Alles klingt: Beethoven-Auftakt mit Dirigent Nézet-Séguin

Baden-Baden (BT) – Mit Beethoven ins pralle Leben: Die Sommerfestspiele sind mit der explosiven fünften Sinfonie gestartet. Dirigent Yannick Nézet-Séguin stand am Pult des Chamber Orchestra of Europe.

Das Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin auf der Baden-Badener Festspielhausbühne zum Auftakt des großen Beethoven-Zyklusses.  Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

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Das Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin auf der Baden-Badener Festspielhausbühne zum Auftakt des großen Beethoven-Zyklusses. Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

Wenn der Intendant und der Dirigent vor einem Konzert gemeinsam auf die Bühne kommen, kündigt sich Großes an. Der Beethoven-Zyklus des Chamber Orchestra of Europe (COE) mit allen neun Sinfonien war eigentlich letztes Jahr in Paris und Luxemburg geplant und wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Dass Benedikt Stampa diesen Zyklus, der gefilmt und aufgenommen wird, nun exklusiv zur Wiederöffnung des Festspielhauses nach Baden-Baden holen konnte, ist ein echter Coup.

Für das in London beheimatete, internationale Orchester ist es das erste Konzert überhaupt in diesem Jahr. Acht Musikerinnen und Musiker aus England müssen vorher und nachher eine Quarantäne auf sich nehmen, um dabei sein zu können. „Lasst uns einfach mal wieder anfangen“, sagt Stampa voller Vorfreude.

Yannick Nézet-Séguin spricht von den besonderen Eigenschaften von Beethovens Musik, die aktueller denn je seien: Humanismus, Mitgefühl, die Bewältigung von extremen Herausforderungen, Nachdenken über die Natur.

Gleich mitten ins pralle Leben geht es mit der achten Sinfonie und ihrem schwungvollen Beginn im Allegro vivace e con brio. Die Akzente markiert das Orchester durch Bewegungsenergie, nicht durch Lautstärke. Nézet-Séguin setzt auf Nuancen.

Der Kanadier dirigiert mit einem Lächeln. Jede noch so kleine Melodie lässt er kurz aufblühen, mit seiner linken Hand hält er die Spannung. Seine Karriere hat er als Chordirigent begonnen; diese Nähe zum Gesang ist jeden Moment zu spüren. Alles klingt! Wie Nikolaus Harnoncourt bei seiner Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien mit dem Orchester Anfang der 90er-Jahre wählt Nézet-Séguin Naturtrompeten und Barockpauken mit Holzschlägeln. Aber er setzt sie viel behutsamer ein als Harnoncourt. Er deutet mehr an, lässt Zwischentöne zu und vermittelt zwischen denn Kontrasten.

Dirigent Nézet-Séguin entfesselt alle Orchesterkräfte

Der zweite Satz klingt mit seinen hellen Farben und den zarten, superkurzen Staccati fast schon nach einem Elfentanz von Felix Mendelssohn. Auch dessen Sinfonien hat Nézet-Séguin mit dem COE eingespielt. Die Balance der Holzbläser ist nahezu perfekt. Nur im Menuett dominiert die Soloklarinette etwas zu stark. Im Finale spielt Beethoven mit den Hörgewohnheiten des Publikums – und Nézet-Séguin hat sichtlich Freude daran, die Zuhörerinnen und Zuhörer auf falsche Fährten zu locken und zu überraschen mit den plötzlichen Generalpausen oder unerwarteten Akzenten. Angeführt von der charismatischen Konzertmeisterin Lorenza Borrani zeigt sich das COE wach, homogen in den Streichergruppen (Celli und Kontrabässe!) und voller Musizierfreude. Ein Ereignis!

Der fahle Non-Vibrato-Klang der Streicher in der langsamen Einleitung der vierten Sinfonie erinnert an das „Chaos“ aus Joseph Haydns „Schöpfung“, ehe im Allegro vivace das quirlige Leben aufploppt wie ein Champagnerkorken. Das Orchester geht dabei volles Risiko. Dass der fantastische Solohornist im Adagio kiekst, weil er den gefürchteten hohen Horneinsatz wirklich im Pianissimo und nicht im gesicherten Mezzoforte spielt, zeigt den Wagemut dieser tief berührenden Interpretation.

Die fünfte Sinfonie eröffnet Yannick Nézet-Séguin wie Teodor Currentzis gleich mit zwei Schicksalsschlägen, weil er die beiden Pochmotive ohne Fermate dazwischen zusammenzieht. Die Sinfonie erhält dadurch einen noch drängenderen Charakter. Hier entfesselt der Dirigent zum ersten Mal alle Orchesterkräfte. Die Hörner und Trompeten dürfen schmettern, die Pauke darf knallen.

Aber auch tiefste Innigkeit ist zu erleben wie im herrlich frei musizierten Andante con moto. Und wenn der am Ende in sich kreisende, orientierungslos dahindümpelnde dritte Satz ganz allmählich an Kraft gewinnt und in einem lange angezogenen Crescendo in das gleißende Licht des Finales mündet, dann zeigt Nézet-Séguin exemplarisch eine weitere, vielleicht die wichtigste Bedeutungsebene von Beethovens Musik: per aspera ad astra, durch die Nacht zum Licht. Der Mensch hat die Kraft, auch größte Widerstände zu überwinden. Stehende Ovationen für ein besonderes Eröffnungskonzert in besonderen Zeiten.

Der Beethoven-Zyklus geht am kommenden Wochenende weiter: Das Chamber Orchestra of Europa spielt unter der Leitung von Nézet-Séguin auch am 9. und 10. Juli im Festspielhaus Baden-Baden.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
4. Juli 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 57sec

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