Alles ist im Wandel: Wissenschaft und Erfahrung

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema dieses Mal: Wie wichtig es ist, immer wieder alles „in die Frage“ zu stellen.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Galileo Galilei (1564–1642) wurde durch Fallversuche berühmt, die er 1589 vom Schiefen Turm von Pisa aus durchgeführt haben soll, um die Lehre des Aristoteles zu widerlegen. Interessanterweise bestätigten sich Galileos Annahmen erst im 20. Jahrhundert. Die Weltsicht hatte er damit aber schon die Jahrhunderte zuvor verändert. Auch wenn man an der Durchführung dieser Versuche zweifeln kann, oder um mit Alexandre Koyré zu sprechen: „Diesen Versuch hat er nicht angestellt, ja er hat ihn sich nicht einmal vorgestellt“, bleibt doch eines bestehen, nämlich der bemerkenswerte Einfluss, den Galileo ausgelöst hatte: Die Neuzeit brach an mit einer modernen Wissenschaft, in der es Theorien praktisch mittels Experimente zu beweisen gilt.

Galileo vertraute auf Experimente und Erfahrungen. Seine Denkweise führte zum Bruch mit der sinnlichen Welt, denn seine wissenschaftlichen Erkenntnisse widersprachen der Alltagserfahrung. Sie weisen auf einen Gegensatz von Alltagswirklichkeit und Wissenschaft hin. Galileos Experimente offenbaren, dass wir nicht immer das wahrnehmen, was sich beweisen lässt.

Mathematik und Physik, Geometrie und Experiment bildeten von nun an die Grundlage für das Denken der Neuzeit. Sie sind der Ausgangspunkt dafür, dass wir annehmen, alles sei erklärbar, lösbar oder machbar. Die Annahme, wenn die Sprache der Wissenschaft nur exakt genug wäre, ließe sich alles erklären, schwebt wie ein Versprechen über uns.

Letzte Erkenntnis möglich?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war man überzeugt, alle Probleme der Wissenschaft gelöst zu haben, sodass nur noch wenige Schritte zu gehen seien hin zur vollständigen Beschreibung von Welt. Das wurde abrupt durch Einsteins Relativitätstheorie als Illusion entlarvt. Heute geben wir uns bescheidener und doch verfugt sich die Wissenschaftssprache direkt mit unserer Alltagswelt und impliziert, dass letzte Erkenntnis möglich sei, dass es um Fakten und Tatsachen gehe und dass Glaube, Intuition oder Kreativität nachgeordnet seien, wenn es um „wahre“ Erkenntnis gehe. Wissenschaft benötigt Wissen im Sinne von gesicherten objektiven Erkenntnissen. Der subjektive Faktor Mensch muss ausgeklammert werden, was nicht nur als unlogisch, sondern unmöglich anmutet.

Bei aller berechtigten Kritik sind wir im Geiste nach wie vor Erben Galileis. Uns prägt die Hoffnung auf eine letzte rationale Erkenntnis im Sinne einer Weltformel. Doch das Haus der Wissenschaft ist komplex geworden und birgt viele Zimmer, die wir weder betreten haben noch deren Existenz erahnen können. Damit ist der Prozess der Erkenntnis nicht abzuschließen und eine Weltformel, die alles erklären könnte, kann es nicht geben.

Wissenschaft lebt von und durch Kritik und Zweifel. Eben, dass wir an ihr zweifeln können, ist ihr großer Vorteil. Der Zweifel bedingt den Prozess der Veränderung und Überprüfung von Meinung und Aussage. Wer sich einer Sache bereits sicher ist, wird sich nicht mehr den Herausforderungen des Lebens stellen. Doch das gerade fordert das Leben ein: immer wieder alles „in die Frage“ zu stellen und neu zu entdecken. Wissenschaft ist gerade ausgedrückte Neugierde und das macht sie zutiefst menschlich. Allein: Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Leben Veränderung ist, die auf alles Bezug nimmt – auf unseren Alltag, unser Denken und unsere Einstellung zu allem, was ist. Alles ist im Wandel, alles im Fluss und alles ist Experiment und Erfahrung.

Alexandre Koyré: Leonardo, Galilei, Pascal. Die Anfänge der neuzeitlichen Naturwissenschaft. Frankfurt 1998.

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Erstellt:
3. Juli 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
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