Aktuelle Situation im Kinder- und Jugendfußball

Baden-Baden (rap) – Seit 13 Monaten ruht in Mittelbaden der Trainings- und Spielbetrieb im Kinder- und Jugendfußball. Vereine aus der Umgebung berichten über die derzeitige Lage.

An ein normales Trainingsspiel wird aufgrund der Corona-Beschränkungen auch in den nächsten Wochen nicht zu denken sein. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

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An ein normales Trainingsspiel wird aufgrund der Corona-Beschränkungen auch in den nächsten Wochen nicht zu denken sein. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Andreas Silbersack zeichnete ein düsteres Zukunftsbild, verbunden mit einem flammenden Appell an die Politik. Der Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), zuständig für den Breitensport, richtete dazu vergangene Woche im Sportausschuss des Bundestags drastische Worte an die Staatsmänner und -frauen in Berlin. Von einer „dramatischen Situation“ war die Rede, von „gravierenden Spätfolgen“, die die Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche mit sich bringen werde, sprach der 54-Jährige. Sein Auftritt sei daher als „Hilfeschrei anzusehen“, denn ansonsten, so befand der Sportfunktionär: „Produzieren wir eine verlorene Generation!“

Jochen Sammüller vom SV Sinzheim glaubt, dass gewisse Jugenden fußballerische Nachteile haben werden. Foto: Archiv

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Jochen Sammüller vom SV Sinzheim glaubt, dass gewisse Jugenden fußballerische Nachteile haben werden. Foto: Archiv

Andreas Silbersacks emotionale Rede war Teil des vierten deutschen Kinder- und Jugendsportberichts – und dieser beinhaltet vor allem eins: ziemlich bedenkliche Aussichten für die jüngsten Bundesbürger. In dem Dossier wird unter anderem festgestellt, dass die wachsende Ausbreitung von Inaktivität und als Folge davon Fettleibigkeit sich verstärkt bemerkbar macht und die physische, psychische und soziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Daher, so Silbersacks Forderung, „brauchen wir vor der geplanten Änderung des Infektionsschutzgesetzes eine Privilegierung der bis 14-Jährigen, damit sie Sport treiben können“.

Frank Dreher (Zweiter von links) vom VfB Bühl denkt nicht, dass es eine verlorene Generation geben wird. Foto: Archiv

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Frank Dreher (Zweiter von links) vom VfB Bühl denkt nicht, dass es eine verlorene Generation geben wird. Foto: Archiv

Auch Ingo Froböse, Sport- und Präventionsexperte von der Deutschen Sporthochschule in Köln, blickt pessimistisch in die Zukunft. „Diese Sportabstinenz führt dazu, dass sich Kinder andere Beschäftigungen suchen. Kinder müssen spielen, doch die Spiele finden dank der Pandemie nicht mehr körperlich, sondern vielmehr digital statt“, sagte der 64-Jährige „fussball.de“, verbunden mit der zappendusteren Prognose: „Wir erleben eine Bewegungsmangel-Pandemie mit gravierenden Folgen. Das wird unser Gesundheitssystem in den kommenden Jahren komplett überlasten.“

Abmeldungen halten sich „in Grenzen“

Bereits Mitte Februar avancierte DFB-Präsident Fritz Keller zum Bittsteller in Berlin und plädierte vehement, dafür den Trainingsbetrieb – unter Einhaltung der Hygienekonzepte – für die Kinder und Jugendlichen wieder freizugeben. „Wir wünschen uns, dass der Sport als Teil der Lösung begriffen wird. Nicht um des Sports Willen, nein, im Sinne der Gesundheitsförderung und sozialer Beziehungen. Wir alle, speziell unsere Kinder und Jugendlichen, benötigen die Möglichkeit zur sportlichen Bewegung, sie ist gut für Körper und Geist – und das nachhaltig“, schickte der 64-Jährige einen Offenen Brief gen Hauptstadt.

Kuppenheims Jugendleiter Jochen Mörmann macht sich um die psychische Verfassung der Kinder sorgen. Foto: SV 08

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Kuppenheims Jugendleiter Jochen Mörmann macht sich um die psychische Verfassung der Kinder sorgen. Foto: SV 08

Schließlich ruht seit 13 Monaten – abgesehen von ein paar Wochen im vergangenen (Spät-)Sommer – coronabedingt das Vereinsleben, in den Schulen findet schon lange kein regulärer Sport statt. Der Nachwuchs ist folglich in den eigenen vier Kinderzimmerwänden gefangen, zusammen mit den digitalen Verlockungen, die da heißen: Konsole, PC und Tablet. Experten gehen davon aus, dass sich die Corona-Pandemie auch in sinkenden Mitgliederzahlen bemerkbar machen wird. Dass es sich dabei um keine kleine Zahl handelt, macht Silbersack deutlich. Laut dem DOSB-Funktionär sind ein Drittel der 27 Millionen Vereinsmitglieder Kinder und Jugendliche. „Am Ende des Tages reden wir von einer bis 1,5 Millionen Kinder, die mit Fettleibigkeit, Essstörungen und psychischen Problemen beschäftigt sind“, so Silbersack. Allein 2,1 Millionen Kinder und Jugendliche waren im vergangenen Jahr laut DFB-Statistik in Fußballvereinen gemeldet.

Mörmann: „Bestimmte Jahrgänge haben riesige Nachteile

Droht Sport-Deutschland also eine verlorene Generation und den Vereinen eine Austrittswelle? „Von einer verlorenen Generation zu sprechen, halte ich für übertrieben“, sagt Frank Dreher. Dennoch ist sich der Jugendleiter des VfB Bühl bewusst, dass es bei der Rückkehr auf den Fußballplatz „Rückschläge in der fußballerischen und körperlichen Entwicklung“ geben wird. Für Dreher rücken durch die Corona-Pandemie vornehmlich zwei Themen in den Vordergrund. „Erstens: Wie viele Spieler verlieren durch die Zwangspause letztlich die Lust am Fußball und kommen nicht mehr? Und zweitens: Wie ist der Fitnesszustand der Kinder?“ Von einer Austrittswelle sei bislang nichts zu merken, so der VfB-Jugendleiter. Im vergangenen Sommer, als der Trainingsbetrieb für einige Wochen erlaubt gewesen war, seien die Anmeldungen gar leicht gestiegen. „Die körperlichen Rückschritte können aufgeholt werden, aber natürlich benötigt das viel Zeit“, glaubt Dreher.

SVS-Vorstand Jochen Sammüller wünscht sich „schnellstmöglich ein Corona-Training“ für den Nachwuchs. Foto: Robert Michael

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SVS-Vorstand Jochen Sammüller wünscht sich „schnellstmöglich ein Corona-Training“ für den Nachwuchs. Foto: Robert Michael

Sein Kuppenheimer Amtskollege ist dagegen überzeugt, dass die lange Abstinenz vom grünen Rasen zwangsläufig gesundheitliche Folgen für die Kids haben wird. „Physisch geraten die Kinder und Jugendlichen sicherlich ins Hintertreffen. Manch Muskulatur bildet sich zurück, Gelenke werden nicht beansprucht“, sagt Jochen Mörmann, „doch meine größte Sorge ist, wie sie das Ganze psychisch verkraften. Da wird definitiv etwas hängen bleiben, davon bin ich total überzeugt.“ Schließlich sei die Umstellung von dreimal in der Woche Training und am Wochenende Spiel zu 13 Monaten verordneter Ruhepause „nicht leicht zu stemmen“. Ob es eine verlorene Generation sein werde? „Schwierig“, antwortet der 08-Jugendleiter. „Aber bestimmte Jahrgänge, etwa die B- und C-Jugendlichen, haben riesige Nachteile. Dort werden die fußballerischen Grundlagen weiter ausgebaut und verfeinert, in technischer und mannschaftstaktischer Sicht. Da fehlen den Jungs jetzt einfach gute 13 Monate Entwicklungszeit.“

Momentan sind rund 250 Kinder und Jugendliche im Wörtelstadion aktiv, die Abmeldungen halten sich „in Grenzen. Eigentlich die normale Fluktuation wie immer. Ein paar Neuanmeldungen, ein paar Abmeldungen“, erklärt der 08-Jugendleiter, um dann doch von einem ganz speziellen Fall zu berichten. Vor ein paar Wochen habe sich ein talentierter B-Jugendlicher, der Stammspieler in der Verbandsligamannschaft sei, abgemeldet, da er „keinen Bock“ mehr habe. „Da war ich schon erstaunt. So was stimmt einen nachdenklich“, sagt Mörmann, der bei einer noch längeren Pause befürchtet, „dass mehr Abmeldungen folgen werden“. Daher sei der SV 08 bemüht, seine Spieler – hauptsächlich die A-, B-, C- und D-Jugend – mit Online-Trainings bei Laune zu halten. Doch nach mehreren Monaten der digitalen Einheiten sei auch klar: „Das Interesse daran geht flöten.“

„Zeit der Videotrainings ist nun vorbei“

Mit diversen Online-Wettbewerben, Trainingsfilmchen und Laufchallenges hat auch die Spvgg Ottenau den fußballerischen Nachwuchs in der langen Leidenszeit versorgt. „Wir haben da als Verein gute Arbeit geleistet“, findet Spvgg-Jugendleiter Yannick Jas, „auch wenn die ganzen Angebote das Training auf dem Platz nicht ersetzen können.“ Auch Jas macht sich Sorgen, mit welchen Post-Corona-Folgen der Murgtalverein zu kämpfen haben wird. „Die Gefahr ist groß, dass wir gerade die Kinder zwischen acht und 13 Jahren verlieren. Die sitzen seit mehreren Monaten daheim und sind mit anderen Dingen wie Zocken und PC beschäftigt“, sagt Jas, der eine durchaus düstere Prognose wagt: „Wenn die Kids nicht bald auf den Platz zurückkehren dürfen, glaube ich, dass wir gerade in den älteren Jugenden 20 bis 30 Prozent der Spieler verlieren könnten.“ Derzeit sei die Mitgliederanzahl recht konstant, signifikante Einbrüche habe der Verein nicht zu verzeichnen.

Ottenaus Jugendleiter Yannick Jas befürchtet einen Mitgliederschwund je länger die Zwangspause anhält. Foto: Spvgg Ottenau

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Ottenaus Jugendleiter Yannick Jas befürchtet einen Mitgliederschwund je länger die Zwangspause anhält. Foto: Spvgg Ottenau

Ähnlich ist die Lage beim SV Sinzheim. „Wir haben vereinzelte Abmeldungen zu verzeichnen, aber das Gros unserer Mitglieder hält uns treu die Stange. Darüber sind wir extrem froh“, sagt Jochen Sammüller, der Vorstand Jugend beim SVS. Die derzeitige Situation sei auch unterm Fremersberg ein „großes Thema“. Gerade in den goldenen Entwicklungsjahren – E- bis B-Jugend – seien die Kinder „nun beeinträchtigt“, sagt Sammüller, „natürlich körperlich, taktisch, aber vor allem auch in sozialer Hinsicht“. Denn der Sport allgemein könne „wie keine andere Freizeitbeschäftigung das soziale Miteinander vermitteln“, ist sich der SVS-Vorstand sicher. Natürlich habe auch der SVS versucht, über den digitalen Weg in Verbindung mit seinen 300 Kinder und Jugendlichen zu treten. „Wir haben auch Ballchallenges gemacht, Videos unseres Kooperationspartners KSC den Jungs zukommen lassen, auch die Klopapierchallenge war witzig“, sagt Sammüller, der aber deutliche Worte findet: „Die Zeit der Videotrainings ist nun vorbei, das ist ausgelutscht. Die Unruhe und Unzufriedenheit wird größer. Die Kids drängen nach draußen.“ Daher müsse die Politik schnellstmöglich zumindest wieder ein Corona-Training erlauben, findet Sammüller.

Damit aus einer verlorenen Generation eben doch noch eine hoffnungsvolle werden kann.

Ihr Autor

BT-Redakteur Christian Rapp

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Erstellt:
23. April 2021, 15:59 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 52sec

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