Assistent auf vier Pfoten

Rastatt (sawe) – Daniela von Lipinksy hat einen besonderen Partner an ihrer Seite: Er heißt Scott, ist angehender Assistenzhund und ermöglicht der traumatisierten Frau die Teilhabe am Alltagsleben.

Wichtiger Helfer: Mit ihrem angehenden Assistenzhund Scott fühlt sich Daniela von Lipinsky sicherer. Foto: Sabine Wenzke

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Wichtiger Helfer: Mit ihrem angehenden Assistenzhund Scott fühlt sich Daniela von Lipinsky sicherer. Foto: Sabine Wenzke

Alleine in einem Supermarkt einkaufen zu gehen, ist für Daniela von Lipinsky die Hölle. Zu viele Eindrücke, zu viele Menschen, zu viele Geräusche, zu viele unbewusste Trigger, die einen Anfall auslösen können: Da verliert sie schnell die Orientierung, weiß nicht mehr, was sie eigentlich kaufen wollte und will nur noch fluchtartig raus. Die 37-Jährige hat sich daher einen ganz besonderen Partner an die Seite geholt, der ihr in solchen Alltagssituationen hilft.
Er heißt Scott, ist ein Doubledoodle und wird speziell für sie zum Assistenzhund ausgebildet. Scott ist ihre Hoffnung auf „mehr Sicherheit, Unabhängigkeit und ein selbstbestimmteres Leben“.

„Sie sind doch nicht blind! Der Hund kann doch solange draußen warten“, muss sich die Ehefrau und Mutter einer zweijährigen Tochter oft anhören, wenn sie in einen Laden will. Nein, blind ist sie nicht, aber ohne Hund geht es eben nicht bei ihr. „Ich habe mir ja kein Haustier, sondern einen Assistenzhund angeschafft“, stellt sie gleich mal den Unterschied heraus. „Es gibt Erkrankungen, die sieht man nicht auf Anhieb“, sagt die 37-Jährige und erzählt mutig ihre persönliche Geschichte, um für mehr Akzeptanz zu werben: Sie will die Helfer auf vier Pfoten mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken, die den Betroffenen nicht nur das Leben erleichtern, sondern vieles erst ermöglichen.

Monatelanger Psychoterror

Daniela von Lipinsky leidet an einer seelischen Erkrankung, einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und kämpft täglich gegen Schmerz, Angst und ihre vermeintliche Schutzlosigkeit an. Die junge Frau hat Schlimmes erlebt, körperliche und psychische Gewalt erfahren als Kind und in der Jugend, berichtet sie stockend mit leiser Stimme und unbewegtem Gesicht. Mit Anfang 20 wurde sie zudem gestalkt. Als der Typ plötzlich in ihrer Wohnung stand, stellte sie sich tot. Allein bei dem Gedanken an den monatelangen Psychoterror muss sie tief Luft holen, um weiterreden zu können und knetet noch kräftiger den Metalligelball in ihren Händen unter dem Tisch, weil die innere Anspannung zusehends wächst.

Die Niederbühlerin ist seit 20 Jahren in Therapie, hat mehrere Klinikaufenthalte hinter sich und auch eine Traumatherapie gemacht. Aussicht auf Heilung? „Es gibt gewisse Dinge, die werden nicht weggehen, aber durch die Therapie lerne ich, damit umzugehen.“ Alle körperlichen Ursachen seien bei ihr ausgeschlossen worden, berichtet die gelernte Industriekauffrau, die als Sachbearbeiterin für eine Firma im Homeoffice tätig ist.

„Seele durch Traumata geprägt“

„Meine Seele wurde durch wiederkehrende Traumata geprägt. In meiner Realität liegen die Gewalttaten, die mir widerfahren sind, nicht in der Vergangenheit, sondern laufen unterbewusst fast 24 Stunden durch meine Gefühlswelt, meinen Körper und meine Gedanken“, versucht sie ihr Leid in Worte zu fassen. Sie weiß, dass es für viele Menschen schwer oder gar unmöglich ist, sich in ihre Lage hineinzuversetzen. Ein feinfühliger Assistenzhund spüre jedoch Dissonanzen und könne intervenieren noch vor oder während ihrer dissoziativen Anfälle, „die gefühlt aus dem Nichts kommen“, zu einem plötzlichen Kontrollverlust über den eigenen Körper führen und sich bei ihr in Ohnmachtsanfällen äußern können oder in Erinnerungslücken. „Oft weiß ich gar nicht mehr, wie ich an die Orte gekommen bin“, fährt die 37-Jährige in ihrer Schilderung fort: Sie habe keinen Einfluss darauf, lebe aber in ständiger Angst, „dass es wieder passieren könnte. Sie traue sich aus Furcht vor weiteren Anfällen nur noch selten allein aus dem Haus.

Zu Scott kam sie über das Assistenzhundezentrum Karius in Gaggenau. Vorher wurde genau besprochen, was die 37-Jährige, die seit sieben Jahren einen Schwerbehindertenstatus hat, braucht. Scott hat vorher einen Eignungstest absolviert, ist neun Monate jung, 24 Kilogramm schwer und noch ganz am Anfang. Die Ausbildung eines Assistenzhunds dauert mit Grundausbildung und Training der speziellen Aufgaben 18 bis 24 Monate.

Ein fertig ausgebildeter PTBS-Assistenzhund kostet im Schnitt 20.000 bis 30.000 Euro, sagt Daniela von Lipinsky, daher habe sie sich für eine Selbstausbildung mit Hilfe einer Trainerin entschieden, an deren Ende eine Prüfung steht. Kostenvoranschlag: 13.000 Euro. Sie habe Glück gehabt und 10.000 Euro aus einem Bundesfonds bewilligt bekommen, es fehlten also noch rund 3.000 Euro, und es kämen noch extra Kurse wie Hundeschule und Hundebegegnung im Alltag dazu. Die 37-Jährige hat daher eine Spendenaktion auf der Internetplattform betterplace.de (https://www.betterplace.me/ptbs-assistenzhund-scott) gestartet: „Wir sind für jede Unterstützung dankbar“, verdeutlicht sie.

Wunsch: Selbstbewusstes Vorbild

Ihr Mann unterstütze sie, wo er kann, und ihre Tochter sei ihr Sonnenschein und bereite ihr viel Freude. Sie wolle aber nicht ihre Ängste auf ihre Tochter projizieren, sondern ein selbstbewusstes Vorbild für ihr Kind sein, ihm vorleben können, „dass nichts Schlimmes passiert, wenn man die Haustür verlässt und dass man auch keine Angst vor alltäglichen Dingen wie dem wöchentlichen Einkauf haben muss“. Das funktioniere in ihrem Fall als Mensch-Hund-Gespann.

Sagt es, drückt ihre Finger noch fester um den Metalligelball. Da kommt Scott schwanzwedelnd auf sie, der angespannte Gesichtsdruck der jungen Frau löst sich und mündet in ein Lächeln.

Zum Thema

Tierische Assistenz: Assistenzhunde werden nur für die Bedürfnisse eines bestimmten Menschen ausgebildet und eingesetzt und nicht wie Therapiehunde bei unterschiedlichen Personen. Der bekannteste Assistenzhund ist der Blindenführhund. Es gibt aber auch für andere Krankheitsbilder tierische Partner wie etwa Diabetikerwarnhund, Epilepsiewarnhund, Autismushund oder Schlaganfallwarnhund.

PTBS-Assistenzhund: Er gibt dem Betroffenen als Partner draußen Sicherheit und hält andere Menschen auf Abstand. Bei Panikattacken beispielsweise im Supermarkt kann er seinen Menschen zum Ausgang oder an einen ruhigen Ort führen, bis es ihm wieder besser geht. Er kann lernen, Flashbacks zu unterbrechen, bei Albträumen Licht einzuschalten und Räume auf Einbrecher zu durchsuchen, informiert das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum auf seiner Homepage.

Finanzierung: Laut AOK Baden-Württemberg werden unter bestimmten Voraussetzungen die Kosten für einen Blindenführhund übernommen. Für weitere Assistenzhunde gibt es keine Kostenübernahme, da diese keine Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) darstellen.

Weitere Informationen: www.assistenzhunde-zentrum.de
www.assistenzhundeverbund.de
www.fonds-missbrauch.de


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