie viele ich einatme, hängt von der Konzentration und der Zeit ab, während der ich eine Konzentration aufnehme. Beim Joggen und Spazieren gehen ist die Kontaktzeit mit anderen Personen äußerst gering. Zudem wird die Konzentration von ausgeatmeten Viren sehr schnell verdünnt, gerade bei einem Jogger, der in Bewegung ist. Die Kontaktzeiten sind kurz und die Konzentrationen niedrig. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, eine Anzahl von Viren einzuatmen, um mich zu infizieren, extrem gering. Die Maskenpflicht ist da kontraproduktiv, weil sie suggeriert, dass da Gefahren lauern, und die Menschen eher in die Innenräume getrieben werden.

Joggen im Freien und mit Abstand scheint unbedenklich: „Allein durch die Bewegung habe ich eine starke Verdünnung. Die Wolke strömt nicht direkt in den Atemtrakt des anderen Joggers“, sagt Aerosolforscher Christof Asbach. Symbolfoto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

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Joggen im Freien und mit Abstand scheint unbedenklich: „Allein durch die Bewegung habe ich eine starke Verdünnung. Die Wolke strömt nicht direkt in den Atemtrakt des anderen Joggers“, sagt Aerosolforscher Christof Asbach. Symbolfoto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

BT: Aerosolpartikel verbreiten sich mit Luftströmen auch über weitere Distanzen und können sehr lange in der Luft bleiben. Beispielsweise, wenn zwei Jogger nebeneinander laufen und keuchen: Kann da nix passieren?
Asbach: Natürlich können die Partikel auch lange in der Luft verweilen; dies gilt für draußen wie in Innenräumen. Der Unterschied ist: Im Innenraum ohne Luftaustausch steigt die Virenkonzentration kontinuierlich an. Im Außenbereich ist das nicht der Fall. Wenn man sich vorstellt, wie viele Viren man ausatmet und wie viel Luft um einen ist, dann ist die Konzentration so gering, dass ich – wenn überhaupt – mal einen Virus einatme. Ein Virus macht noch keine Infektion. Dazu braucht man einige Hundert bis einige Tausend. Hinzu kommt noch, dass man im Außenbereich natürliche UV-Strahlen hat, die dazu führt, dass die Viren sehr schnell inaktiviert werden. Ein gewisses Restrisiko bleibt aber in Fällen, wo sich zwei Personen direkt gegenüberstehen und miteinander sprechen. Dann kann es dazu kommen, dass eine Person die Aerosolwolke oder ausgeatmete Tröpfchen des Gegenübers direkt einatmet. Hier sollte ausreichend Abstand gehalten und gegebenenfalls eine Maske getragen werden. Allein durch die Bewegung habe ich eine starke Verdünnung. Die Wolke strömt nicht direkt in den Atemtrakt des anderen Joggers. Bei Radfahrern ist es das gleiche wie beim Joggen, wenn nicht stärker, weil Radfahrer noch schneller als Läufer sind. Die Kontaktzeit ist noch kürzer. Und was man spürt, ist ja nicht der Atem, sondern der Fahrtwind oder der Luftzug, den der Radfahrer erzeugt.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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