Alarmstufe bei Hausärzten in Mittelbaden

Rastatt (as) – Corona- und Grippe-Welle parallel, Impfungen, ausgepowertes Personal, unverschämte Patienten: Der Vorsitzende der Ärzteschaft Rastatt ist besorgt. Viele Praxen seien am Limit.

Impfungen, Grippe- und Corona-Welle gleichzeitig: Die Hausarztpraxen der Region sind am Anschlag. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

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Impfungen, Grippe- und Corona-Welle gleichzeitig: Die Hausarztpraxen der Region sind am Anschlag. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Wenn er über die derzeitige Lage in den Hausarztpraxen spricht, dann schnellt bei Dr. Jürgen Schönit, Vorsitzender der Ärzteschaft Rastatt, schon mal der Blutdruck in die Höhe. Nach eineinhalb Jahren Pandemie diagnostiziert er auch für die niedergelassenen Allgemeinmediziner „Alarmstufe“: Aggressive Patienten, wegbrechendes Personal, Corona- und Grippewelle gleichzeitig, zunehmender Bedarf an PCR-Tests – und die tägliche Aufforderung aus der Politik, die Impfkapazitäten zu erhöhen. „Viele Praxen sind am Anschlag“, weiß Schönit.

Viele Patienten einfach „unverschämt“

Es werde langsam schwierig, überhaupt noch das „tägliche Geschäft“ abarbeiten zu können, weil das Personal entweder den Beruf aufgegeben hat, langzeitkrank ist oder ausgepowert und völlig demoralisiert. Ähnlich wie in den Kliniken würden viele Praxen schon nicht unbedingt notwendige Dinge reduzieren, skizziert er ein Dilemma. Neben dem hohen Arbeitsanfall krankt es derzeit besonders am Verhalten vieler Patienten gegenüber den Arzthelferinnen, stellt Schönit fest: Das sei „unverschämt, beleidigend, einfach unter aller Kanone“, so seine Diagnose. Druck und Vorwurfshaltung seien an der Tagesordnung, wenn beispielsweise der Booster-Termin nicht nach Wunsch erfolgen kann, fordert er die Rückkehr zu einem respektvollen Umgang miteinander: „Die Arzthelferin kann ja auch nichts dafür, bekommt aber oft den ganzen Frust der Patienten zu hören und zu spüren.“

Bei einem Treffen der Ärzteschaft Mittelbadens vergangenen Woche habe er das von rund 90 Prozent der anwesenden Mediziner gehört. Und auch aufgrund dieser Rahmenbedingungen sei es ähnlich wie beim Klinikpersonal geradezu unmöglich, Ersatz zu finden. Die Folge: Die, die noch an Bord sind, versuchen, den Arbeitsanfall aufzufangen – Überstunden seien an der Tagesordnung. Doch das könne kein Dauerzustand werden, fürchtet der Mediziner um die Gesundheit der Beschäftigten.

Zusätzliche Impfaktionen geplant

Dabei versuche man wirklich alles, um dabei zu helfen, die Corona-Pandemie einzudämmen, betont Schönit. Er sei beispielsweise mit dem Landratsamt bezüglich zusätzlicher Impfaktionen im Gespräch. Allein: Den Hausärzten fehlen die Kapazitäten. In einem Brandbrief habe er deshalb noch mal alle Mediziner in Mittelbaden aufgefordert, sich dabei zu engagieren.

Der Vorsitzende der Ärzteschaft Rastatt, Dr. Jürgen Schönit, schlägt Alarm. Foto: Egbert Mauderer/Archiv

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Der Vorsitzende der Ärzteschaft Rastatt, Dr. Jürgen Schönit, schlägt Alarm. Foto: Egbert Mauderer/Archiv

Denn der Weg aus der vierten Welle ist für Schönit klar vorgezeichnet: „Wir kommen nur durch das Impfen weiter“, appelliert er vor allem an Ungeimpfte, ihre Verweigerungshaltung aus Solidarität mit der Allgemeinheit endlich aufzugeben. Zudem sollten alle Geimpften so bald wie möglich die Drittimpfung erhalten, spielt er hier den Ball an die Politik zurück: „Die Hausärzte allein werden das nicht schaffen, es müssen viel mehr mobile Impfteams losgeschickt werden.“

Kostenpauschale überdenken

Rund 2.000 Impfungen täglich hätten in den Hoch-Zeiten die Impfzentren in Bühl und Baden-Baden geschafft, sagt Schönit. 200 seien es beim Impfangebot im Rastatter Rossi-Haus – ein Kampf wie David gegen Goliath.

In diesem Zusammenhang mahnt er, man müsse auch über die Preisgestaltung reden. Zwar sei die Bezahlung pro verabreichter Impfdosis für die Praxen schon von 20 auf 28 Euro erhöht worden – aber in den Impfzentren seien es 200 Euro gewesen.

Angst und bange ist Schönit angesichts der aktuellen Entwicklung. „Bis in zwei Wochen“, schätzt er, „werden wir keine Kapazitäten auf den Intensivstationen mehr für andere akute Notfälle haben.“ Das große Problem nach seiner Erfahrung sind derzeit die privaten Kontakte: „Viele meinen, sie sind ja geimpft und dadurch zu 100 Prozent geschützt, und das ist einfach falsch“, verdeutlicht er: „Viele Enkel bringen derzeit den Tod zu ihren Großeltern!“ Er appelliert an die Vernunft jedes Einzelnen: Auch wenn die Politik es nicht durch einen Lockdown vorgibt, seien die Kontaktreduzierung und 2G-plus in allen öffentlichen Bereichen (Zugang nur für Geimpfte und Genesene mit aktuellem Test) das Gebot der Stunde.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
19. November 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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JG 19.11.202122:41 Uhr

Da haben die Verbandsfunktionäre der Hausärzte im Frühjahr wohl viel zu viel versprochen:
'Impfen können die Hausärzte auch.'
'Die Hausärzte kennen die Patienten am besten und können am besten beurteilen, wer am dringendsten geimpft werden muss.' Etc.
Sie dürfen nun impfen und die bestens organisierten Impfzentren wurden auch deshalb geschlossen.
Nun also bitte auch liefern und nicht jammern.


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