Alle Neune: Bejubeltes Ende des Beethoven-Zyklusses

Baden-Baden (BT) – Viel bejubelt ist der Baden-Badener Beethoven-Zyklus mit dem Chamber Orchestra of Europe unter Yannick Nézet-Séguin zu Ende gegangen: Zuletzt durften 800 Besucher ins Festspielhaus.

Zwei Hemden durchgeschwitzt: Yannick Nézet-Séguin leitet das Chamber Orchestra of Europe im Festspielhaus Baden-Baden bei den Beethoven-Konzerten mit viel Körpereinsatz.  Foto: Michael Gregonowits

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Zwei Hemden durchgeschwitzt: Yannick Nézet-Séguin leitet das Chamber Orchestra of Europe im Festspielhaus Baden-Baden bei den Beethoven-Konzerten mit viel Körpereinsatz. Foto: Michael Gregonowits

Als der erste Musiker des Chamber Orchestra of Europe beim Abschlusskonzert des Beethoven-Zyklusses die Bühne des Festspielhauses Baden-Baden betritt, brandet sofort Beifall auf, der so lange anhält, bis das Orchester vollständig Platz genommen hat. Man kennt und schätzt sich gegenseitig nach drei bewegenden Konzerten. Fast hat man das Gefühl, Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu sein.

Hier das international besetzte Kammerorchester aus London, das bei seinen ersten Konzerten im Jahr 2021 kein Risiko scheut, mit Hingabe musiziert und viel Liebe zum Detail zeigt. Dort das hochkonzentrierte, am zweiten Konzertwochenende auf 800 Zuhörer pro Abend angewachsene Publikum, das den vielen leisen, zum Teil an der Grenze zur Hörbarkeit musizierten Passagen die Stille gibt, die sie in ihrer Zerbrechlichkeit brauchen. Und das am Ende seine Begeisterung lautstark kundtut.

Auch Yannick Nézet-Séguin, der diesem auf CD festgehaltenen Zyklus seinen Stempel aufdrückt, ist ein Sympathieträger. Am Ende des Konzertes geht er vor dem Orchester auf die Knie, ehe er sich unter dem lange anhaltenden Applaus bei jeder einzelnen Stimmgruppe persönlich bedankt.

Auch diese großen Musikerpersönlichkeiten kennt man inzwischen: den höhensicheren Solohornisten Chris Parkes, die mit feinem Ton und müheloser Virtuosität agierende Flötistin Clara Andrada, den ganz lyrischen Oboisten Philippe Tondre, den unendlich differenziert paukenden John Chimes, die souverän führende, die Streichergruppen zusammenhaltende Konzertmeisterin Lorenza Borrani.

Zwei Hemden hat Nézet-Séguin an diesem Abend durchgeschwitzt. Der sportliche Kanadier dirigiert mit dem ganzen Körper. Seine Impulse mit der rechten Hand sind so präzise, dass er den Musikerinnen und Musikern wieder viel Eigenverantwortung schenken kann und das Zusammenspiel trotzdem traumwandlerisch gelingt.

Siebte Sinfonie endet in kollektivem Rausch

In den beiden letzten Konzerten verstärkt Nézet-Séguin die Kontraste. Das Blech wird schärfer, das Fortissimo im Tutti noch wuchtiger und strahlender. Beethovens Sinfonien erhalten enorme Plastizität und theatralische Dramatik. Das hört man in der zweiten Sinfonie schon in den angestochenen Horneinwürfen und dem aufgerauten Streicherklang in der Durchführung des ersten Satzes. Im schnell genommenen Finale macht Nézet-Séguin die unerwarteten Farbwechsel deutlich. Die Sforzati gleichen Stromstößen, die immer wieder neue Energie in dieses Allegro molto einschießen. Im Marcia funebre, dem Trauermarsch der „Eroica“ genannten dritten Sinfonie, durchmisst Nézet-Séguin mit dem groß aufspielenden COE die gesamte emotionale Bandbreite, vom düsteren, fahlen Beginn bis zum selbstbewussten, triumphalen Fortissimo-Tutti im Dur-Teil.

Die Dissonanzen werden genüsslich ausgekostet, die Triolennachschläge der ersten Violinen und Flöten erschüttern wie ein Nachbeben. Natürlich gibt es auch in dieser „Eroica“ viele fragil musizierte Passagen; das Selbstbewusste, Strahlende wie den dreistimmigen Hörnerchor im Trio des Scherzos lässt er herrlich schmettern. Und im erhitzten Presto-Finale zelebriert Nézet-Séguin das Grelle, Plakative, das Beethoven diesem eindrucksvollen Finish verliehen hat – ein komponiertes Ausrufezeichen!

Auch der Vorabend mit der sechsten (Pastorale) und siebten Sinfonie setzt Maßstäbe. In der „Pastorale“ kommt Nézet-Séguins Fähigkeit, die Musik ganz natürlich und organisch zu entwickeln, besonders zum Tragen. Der Kopfsatz entwirft eine Naturidylle mit hellen Farben und in der Durchführung weiten Flächen. Die im Titel beschriebenen „Heiteren Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ stellen sich wie von selbst ein. In der „Szene am Bach“ spielen bis auf die Kontrabässe alle Streicher mit Dämpfer, ein bemerkenswertes Detail der neuen Urtextausgabe. Die Szene erscheint so fast unwirklich entrückt. Die Idylle wird potenziert. Umso derber das „Lustige Zusammensein der Landleute“, umso heftiger das einbrechende Gewitter, umso heiterer der abschließende Hirtengesang. In der siebten Sinfonie zieht Nézet-Séguin jeweils zwei Sätze zusammen, was größere dramaturgische Einheiten schafft. Der Kopfsatz groovt, das Allegretto bleibt schlank und pathosfrei. Trotz des hohen Tempos wirkt das Presto nie gehetzt, sondern strotzt vor Vitalität. Das abschließende, manisch um sich selbst kreisende Allegro con brio wird in Baden-Baden zu einem kollektiven Rausch. Man könnte süchtig werden nach diesem von Yannick Nézet-Séguin und dem Chamber Orchestra of Europe zu neuem Leben erweckten Beethoven.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
12. Juli 2021, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 00sec

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