Als die Hippies in Germersheim einfielen

Germersheim (BT) – Germersheim war das deutsche Woodstock: Mit Pink Floyd & Co. kam 1972 der Open-Air-Boom nach Deutschland kam. Die „Invasion der Langhaarigen“ hat vor Ort nicht nur Freude bereitet.

•Friedliche Massen trotz vieler Probleme: Das Festival „British Rock Meeting“ bereitete den Weg für den Open-Air-Boom in Deutschland.  Foto: Wolf H. Goldschmitt/Manfred Rinderspacher

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•Friedliche Massen trotz vieler Probleme: Das Festival „British Rock Meeting“ bereitete den Weg für den Open-Air-Boom in Deutschland. Foto: Wolf H. Goldschmitt/Manfred Rinderspacher

Woodstock ist in der Musikszene weltweit bekannt. Aber Germersheim? Dabei begann dort vor 50 Jahren mit dem „2. British Rock Meeting“ der Boom von Open-Air-Festivals in Deutschland.

„Wir können nicht gestatten, dass über 50.000 Hippies unsere Stadt zerstören“, schreibt der Bürgermeister des pfälzischen Städtchens Germersheim im Vorfeld eines geplanten Festivals vor 50 Jahren. Die Verwaltung ist sauer, weil sie erst von der Veranstaltung erfährt, als der Kartenvorverkauf längst läuft. Dass das Open Air auf der Insel Grün dennoch möglich wird und sogar Geschichte schreibt, dafür zeichnet der Veranstalter verantwortlich. Die Firma Mama-Concerts von Marek Lieberberg und Marcel Avram baut Druck auf: „Wenn Germersheim uns verhindern will, nehmen wir keinen Eintritt. Dann kommen mit Sicherheit mehr als 100.000 Jugendliche“. Und das Rathaus fürchtet sich plötzlich noch mehr vor der „Karawane der Haschischraucher“ und hebt das Verbot auf.

Letztlich sind es dann wohl deutlich über 70.000 Menschen, die bei Eintrittskosten von 22 Deutschen Mark den 50-Stunden-Konzert-Marathon besuchen. Exakte Zahlen sind nicht überliefert, aber das „2. British Rock Meeting“ vom 20. bis 22. Mai 1972 gilt heute als Pioniertat der Unterhaltungsbranche und erstes großes Festival auf deutschem Boden. Die Vorgängerausgabe 1971 in Speyer hatte „nur“ über 25.000 Besucher erreicht – ebenso wie das in völligem Chaos geendete „Love & Peace“-Festival 1970 auf der Ostseeinsel Fehmarn.

Am Pfingstwochenende 1972 sind in Germersheim über 30 Bands angekündigt. Headliner Pink Floyd, die Doors und die Faces von Rod Stewart. Nicht alle treten tatsächlich auf. Doch das Line-Up kann sich trotzdem sehen lassen. Unter anderen lassen die US-Giganten Buddy Miles Express, die Krautrocker von Frumpy, Guru Guru und Amon Düül 2, der irische Bluesrockgitarrist Rory Gallagher und die holländische Klassik-Rock-Formation Ekseption die Boxen vibrieren. Aus Großbritannien kommen Kinks, Humble Pie, Curved Air, Family, Osibisa, Status Quo, Wishobone Ash, Atomic Rooster, Savoy Brown – und natürlich Pink Floyd.

Probleme bei der Organisation

Wer heute mit verklärtem Blick auf die drei Tage zurückblickt, muss altersmilde schmunzeln angesichts der unübersehbaren Probleme bei der Organisation. Verstopfte Anfahrtswege, unzureichende Toiletten, der Kampf um Nahrungsmittel und nahezu ewige Umbauzeiten auf der Doppelbühne markieren nur die Spitze des Berges von Kinderkrankheiten einer neuen Unterhaltungskultur.

Aber die meisten Fans haben die Ruhe weg, vielleicht auch wegen der beruhigenden Rauchwaren, die in Umlauf gebracht werden. Es sind vor allem die damals in Deutschland stationierten US-Soldaten, die ihr Pfeifchen herumgehen lassen und dealen, was das Zeug hält. Von „Kolonien khakifarbener Zelte und ungewohnt kurzhaariger Schädel, die vom Woodstock-Geist infiziert das ganze Festival mit dem nötigen Stoff versorgten“ berichtet die örtliche Presse damals pikiert. Tatsächlich kollabieren Festivalbesucher und müssen zum Arztzelt, weil sie an schlechtes Rauschgift geraten – oder von den Heerscharen der Rheinschnaken blutig gestochen sind. Der Anteil von US-Soldaten im Publikum wird auf 50 bis 70 Prozent geschätzt. Er lässt sich auch heute noch erahnen, wenn unter YouTube-Beiträgen mit Tonaufnahmen vom Festival zahlreiche Kommentare von damals in der Pfalz stationierten GIs zu finden sind.

Hinter den Kulissen geht es beinhart zu. Die deutschen Musiker haben keinen Garderobenwagen, müssen sich im Freien umziehen und dort auf ihr Startzeichen warten. Es gibt auch Eifersüchteleien unter den Gruppen, wer zuerst auf die Bühne darf. Manche dürfen gar nicht, weil sie zu spät anreisen wie die Scorpions.

Wassermangel und Verkehrschaos

Marek Lieberberg erinnert sich im SWR-Interview: „Wir haben die Streitereien damals so ernst genommen, dass ich nachts das Publikum, das eigentlich schlafen wollte, fragte, ob sie jetzt lieber Atomic Rooster oder Buddy Miles Express hören wollten. Was dann zur Entscheidung für die belanglosere Band führte, und der arme Buddy Miles bis zum Morgengrauen warten musste. Aber das bleibt einer der schönsten Auftritte, die ich je erlebt habe: in die aufgehende Sonne spielt der Buddy Miles Express.“

Trotz mangelhafter Waschgelegenheiten und Wasserversorgung bleibt das Publikum friedlich. Nur einmal, da tobt der Volkszorn. Und es erwischt Uriah Heep, die als Ersatz für einen ausgefallenen Top-Act einspringen. Während ihres – laut Zeitzeugen zugegeben grauenhaften – Auftritts fliegen Flaschen auf die Bühne und sie müssen fliehen. Ähnlich lustlos präsentieren sich Ray Davies und seine Kinks, in diesem Fall allerdings ohne Folgen. Das Festival endet, wie es begonnen hatte. Bis die 15.000 Autos, Motorräder und die Tramper Städtchen verlassen haben, herrscht noch einmal stundenlanges Verkehrschaos.

Zwischenfälle gibt es nicht, nur die Germersheimer Bürger seien „wegen der Invasion der Langhaarigen sicherheitshalber drei Tage in ihren Häusern geblieben“, lautet das Fazit des örtlichen Chronisten.

Ihr Autor

Von Wolf H. Goldschmitt

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Erstellt:
19. Mai 2022, 11:40 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 21sec

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