Am ZKM beginnt für Peter Weibel das letzte Jahr

Karlsruhe (BNN) – Im letzten Jahr seiner langen Amtszeit möchte Peter Weibel als Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) den Blick auf die Vielfalt des Lebens lenken.

Noch viele Projekte geplant: Vor dem letzten von 24 Amtsjahren steht Peter Weibel als künstlerischer Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien. Foto: Uli Deck/Artis

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Noch viele Projekte geplant: Vor dem letzten von 24 Amtsjahren steht Peter Weibel als künstlerischer Vorstand des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien. Foto: Uli Deck/Artis

Seit 1999 leitet der österreichische Medienkünstler, Kurator und Publizist Peter Weibel das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien. In dieser Zeit ist das ZKM zu einer global relevanten Adresse der Medienkunst geworden. In genau einem Jahr, am 31. März 2023, wird Weibels prägende Amtszeit in Karlsruhe enden. Mit unserem Mitarbeiter Andreas Jüttner sprach Weibel über die aktuelle Situation im ZKM, die Auswirkungen aktueller Krisen, seine Pläne für das verbleibende Jahr und darüber, was Museen von der Fußballvermarktung lernen können.

BT: Herr Weibel, erst hat die Corona-Pandemie den Kulturbetrieb gebremst, jetzt wird der internationale Austausch unter Museen durch den Krieg noch schwieriger. Was bedeutet die aktuelle Situation für ein global aktives Haus wie das ZKM Karlsruhe?
Peter Weibel: Aktuell sind wir mit unserer Sammlungsausstellung „Writing the History of the Future“ im Kunstmuseum von Gwangju in Südkorea zu sehen. Die Eröffnung war im Dezember 2021. Da hatten wir noch Glück - jetzt wäre der Transport der Exponate gar nicht mehr möglich. Mittelfristig ist damit zu rechnen, dass der internationale Leihverkehr sehr eingeschränkt werden wird durch die Rohstoffknappheit, die sich jetzt abzeichnet.

BT: Hat es die Medienkunst da eventuell einfacher als andere Kunstformen?
Weibel: In gewisser Weise ja. Wir haben zum Beispiel eine große Sammlung an Videokunst und Software-Art, die nicht physisch transportiert werden muss. Die Ausstellungspartner vor Ort können die nötige Hardware besorgen und wir übermitteln die Werke digital und beraten per Videokonferenz beim Aufbau. Das wäre mit Gemälden oder Skulpturen nicht möglich.

Ausstellungen virtuell neu betreten

BT: Benötigt Medienkunst denn überhaupt noch einen analogen Museumsraum?
Weibel: Wir werden in der Tat im Herbst zwei Ausstellungen virtuell zugänglich machen, die es im analogen Raum nicht mehr gibt. Und zwar unsere Ausstellung „Iconoclash“ aus dem Jahr 2002 und „Les Immatériaux“ von 1985 am Centre Pompidou in Paris, mit dem wir für dieses Projekt kooperieren. Gemeinsam erarbeiten wir eine räumliche Simulation mit dem Titel „Matter/Anti-Matter/Non-Matter“, mit der man diese wegweisenden Ausstellungen virtuell neu betreten kann. Ich denke, so etwas wird es künftig häufiger geben.

BT: Wird die Ausstellung vor Ort damit bedeutungslos?
Weibel: Nein, im Gegenteil. Ein Museum soll ja nicht nur eine Sammlung von Objekten sein, sondern auch eine Versammlung von Menschen. Ein Museum muss sein Publikum vor Ort erreichen, aber auch ein Sender werden für ein überregionales Publikum. Das ZKM hat den Weg zu diesen neuen digitalen Ausstellungsformaten vorbereitet. Sie werden sehen, dass die documenta in Kassel und die Biennalte di Venezia in diese Richtung weitergehen werden: Live-Streaming und performative Agenda von Künstlerkollektiven, also Versammlungen von Menschen für lokales und nicht-lokales Publikum. Im Fußball wird das rein wirtschaftlich schon lange so gemacht: Die 30.000 Zuschauer im Stadion sind wichtig für die Atmosphäre, aber das Geld kommt von den drei Millionen Zuschauern übers Fernsehen.

„BioMedien“ und „The Beauty of Early Life“

BT:Aber das betrifft ja einen echten Massenmarkt. Haben Museen dafür das Potenzial?
Weibel: Vielleicht nicht in dieser Dimension, aber ich sehe viel Potenzial darin, wenn Museen ein eigenes Sendestudio betreiben. Wenn ich zum Beispiel einen Fachmann aus Harvard ins ZKM einlade, damit er hier eine Führung gibt, dann haben wir hohe Anreisekosten für eine Veranstaltung, die ein paar Leute hier vor Ort erreicht. Wenn wir ihn digital zuschalten und die Führung streamen, können wir ein weit größeres Publikum erreichen. Unser digitales Eröffnungswochenende der Ausstellung „Critical Zones“ hatte online rund 30.000 Besucher. Zum Vergleich: Das Humboldt-Forum Berlin hatte bei seiner digitalen Eröffnung, die ein Jahr lang mit großer internationaler Beachtung vorbereitet worden war, rund 17.000 Zugriffe. Daran kann man erkennen, was für ein Erfolg „Critical Zones“ war. Zugegeben: Inzwischen sind wir von solchen Zahlen wieder weit entfernt, weil viele Leute mittlerweile von den digitalen Angeboten eher erschöpft sind. Die Menschen wollen sich wieder im realen Raum begegnen.

BT: Das ist im ZKM derzeit in zwei noch recht neuen Ausstellungen möglich…
Weibel: „BioMedien“ und die jetzt eröffnete Kooperation mit dem Naturkundemuseum „The Beauty of Early Life“ knüpfen an „Critical Zones“ an. Und es wird noch einen vierten Beitrag zu diesem Themenbereich geben mit dem Titel „Das Kunstwerk als lebender Organismus“. Diese vier Ausstellungen sehe ich nach Globalisierung und Digitalisierung als neuen Mediendiskurs, als neues Medienprogramm der „Biophilie“, der Liebe zum Leben. Durch Corona haben wir gelernt, wie fragil unser Leben ist. Durch die Klimakrise lernen wir, wie fragil das gesamte Erd-System ist. Wobei das Wort Klimakrise letztlich Schönfärberei ist. Was wir erleben, ist eine Menschheitskrise. Das Klima wird ja überleben, auch wenn wir nicht überleben.

„Das kann nicht gut gehen“

BT:Welchen Gesamtbogen spannen diese vier Ausstellungen?
Weibel:Im Kern geht es um das Bewusstsein, dass unser Menschenleben im Kontext von anderem Leben steht. Deswegen brauchen wir Biodiversität. „Critical Zones“ hat sich mit der Erdkruste befasst, auf und von der wir leben. „BioMedien“ zeigt die Zukunft der Medien mit lebensähnlichem Verhalten und „The Beauty of Early Life“ fragt nach den Ursprüngen des Lebens. Die Ausstellung zeigt Fossilien, die vor drei Milliarden Jahren entstanden sind. Das ist auch der Zeitrahmen, den die Natur für die Herstellung der fossilen Brennstoffe hatte, die wir jetzt innerhalb von rund 200 Jahren verbraucht haben. Dieser Kontrast zeigt: Das kann nicht gut gehen.

BT:Und was ist für die vierte Ausstellung zu diesem Thema zu erwarten?
Weibel:Die Kunst hat seit dem 19. Jahrhundert die Nachahmung des Lebens immer weiter perfektioniert, etwa durch die Entwicklung vom Stummfilm bis zum Tonfilm in Farbe. Aber es blieb immer eine Abbildung. Auch eine täuschend echt gemalte Blume kann nicht wachsen. Am Computer können wir heute dieses Wachstum der Blume simulieren. Die Bilder lernen, sich zu verändern und mit den Betrachtern zu interagieren. Damit sind wir bei einer Kunst, die sich wie ein lebender Organismus verhält.

BT:Für März 2023 ist schon seit längerem die Ausstellung „Renaissance 3.0“ angekündigt, die dann auch Ihren Abschied markieren wird. Nun sind es nur noch zwölf Monate bis zu Ihrem letzten Arbeitstag. Wissen Sie schon etwas über Ihre Nachfolge?
Weibel: In den Prozess bin ich nicht direkt eingebunden, bin aber sehr optimistisch, dass eine sehr gute Nachfolge gefunden wird. Wenn ich gefragt werde, was ich mir vorstelle, kann ich nur antworten: Es gibt viele Wege zum Erfolg. Mein Weg war nur einer davon.

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Erstellt:
31. März 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 29sec

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