Agit Selvi an der ZDF-Torwand

Baden-Baden (rap) – Agit Selvi legte im Oktober in einem Fußball-Kreisligaspiel ein Traumsolo der Marke Maradona hin. Der Lohn: Am Samstagabend darf der 27-Jährige auf die ZDF-Torwand schießen.

Setzt Mitte Oktober zum Traumsolo gegen den FV Sandweier an – und landet Anfang Dezember damit im ZDF-Sportstudio: Agit Selvi (links). Foto: Frank Seiter

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Setzt Mitte Oktober zum Traumsolo gegen den FV Sandweier an – und landet Anfang Dezember damit im ZDF-Sportstudio: Agit Selvi (links). Foto: Frank Seiter

Es ist ein Mittwochabend, genauer gesagt der 14. Oktober. Flutlichtspiel zwischen den Kickers Baden-Baden und dem FV Sandweier. Kellerduell in der Kreisliga A, Staffel Süd – der Tabellen-16. empfängt das Schlusslicht. Doch für einige Sekunden weht ein Hauch Weltklasse durchs altehrwürdige Aumattstadion: Agit Selvi kommt kurz hinter der Mittellinie, also noch in der eigenen Hälfte, an den Ball. Der Kickers-Mittelfeldspieler zündet den Turbo, lässt die ersten beiden Gegenspieler mit einer Finte ins Leere laufen. Der 27-Jährige schaltet in den nächsten Gang. Nächste Körpertäuschung, wieder sind zwei Sandweierer abgehängt. Selvi, mittlerweile fast am FVS-Strafraum angekommen, umkurvt auch Gegenspieler Nummer fünf, spielt flugs einen Doppelpass und zieht dann ab: Flach im langen Eck landet der Ball.

Die Kickers gewinnen am Ende den Abstiegskrimi mit 4:3, doch das persönliche Highlight für Agit Selvi folgt knapp zwei Monate später. Im Oktober setzte er zum Traumsolo an, am Samstagabend landet er damit im ZDF-Sportstudio – und darf vor einem Millionenpublikum an den Fernsehgeräten auf die legendäre Torwand schießen. Sein Gegner wird wohl Peter Hyballa sein, Taktikexperte des Mainzer Senders. „Im ersten Moment habe ich gedacht, dass sich jemand einen Scherz mit mir erlaubt. Ich fand es sogar etwas unglaubwürdig“, erzählt Selvi von dem Anruf der Hartplatzhelden – eine Internetseite für den Amateurfußball – am Montag, die zusammen mit dem ZDF für die Auswahl der Kandidaten an der Torwand zuständig sind. Doch die Ungläubigkeit wich bereits nach ein paar Sekunden der Vorfreude auf den TV-Auftritt, wenngleich ein wenig Anspannung bei dem Amateurfußballer schon mitschwingt. „Die Nervosität steigt von Tag zu Tag. Zur Unterstützung nehm ich meinen Kameramann mit, der muss sie mir dann vor der Sendung irgendwie nehmen“, sagt Selvi und lacht.

Bloß nicht die Torwand umschießen

Sein Kameramann heißt Tarik Tarhan, spielt für die SG Lauf/Obersasbach, schaute sich am 14. Oktober den Kreisliga-Leckerbissen an – und schaltete die Kamera des Smartphones im richtigen Moment ein. „Wir haben uns vor der Runde entschlossen, Sequenzen unserer Spiele gegenseitig zu filmen. Die Partie gegen Sandweier war unsere erste Aufnahme. Die ist ihm optimal gelungen. Dass der Treffer im Netz viral gehen könnte, damit haben wir schon ein bissel geliebäugelt“, sagt der 27-Jährige und lacht. Aber dass es ihn damit an die legendäre Torwand in Mainz verschlägt, damit rechnete er „überhaupt nicht“.

Ob denn sein Traumlauf über den Platz Erinnerungen an ein ganz bestimmtes Tor einer Fußballlegende weckt? Agit Selvi schweigt kurz, holt dann Luft. „Meine Teamkollegen haben direkt danach gesagt, dass solche Tore nur Messi schießt. Aber eine gewisse Ähnlichkeit mit Maradonas Treffer gegen England ist sicherlich vorhanden“, findet er – und auch die Hartplatzhelden. 1986 dribbelte sich Diego Armando Maradona im WM-Viertelfinale, nachdem er kurz zuvor bereits mit der „Hand Gottes“ erfolgreich war, zum Jahrhunderttor, ließ die fast komplette englische Mannschaft wie Statisten wirken und netzte cool ein. „Der Vergleich jetzt hat sicherlich auch was mit seinem Tod zu tun“, beschwichtigt Selvi. Dribbelt der Baden-Badener denn genauso gerne wie die argentinische Legende? „Definitiv, ich gehe durchaus gerne ins Dribbling, aber meist endet das irgendwo vor dem Strafraum, wenn ich gestoppt werde“, sagt die Nummer acht der Kickers, die eigentlich in der Schaltzentrale, dem defensiven Mittelfeld, unterwegs ist. „So viele Tore“, sagt Selvi, „schieße ich ja normal nicht.“ Umso größer ist die Freude natürlich, „dass mir so ein Highlight geglückt ist und ich jetzt an die Torwand darf“.

Kalay: „Super Ehre für ihn und die Kickers Baden-Baden“

Stolz ist auch Semih Kalay auf seinen Mittelfeld-Dirigenten. „Es ist eine super Ehre für ihn und die Kickers Baden-Baden, sich so einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen“, sagt der erste Vorsitzende. „Wir stehen geschlossen hinter ihm und drücken die Daumen.“ Fordert der Vorstand eine gewisse Anzahl an Treffern an der Torwand? Kalay schmunzelt. „Nein, ich gebe ihm keine Anzahl vor. Von mir bekommt er keinen Druck. Er soll den Auftritt genießen.“

Und Selvi selbst? Der erzählt erstmal von Sticheleien seiner ehemaligen Mannschaftskollegen des FC Lichtental. „Die haben immer gesagt, dass ich zu stark passen würde. Sie haben Angst, dass ich mit meinem Schuss die Torwand zum Einstürzen bringe“, sagt er, um dann aber in Sachen Trefferzahl konkreter zu werden. „Leer möchte ich nicht ausgehen. Das wäre schon blöd“, findet Selvi, der genau weiß, wo er treffen sollte: „Unten muss ich einen verwandeln, sonst steigt der Druck natürlich.“

In der Nacht zum Sonntag, gegen 0.50 Uhr ist im TV Showtime. Dann nämlich setzt Agit Selvi nicht zu einem erneuten Traumsolo à la Maradona an, sondern versucht sich an einem Traumergebnis: sechs Treffer. „Dann“, sagt er, „wäre ich sprachlos.“

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Erstellt:
5. Dezember 2020, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 27sec

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