Am Waldseeplatz: Integration trotz Corona möglich

Baden-Baden (kos) – Corona zwingt Menschen auf Abstand. Vor allem Geflüchteten, die sich integrieren wollen, bereitet das Probleme. Ein Trio aus Baden-Baden zeigt nun, wie es funktionieren kann.

Lassen sich auch von der Pandemie nicht aufhalten: Andreas Koch, Abdoulaye, Yassar, Amadou, Lisa Sternberg (von links).  Foto: Konstantin Stoll

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Lassen sich auch von der Pandemie nicht aufhalten: Andreas Koch, Abdoulaye, Yassar, Amadou, Lisa Sternberg (von links). Foto: Konstantin Stoll

Seit langem beherrscht nun Corona alle Nachrichten und jeden Alltagsbereich. Oft wird seitdem das andere Topthema vergessen, das von 2015 bis 2020 die politischen und gesellschaftlichen Debatten dominierte: Die Flüchtlingskrise. Während einer Pandemie in Sammelunterkünften zu wohnen und sich dort ein neues Leben aufzubauen, erscheint zunächst schwer. Wie es dennoch funktionieren kann, zeigen Yassar, Abdoulaye und Amadou vom Waldseeplatz.

Für die drei jungen Herren werden die kommenden Monate besonders wichtig: Im Juli machen sie ihren Schulabschluss und hoffen danach, Zusagen für ihre Ausbildungsbewerbungen zu bekommen. Vor knapp zwei Jahren sind sie nach Deutschland gekommen und wohnen seitdem in der Flüchtlingsunterkunft. Ihre Berufswünsche sind zwar unterschiedlich, aber der Wille, sich durch Arbeit hier ein neues Leben aufzubauen, verbindet die Drei miteinander. Amadou hat sich dafür einen Beruf ausgesucht, der gerade jetzt in der Pandemie wichtiger ist, denn je: Er will Krankenpfleger werden. Vorstellungsgespräche in Baden-Baden und Offenburg hat er auch schon bekommen und hofft nun, dort überzeugen zu können. Yassar will eine Ausbildung zum Verkäufer im Lichtentaler Tafelladen machen, wo er bereits ein Praktikum absolviert und sich schon jetzt sozial engagiert. Abdoulaye will dagegen zum Anlagenmechaniker in Bühl ausgebildet werden. Sie alle lernen und warten nur noch auf Antworten.

Bevor sie in ihr Berufsleben starten können, steht für das Trio noch der Schulabschluss an. Dazu gehört auch, die deutsche Sprache zu verbessern. Doch Corona legt diesem Vorhaben und den städtischen Flüchtlingsunterkünften keine leichten Steine in den Weg.

Soziale Kontakte fallen weg

Das Problem: Aufgrund des Lockdowns findet nicht nur für Yassar und Co., sondern für alle der Unterricht meist nur digital statt. Das bedeutet, dass sozialer Austausch in der Schulklasse und das Sprechtraining, das sie in ihrer Klasse in der Louis-Lepoix-Schule hatten, gänzlich wegfallen. Yassar bringt das eindrücklich auf den Punkt: „Wir verlieren unser Wissen“. Und er fügt hinzu: „Wenn man in der Schule ist, läuft alles gut.“

Daran merkt man, wie sehr ihm und den anderen beiden der Kontakt in der großen Schulklasse fehlt. Allein die Einzelbetreuungsangebote und die Sprachkurse in der Volkshochschule dürfen noch im Präsenzformat stattfinden. Alles andere wird online angeboten. Für Amadou eine heikle Sache: Die Lage „ist nicht gut“, empfindet er. Andreas Koch, Abteilungsleiter des Fachgebiets Soziale Leistungen der Stadt, berichtet, dass extra der Internetanschluss verbessert wurde, um die Integrations- und Spracharbeit zu garantieren. Das sei natürlich „kein Ersatz“, aber man tue, was man könne, sagt Koch.

Bei dem Umstand, während der Pandemie im Flüchtlingsheim zu wohnen und sich kontaktbeschränkt zu integrieren, könnte man erwarten, dass eine angespannte Stimmung herrscht. Vor Ort herrscht hingegen ein relativ gelassener Eindruck im Hinblick auf die Corona-Umstände. Die Stimmung unter den knapp 200 Waldseeplatz-Bewohnern ist generell „ziemlich gut“, berichtet Koch. Es hätten zwar ein paar Bewohner ihre Jobs durch die Pandemie verloren, aber natürlich werde hier keiner allein gelassen, sagt er. Das bestätigt auch Lisa Sternberg, Sachgebietsleiterin für soziale Betreuung und Integrationsmanagement. Vieles müsse noch abgewartet werden, wie etwa Unterricht und Jobbewerbungen, die Flüchtlinge würden aber nicht sich selbst überlassen und erhielten jederzeit die nötige Unterstützung, so Steinberg.

Kontaktbeschränkungen werden eingehalten

Die Corona-Maßnahmen werden grundsätzlich von den Bewohnern eingehalten, betonen Steinberg und Koch. Auch regelmäßige Testungen laufen an, nachdem bereits im März die ersten Impfungen in den städtischen Unterkünften verabreicht worden sind. Nach Angaben von Koch sind am Waldseeplatz etwa 20 Prozent der Bewohner bereits geimpft. Um die Abstände und Privatsphäre zu wahren, wohnen die Bewohner in der Anschlussunterbringung alleine in einem Zimmer. Neuankömmlinge sind maximal zu zweit auf einem Zimmer. Nur außerhalb der Räume im Haus und auf dem Gelände wird die Maske vorgeschrieben und kontrolliert. Kein Problem für die Bewohner, wie Steinberg und Koch angeben. Dadurch seien auch Corona-Fälle nicht in großer Zahl vorgekommen. Einzelne Fälle könne man nicht gänzlich verhindern, meint Koch. Die für alle üblichen Quarantäne-Maßnahmen gelten aber auch am Waldseeplatz, berichtet er, um Hotspots zu verhindern.

Der Besuch am Waldseeplatz zeigt auf, dass auch eine weltweite Pandemie Geflüchtete nicht unbedingt daran hindern muss, sich beruflich und gesellschaftlich zu integrieren. Dafür stehen jetzt Yassar, Amadou und Abdoulaye.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
6. Mai 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 10sec

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