Altstadtbewohner fühlt sich benachteiligt

Gernsbach (stj) – Denkmalschutz contra Energiewende: Wie schwer es ist, diese zwei hehren Ziele miteinander in Einklang zu bringen, zeigt das Beispiel von Gerd Kappler. Er versucht schon seit Jahren, sein Haus in der Amtsstraße energetisch zu optimieren, doch die Untere Denkmalschutzbehörde sagt „Nein“.

Auf der Schleppgaupe des Anwesens Amtsstraße 21 (links) sorgt eine Solaranlage für warmes Wasser; ein paar Meter weiter rechts ist dies auf der Gaupe des Hauses Nummer 19 nicht zulässig. Foto: Finkbeiner

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Auf der Schleppgaupe des Anwesens Amtsstraße 21 (links) sorgt eine Solaranlage für warmes Wasser; ein paar Meter weiter rechts ist dies auf der Gaupe des Hauses Nummer 19 nicht zulässig. Foto: Finkbeiner

Die energetische Ertüchtigung denkmalgeschützter Gebäude stellt auch mit Blick auf das städtebauliche Umfeld eine besondere Herausforderung dar. Wer bauliche Veränderungen an Kulturdenkmalen vornehmen möchte, braucht eine Genehmigung der Unteren Denkmalschutzbehörde. Was aber, wenn diese uneinheitlich entscheidet? So wie in der Amtsstraße in Gernsbach, wo das Anwesen Nummer 19 eine Solaranlage hat, eine solche aber nebenan nicht gestattet wird. Das ärgert Gerd Kappler, der seit Jahren versucht, sein Haus (Amtsstraße 19) energieeffizienter zu gestalten.

Als 2015 eine neue Heizung fällig wurde, hat er sich zum ersten Mal an die Stadtverwaltung gewandt mit der Frage, ob er wie sein Nachbar auch eine Solaranlage installieren lassen kann. Aufgrund der Lage seines Hauses und der Sichtbarkeit des Dachs von der Waldbachstraße aus sei dies aus Gründen des Denkmalschutzes nicht möglich, ließ das Baurechtsamt damals ausrichten.

Das ist für Kappler nicht nachvollziehbar, zumal auch er über eine Schleppgaupe verfügt, die sich nur wenige Meter neben der seines Nachbarn befindet, auf der wiederum seit 2014 eine Brauchwassererwärmungsanlage ihren Dienst tut. Der Gernsbacher spricht von „Willkür“ und sieht die Altstadtbewohner „schlichtweg benachteiligt“, wenn man generell solche Anlagen nicht bauen dürfe und mit höheren Energiekosten zu leben habe.

„Was ich erreichen will, ist eine zufriedenstellende Lösung für alle Bewohner der Altstadt“, betont Kappler. Es gehe ihm nicht um eine Ausnahme für sich; es könne aber nicht angehen, „dass der eine darf und der andere nicht“. In seinem direkten Umfeld befinden sich drei Solaranlagen auf Häusern, die allesamt zur Gesamtanlage „Altstadt Gernsbach“ gehören. Diese ist zum Schutz der unverwechselbaren Bilder der „Altstadt“ mit allen Bestandteilen und Merkmalen, die zu diesem Bild beitragen, im Jahr 1983 unter Denkmalschutz gestellt worden. Wer dort wohnt und Änderungen an der Substanz, im Erscheinungsbild, bei Aufschriften oder Werbeeinrichtungen tätigen möchte, braucht dafür das Einverständnis der Unteren Denkmalschutzbehörde.

Negativbeispiel für die Altstadt

Insgesamt stehen in Gernsbach Angaben der Verwaltung zufolge weit mehr als 400 Gebäude unter Denkmalschutz. Neben historischen Gebäuden wie dem Schloss Eberstein oder dem Alten Rathaus sind auch Zeitzeugnisse der jüngeren Vergangenheit unter Schutz gestellt. Zum Anliegen von Gerd Kappler teilt das Baurechtsamt auf BT-Anfrage mit, dass bei der Prüfung der Zulassung der Brauchwassererwärmungsanlage auf dem Anwesen Amtsstraße 21 davon ausgegangen worden sei, dass die Wirkung derselben auf dem flacher geneigten Dach der Schleppgaupe noch hingenommen werden könne. „Diese Einzelfallentscheidung würde jedoch wegen der doch gegebenen Beeinträchtigung so heute nicht mehr getroffen werden. Die Anlage erweist sich als Negativbeispiel für die Altstadt.“

Aus heutiger Sicht bestehen laut Baurechtsamt grundsätzlich denkmalfachliche Bedenken gegenüber Solaranlagen auf Kulturdenkmälern, insbesondere wenn die Anlagen vom öffentlichen Verkehrsraum aus einsehbar sind. „Da im Fall des Herrn Kappler die Dachfläche vom öffentlichen Straßenraum (Waldbachstraße) aus voll eingesehen werden kann, würde eine Solaranlage auf dem Dach des Anwesens Amtsstraße 19 zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Erscheinungsbildes führen“, erklärt das Baurechtsamt. Vor diesem Hintergrund sei die Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Hauses Amtsstraße 19 negativ bewertet worden.

Kappler ist sich nicht sicher, ob diese Entscheidung zulässig ist. Er will weiter versuchen, eine – auch im Sinne der Energiewende – vernünftige Lösung für die Altstadtbewohner zu realisieren. Hoffnung könnte das vom Gemeinderat beschlossene Strategiepapier Altstadt machen. Mit diesem soll ein Optimierungsprozess in Gang gesetzt werden, der den Abwärtstrend in der Altstadt umkehrt. In einer noch zu gründenden Steuerungsgruppe sollen auch Bürger mit einbezogen werden. „Anwohner, Gewerbetreibende, Hausbesitzer und Besucher wollen mitgenommen werden und ihre guten Ideen einbringen“, argumentierte Bürgermeister Julian Christ und pries die Vorgehensweise als „gelebte Bürgerbeteiligung“. Das Strategiepapier soll künftig eine Art Leitfaden für die weitere Entwicklung der Altstadt sein. Darin müssten dann auch Regelungen festgeschrieben werden für die Möglichkeiten energetischer Ertüchtigungen denkmalgeschützter Gebäude – damit Einzelfallentscheidung wie in der Amtsstraße künftig einheitlich und nachvollziehbar getroffen werden.

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Erstellt:
15. März 2020, 19:00 Uhr
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