Am Kaltenbronn auf den Spuren des Wolfes

Gernsbach (wof) – Wolfsgeheul am Kaltenbronn – das gab es am Halloween-Abend, wenn auch nur vom Band und nachgeahmt von Menschen.

Aufmerksamer Beobachter. Aber einen echten Wolf gab es bei der Wanderung nicht zu sehen. Symbolfoto: Kathleen Gerber/NABU (Archiv)

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Aufmerksamer Beobachter. Aber einen echten Wolf gab es bei der Wanderung nicht zu sehen. Symbolfoto: Kathleen Gerber/NABU (Archiv)

Die vom Vollmond gespenstisch beleuchtete Aktion war emotionaler Höhepunkt einer Wanderung mit dem Wildtierbiologen Peter Sürth, der ansonsten ganz nüchtern auf das Erklären und Vermitteln von Fakten setzte.

Der Wolfsexperte Sürth ist schon fast regelmäßig zu Gast beim Infozentrum Kaltenbronn, vor allem, seit ein einzelner Wolfsrüde den Nordschwarzwald durchstreift und hier sein Revier gefunden hat. Als eines der größten deutschen zusammenhängenden Waldgebiete ist der Schwarzwald laut Sürth ein „gut geeigneter Lebensraum“ für mehrere Wolfsrudel, und er geht davon aus, dass dies in Zukunft auch der Fall sein wird. Umso wichtiger ist es ihm, über die Herausforderungen für eine Koexistenz von Mensch und Wolf offen zu sprechen, Sorgen ernst zu nehmen und unnötige Ängste zu zerstreuen.

An diesem Samstagabend haben sich kurz vor Beginn der Dämmerung ein gutes Dutzend Teilnehmer vor dem Infozentrum eingefunden, darunter zwei Familien mit Kindern. Pandemiebedingt wird Abstand eingefordert.

Rund 70 Zentimeter hoch ist ein erwachsener Wolf, wie ein Modell in Lebensgröße verdeutlicht. Erste Station der rund zweieinhalbstündigen geführten Wanderung ist das Rotwildgatter. Der Hirsch ist eines der Hauptbeutetiere des Wolfes, so wie auch Reh und Wildschwein. Aber auch Fuchs und Hase und selbst eine Maus werden nicht verschmäht.

„Er könnte über diesen Zaun von der Höhe her springen“, sagt Sürth, „er mag es aber nicht.“ Die Verletzungsgefahr sei zu groß, denn Wölfe „sind sehr vorsichtige Tiere“. Damit leitet der Wolfsfachmann zu einem der Hauptthemen dieser Wanderung über: dem Schutz der Weidetiere. Hier bedürfe es, betont er immer wieder, nicht nur einzelner Bausteine, sondern eines kompletten Schutzmanagements. In diesem Zusammenhang sei es wichtig, ihr Verhalten zu verstehen. „Wölfe können nachdenken, sie tun es nicht immer, aber meistens.“

„Hoch sozial“ auf der Jagd nach Beute

Die Teilnehmer haben viele Fragen, nicht zuletzt einige der Kinder sind sehr wissbegierig und demonstrieren zugleich, dass sie sich mit dem Thema schon zuvor beschäftigt haben. Erklärte „Wolfsfeinde“ sind an diesem Abend nicht dabei, Motivation ist, noch mehr über diesen streng geschützten Jäger zu erfahren, der in Deutschland schon ganz ausgerottet war und von dem es aktuell wieder etwa 120 bis 150 Rudel oder umgerechnet rund 700 bis 900 Einzeltiere im Land gibt.

Und was tun, wenn es zu einer Begegnung zwischen Mensch und Wolf kommt? Ein Wolf beobachte und weiche Menschen aus. In den 20 Jahren seit der Wiederansiedlung des Wolfs in Deutschland ist kein Mensch verletzt oder gar getötet worden. „Die Gefahr“, mein Sürth, „ist extrem gering, aber nicht null.“ Problematisch werde es vor allem, wenn ein Wolf „positive Erfahrungen“ mit Menschen verbinde, zum Beispiel, wenn er als Welpe gefüttert worden sei, und dann auf Menschen zugehe. Dann könne es auch zu brenzligen Situationen kommen. Sürth findet es richtig, solche Wölfe abzuschießen.

Ausführlich geht der Wildtierbiologie auf die positiven ökologischen Effekte einer Wiederansiedlung des Wolfes ein. Als „selektive Jäger“ erlegten sie vor allem kranke und schwache Tiere, so dass er für deren Artgenossen auch eine Art Infektionsschutz darstelle. Auch hielten sie Rehe und Hirsche „umtriebiger“, was als Nebeneffekt zu weniger Verbissschäden führe. Für Erstaunen sorgt das Ergebnis einer spanischen Studie, dass Rinderhalter selbst unter Berücksichtigung von Rissen auch ökonomisch von Wölfen profitierten, weil es zu wesentlich weniger Tuberkuloseübertragungen vom Wildschwein auf das Rind komme.

Und warum heulen Wölfe? Es sind „hoch soziale“ und „sehr kommunikative“ Lebewesen, die mit dem Heulen Kontakt über große Entfernungen halten, ihr Revier abgrenzen und auch Gefühle wiedergeben. An einer Wegkreuzung verteilen sich die Teilnehmer in verschiedene Richtungen. Sürth gibt das Originalheulen eines Wolfsrudels wieder, ahmt es nach und fordert die Teilnehmer auf, es ihm gleichzutun. Mit einer Legende räumt der Experte gleich noch auf: Wölfe heulen nicht bewusst den Mond, sondern weil sie Lust haben. Auch wenn Wölfen vieles nachgesagt wird, mondsüchtig sind sie nicht.

Wildtierbiologe Peter Sürth. Foto: Wolfgang Froese

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Wildtierbiologe Peter Sürth. Foto: Wolfgang Froese

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Erstellt:
1. November 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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