Ärzteversorgung in Baden-Baden „an der Kante“

Baden-Baden (sga) – In Baden-Baden gehen laut BT-Informationen weitere Ärzte in den Ruhestand, ohne einen Nachfolger zu finden. Laut Dr. Patrick Fischer ist die Lage nicht erst seit gestern kritisch.

An der Kapazitätsgrenze: Die Bereitschaft zur eigenen Praxis sinkt in den letzten Jahren stetig. Foto: Uwe Anspach/dpa

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An der Kapazitätsgrenze: Die Bereitschaft zur eigenen Praxis sinkt in den letzten Jahren stetig. Foto: Uwe Anspach/dpa

Am Morgen kratzt der Hals, die Ohren schmerzen und der Körper ist schlapp. Doch ein Anruf beim Arzt bleibt erfolglos. „Wir nehmen keine neuen Patienten mehr“, lautet vielerorts die Antwort. Medizinisches Versagen? „Wohl eher ein politisches Problem“, ärgert sich Dr. Patrick Fischer. Der Vorsitzende der Ärzteschaft Baden-Baden schätzt die Lage als „sehr kritisch“ ein.

„Das ist jetzt nicht wirklich etwas Neues“, betont der Internist, der in Lichtental selbst eine Praxis führt: „Ich erzähle es seit Jahren.“ Die medizinische Versorgungssituation sei „dramatisch“. Somit kann Fischer auch eine Information bestätigen, die dieser Redaktion vorliegt: „Ja, es stimmt. In nächster Zeit werden einige Ärzte in den Ruhestand gehen, und Nachfolger wird es keine geben.“

Dennoch: Wer ad hoc einen Arzt sucht, wird im Internet schnell fündig. Denn an Adressen mangelt es auf den ersten Blick nicht. Ein Register der Stiftung Gesundheit liefert Zahlen: Demnach befinden sich mit Stand von Februar insgesamt 247 ärztliche Niederlassungen in Baden-Baden, die sich aktiv an der Patientenversorgung beteiligen. Zum Vergleich: In Rastatt, wo laut dem Statistischen Landesamt 50.165 Menschen wohnen (in der Kurstadt sind es 55.449), sind 107 Niederlassungen verzeichnet.

„Das gehört auf politischer Ebene gelöst“

Doch obwohl das Angebot für den Otto-Normalverbraucher groß wirken mag, scheint es immer schwieriger, einen Arzt zu finden. Die Telefonleitung ist oft pausenlos belegt, die Kalenderseiten vollgeschrieben und in den Wartezimmern kaum mehr Plätze frei. Fischer kennt das Problem – und hat es selbst. Eine Lösung? „Habe ich nicht.“ Stattdessen müsse sich „jemand mal ganz ernsthaft mit den Hemmnissen in dieser Problematik auseinandersetzen“. Und mit „Jemand“, das betont der Mediziner nicht nur einmal, meine er niemand Geringeres als die Regierung: „Das gehört auf politischer Ebene aufgegriffen, analysiert, besprochen und zeitnah auch gelöst.“

Aber was sind die Gründe, die gegen die Übernahme einer Praxis sprechen? „Interessant wäre doch vielmehr: Was spricht überhaupt dafür?“, stellt Fischer eine ironische Gegenfrage. Denn es sei ja so: Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, sei für einen Mediziner, „sofern sich an der Situation nichts ändert“, nur schwer umzusetzen: „Um nur ein Hindernis zu nennen.“ Und dann sei das teilweise ja auch eine geschlechterspezifische Frage: „Für eine Frau kann es durchaus schwieriger sein, in die alleinige Selbstständigkeit zu gehen.“ Stichwort: Familie.

OB Mergen: „Das ist eine große Aufgabe“

Dass Ärzte an ihre Kapazitätsgrenzen kommen, ist kein Geheimnis. Laut dem Statistischen Bundesamt arbeitete 2018 ein Drittel der Ärzte mehr als 48 Stunden in der Woche. Fischer bezieht im Gespräch ebenfalls Stellung dazu: Die Anzahl an Arbeitsstunden, „da sind 60 Stunden auch mal drin“, sei enorm. Dabei gehe es schließlich auch nicht nur um die Zeit, die für einen Patientenbesuch investiert werde. Das sei im übrigen auch schon vor Beginn der Pandemie so gewesen. Auf Nachfrage zeigt sich Baden-Badens Oberbürgermeisterin Margret Mergen verständnisvoll: „Das ist eine große Aufgabe“, die in der Vergangenheit aber nicht unbeachtet geblieben sei: „Es ist seit Jahren absehbar, dass die Bereitschaft sinkt.“ Das Ziel der Stadt sei es deshalb, Baden-Baden und die Region als attraktiven Arbeitsort zu gestalten: Unter anderem sei das bereits mit dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) gelungen: „Junge Menschen tun sich dabei schwer, sich selbstständig zu machen. Was wir brauchen sind mehr Kooperationen von Gesundheitseinrichtungen und Praxen. Es macht durchaus auch Sinn, mehrere Praxen in ein MVZ einzubeziehen.“

Beim Stichwort mangelnder Nachwuchs verweist Fischer allerdings auf die Wurzel des Problems: „Die Bundesregierung bildet im Jahr 5.000 Ärzte zu wenig aus.“ Wieso? „Weil wir uns mehr offensichtlich nicht leisten wollen.“ Der Mediziner kritisiert diese Vorgehensweise, „das fällt uns später auf die Füße“. Und später definiere nicht irgendeinen Zeitpunkt in weiter Ferne: „Das bekommen wir bereits jetzt zu spüren. In Baden-Baden, aber auch bundesweit.“ Ja, auch er nehme Bemühungen seitens der Politik wahr. Doch: „Am Ende bringen diese Bemühungen nichts, wenn kein Ergebnis folgt. Die Grundstruktur muss überdacht werden.“ Denn allein in Baden-Baden seien die letzten sieben Ärzte nicht nachbesetzt worden: „Wenn jetzt weitere sechs wegfallen, ist das dramatisch. Das System ist an der Kante und löst dadurch Angst bei den Patienten aus. Aber wie gesagt: Das erzähle ich bereits seit Jahren.“

Übersicht der aktuellen medizinischen Versorgungslage

Eine Übersicht der aktuellen medizinischen Versorgungslage bietet unter anderem der „Arzt-Explorer“ der Stiftung Gesundheit. Die Daten hierfür werden laut Lena Bultmann vom Presseteam der Stiftung regelmäßig durch ein Team erhoben, dass sich um die Adressrecherche kümmert: „Die Kollegen durchforsten verschiedene Medien wie Zeitung und Internet, es kommen aber auch einige Ärzte selbstständig auf uns zu, die ihre Niederlassung melden.“ Die in dem Explorer zur Verfügung gestellten Daten werden zwei Mal im Jahr aktualisiert und beziehen sich auf Ärzte, die aktiv in der Patientenversorgung tätig sind.

Es ist nur eine Zahl

BT-Redakteurin Sarah Gallenberger kommentiert: „Laut der Stiftung Gesundheit stehen im Stadtkreis Baden-Baden 247 ärztliche Niederlassungen zur Verfügung. Diese Zahl mag für einen Laien groß erscheinen. Doch am Ende ist es nur eine Zahl, die lediglich für eine theoretische Verfügbarkeit spricht. Was sie allerdings verschweigt, ist die Situation in der Praxis – im wahrsten Sinne des Wortes. Natürlich können auch Ärzte Überstunden aufschreiben. Nur wohin damit? Am nächsten Tag etwas früher Feierabend machen geht schlecht, denn die Patientenmenge bleibt dieselbe. Ein Arbeitsausgleich durch die Vertretung geht nur, wenn eben diese vorhanden ist. Womit also Nachwuchs anlocken? Die Voraussetzungen dafür müssen auf politischer Ebene geschaffen und nicht nur diskutiert werden. Ein Problem wird nicht gelöst, wenn am Ende niemand darauf reagiert. Der Altersdurchschnitt in Baden-Baden ist hoch, und im Alter kommen bekanntlich leider oft Krankheiten. Wenn es bereits heute einen Mangel an medizinischer Versorgung gibt, wer wird sich dann morgen um die nächste Generation kümmern?

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Gallenberger

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Erstellt:
1. März 2022, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 00sec

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