Alex Fischingers Rettungsmission

Sand (mi) – Seit sieben Jahren hält sich der SC Sand in der Frauen-Fußball-Bundesliga. Nachdem Alex Fischinger kürzlich das Traineramt übernommen hat, steht der SCS vor der erneuten Rettung.

Die Amerikanerin Patricia George (links) ist eine der Schlüsselspielerinnen beim SC Sand. Foto: Heiko Borscheid/av

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Die Amerikanerin Patricia George (links) ist eine der Schlüsselspielerinnen beim SC Sand. Foto: Heiko Borscheid/av

Eine Trauergemeinde über eine Fahrstrecke von 588 Kilometern, eingepfercht in einem Bus, wäre der ultimative Pfingst-Horror gewesen. Doch mit drei Punkten im Gepäck wird dann selbst eine ellenlange Fahrt vom hohen Norden zurück in die Ortenau zum Vergnügungstrip. Zwar kreisten im Teambus des SC Sand am Sonntag noch keine gerade bei Frauen beliebte Piccolo-Fläschchen, aber es herrschte nach dem überlebenswichtigen 2:0-Auswärtssieg der Bundesliga-Frauen beim SV Meppen „keine Trübsal“, wie Trainer Alexander Fischinger hochzufrieden konstatierte.
„Es ist viel abgefallen von den Mädels. Sie wussten, dass es auch bei einem Unentschieden wohl vorbei gewesen wäre.“ Mit dem big win hat sich die Ausgangsposition für seine Schützlinge vor dem Saisonfinale am übernächsten Wochenende fundamental verändert. Der SC hat die weitere Zugehörigkeit zur Eliteliga bei einem Punkt Vorsprung vor dem Nordrivalen im Kampf um den Klassenerhalt im letzten Heimspiel gegen Bayer Leverkusen nun in den eigenen Händen oder besser Füßen.

„Wir sind auf einem guten Weg. Wir wollen es selbst schaffen und dürfen uns auf niemand anderen verlassen“, sagt Fischinger. Vor vier Wochen ist er wie Kai aus der Kiste wieder im Ortenau-Dorf nahe Willstätt aufgetaucht. Als letzter Hoffnungsträger und Rettungsanker, nachdem der Weg mit Nora Häuptle seltsamerweise nur noch in eine Richtung zeigte: dem nach unten.

Fischinger hatte bereits vor sechs Jahren seine Spuren beim SCS hinterlassen. Schon damals rettete er die Dorfkickerinnen vor dem Abstieg und führte sie gar noch ins DFB-Pokalfinale. Viel mehr geht nicht: Sand ist kein Treibsand, aber auch keine Vorzeige-Adresse wie der erfolgsverwöhnte VfL Wolfsburg oder Bayern München

„Ich drehe schon mal durch“

„Wir sind zwei verschiedene Trainer-Typen, die Nora und ich“, sagt der neue, alte Bankdrücker beim Vergleich mit der Schweizerin, die sehr analytisch ihre Arbeit begriff, während Fischinger einen Überschwall an Emotionen ausstrahlt. „Ich drehe schon mal durch“, gibt der Energiebolzen zu verstehen. Offensichtlich ist er auch ein profunder Frauenversteher, hat er doch die zuvor verunsicherten Kickerinnen aus ihrer lange verdächtigen Lethargie gerissen. „Alle haben es mir beim Einstieg leicht gemacht. Sie sagten: ,Da kommt einer, der tickt etwas anders.’ Zuvor konnten die Mädels ihr Potenzial nicht richtig abrufen. Ich weiß nicht, ob es am Druck lag. Ich nehme auch allen Druck auf mich.“ Seine Einzelgespräche und internen Maßnahmen haben gefruchtet. So verdoppelte er die Trainingsintensität.

Patricia George, die den coolsten gefärbten Zopf der Bundesliga trägt, ist nicht nur optisch eine seiner schillerndsten Spielerinnen. Sie hat zuletzt auch leistungsmäßig richtig aufgedreht. Vor sechs Wochen rätselte die pfeilschnelle Amerikanerin noch über „unser Problem, den Fokus über 90 Minuten halten zu können“. Ihr selbst fehlte damals im Mittelfeld der direkte Zug zum Tor, wie sie selbstkritisch anmerkte. Jetzt frohlockt der Trainer über sein Laufwunder: „Alle haben Qualität, aber Pa-tricia ist sensationell. Sie hat vor mir erst 60 Prozent gezeigt. Sie marschiert jetzt ohne Ende.“ Mehr als bislang zwei Saisontore hat sie allemal in ihren schnellen Füßen.

Viel Spaß im Hotel

Torfrau Jasmin Pal empfindet der Trainer als „völlig neuer Mensch. Sie ist unfassbar gut. Sie hat uns in Hoffenheim den Punkt festgehalten. Wie wir alle dort gefightet haben. Das Hoffenheim-Spiel mit dem Punktgewinn war der springende Punkt.“ Danach folgte der 6:1-Kantersieg gegen Werder Bremen. Der gordische Knoten in den Köpfen war gelöst. „Die Mädels glauben jetzt an sich.“

Alex Fischinger zog vor dem Spiel der Spiele in Meppen alle psychologischen Register. Extra wurde schon 24 Stunden zuvor ein Hotel gebucht. „Wir hatten viel Spaß, haben viel gelacht beim Quiz und anderen Sachen.“ Zudem rief er den andächtig lauschenden Spielerinnen mit emotionalen Worten ins Gedächtnis, dass es nicht nur um den Klassenerhalt, also auch ihre künftigen Arbeitsplätze gehe, sondern gleichermaßen um das Lebenswerk von Gerald Jungmann. Ohne Letzteren gäbe es Frauen-Fußball beim SC Sand nicht, schon gar nicht im siebten Bundesliga-Jahr in Folge. Fischinger: „Gerald ist erschrocken, als ich das sagte.“

Jetzt hat die Multi-Kulti-Truppe mit vier Amerikanerinnen, Kontingentspielerinnen aus Österreich, Niederlande, Serbien, Polen den Karren aus dem tiefsten Dreck gezogen. Es gilt, die „Wahnsinns-Saison“ mit sportlichen Tiefschlägen, emotionalen Achterbahnfahrten, skurrilen „Kaffeefahrten“ über Hunderte von Kilometern im Winter – die Absagen kamen erst, als der Bus schon längst auf der Autobahn unterwegs war – und dem unvermeidlichen Trainerwechsel zum Happy End zu bringen.

Alles ist dem Saisonfinale gegen Leverkusen untergeordnet. Im Erfolgsfall wäre es ein Jammer, wenn die Erfolgsgemeinschaft wieder auseinander gerissen würde. Und in diesem Punkt befindet sich Alex Fischinger schon jetzt im Gefühlschaos, im persönlichen Zwiespalt. Denn vor seinem Wiedereinstieg in der Ortenau betreute er in seiner Wintersport-Gemeinde Schonach den dortigen Männer-Landesligisten und betreibt zudem mit einem Partner eine Fußballschule. „Bundesliga-Trainer ist kein Ferienjob, den muss man rund um die Uhr machen. Ich weiß, dass die Mädels gern mit mir weiterarbeiten wollen. Andererseits habe ich ein schlechtes Gewissen meinen Kickern in Schonach gegenüber. Ich halte meine Versprechen. Erst mal müssen wir den Klassenerhalt schaffen, dann führen wir Gespräche. Wenn ich es mache, dann mache ich es richtig.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
25. Mai 2021, 23:00 Uhr
Lesedauer:
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