„Amateurfußball ist nicht nur heile Welt“

Baden-Baden (moe) – Nach der Publikation seiner Recherchen zum Geldfluss in unteren Fußballligen hofft Journalist Arne Steinberg im BT-Interview auf ein Umdenken bei den Protagonisten.

Hofft auf ein Umdenken bei Spielern und Vereinen: Arne Steinberg. Foto: Ivo Mayr

Hofft auf ein Umdenken bei Spielern und Vereinen: Arne Steinberg. Foto: Ivo Mayr

Arne Steinberg rechnet damit, dass es Kritik an seiner Arbeit geben wird. Wahrscheinlich an der Methode. Vielleicht auch an den bewusst etwas reißerisch formulierten Ergebnissen. Und vor allem am Zeitpunkt. Wie kann man gerade jetzt so ein Thema aufmachen, wenn der Amateurfußball doch ohnehin schon darbt? Fragen wie diese werden ziemlich sicher gestellt werden. Dennoch hat der 31-Jährige zusammen mit seinen Kollegen des Recherchenetzwerks Correctiv und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg versucht, ein Schlaglicht in die dunklen Hinterzimmer des Amateurfußballs zu werfen, in denen die Bezahlung meist stattfindet. Eines der Ziele hat der Journalist im Gespräch mit Moritz Hirn folgendermaßen formuliert: „Ich hoffe, dass viele Vereine und Spieler ein bisschen umdenken“.

BT: Herr Steinberg, 100 Millionen Euro fließen laut ihrer Recherche pro Monat in die Taschen von Amateurkickern. Hat Sie dieser Betrag überrascht oder ist er vielleicht gar nicht so groß, gemessen an etwa drei Millionen aktiven Spielern hierzulande?
Arne Steinberg: Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Ich war schon überrascht von der Dimension. 100 Millionen Euro für einen bestimmten Monat sind schon viel Geld, vor allem wenn man bedenkt, dass der spezifische Monat Oktober 2020 als Referenzgröße ja von der Corona-Pandemie geprägt war. Das heißt: Vielleicht ist es sogar noch mehr. Andererseits hielt sich die Überraschung in Grenzen, weil man eben schon häufig mitbekommen hat, dass dort jede Menge Geld fließt. Allerdings konnte man das nie so genau quantifizieren. Wenn man sich dann anschaut, wie viele Amateurfußballer es in Deutschland gibt, die in den rund 25.000 Vereinen aktiv sind, mögen so viele einzelne Kleinstbeträge gar nicht so sehr viel erscheinen. Aber die Masse macht’s. Und wir reden hier immer noch über Amateurfußball.

BT: Welche Geschichten sind Ihnen bei der Recherche in Erinnerung geblieben?
Steinberg: Ich hatte schon früher davon gehört, dass es nicht immer nur Geld ist, das fließt, sondern auch Sachwerte und Dienstleistungen. Da hatten wir mehrere Beispiele, bei denen es darum ging, dass Spieler auf lokaler Ebene ein Baugrundstück zur Verfügung gestellt bekommen haben – auf welchem Weg auch immer. Aber damit haben sie natürlich erheblich Geld gespart. Zudem wissen die Clubs teilweise sehr genau, was sie ausreizen können – auch auf legalem Weg. Wir haben etwa von Vereinen gehört, in denen die ganze erste Männermannschaft parallel als Jugendtrainer angestellt war und daher von der Übungsleiterpauschale in Höhe von 200 Euro pro Monat profitiert hat. Das Problem: So viele Teams hatte der Verein gar nicht. Die Bandbreite der Geschichten war jedenfalls relativ groß.

Mehr als 250 Telefonate geführt

BT: Das Thema Bezahlung im Amateurfußball ist ja schon lange virulent, die Anekdoten teilweise fast urbane Legenden. Warum haben Sie die Recherche gerade jetzt aufgegriffen?
Steinberg: Ich glaube, es gibt keinen idealen Zeitpunkt dafür. Wir wollten einfach versuchen, das Ganze mal zu quantifizieren. Dabei haben wir uns gedacht, dass es doch nicht sein kann, dass bei diesem Mosaik unterschiedlichster Berichterstattung aus den einzelnen Regionen dieses Landes, die immer mal wieder episodenhaft erscheint, die Zahlen fehlen. Natürlich ist es keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein journalistisches Produkt. Aber wir haben uns wissenschaftlich begleiten lassen und nach bestem Wissen und Gewissen versucht, einen Ausschnitt der Realität zu zeigen. Und die Ergebnisse zeigen, dass Amateurfußball nicht nur heile Welt ist, in der es um Spaß, Kameradschaft und Geselligkeit geht, sondern dass da auch knallharte finanzielle Interessen eine Rolle spielen. Und da wird sich der DFB sicher auch damit auseinandersetzen müssen, weil er häufig über genau diese Themen den Amateurfußball in der Außendarstellung propagiert.

BT: Was sagt der DFB zu Ihrer Recherche?
Steinberg: Auf das Thema angesprochen hieß es meist, es sei Aufgabe der Vereine, das zu regeln. Und diese seien schließlich unabhängig, weshalb dem Verband die Hände gebunden seien. Zudem könne man das gar nicht kontrollieren. Derlei Antworten sind freilich nicht ganz zufriedenstellend für die Vereine und für die Spieler, weil der DFB als Dachverband ja die Spielordnung herausgibt und zusammen mit den Landesverbänden die Wettbewerbe organisiert. Irgendwo muss ja angefangen werden, und wenn es der DFB nicht macht, wer dann?

BT: Das Thema ist durchaus heikel. Wie redselig waren die Fußballer Ihnen gegenüber?
Steinberg: Ein Vorteil der Umfrage war, dass die Möglichkeit bestand, sich anonym zu äußern. Davon haben auch sehr viele Gebrauch gemacht. Wir haben bestimmt mehr als 250 Telefonate geführt und interessante Persönlichkeiten und Anekdoten kennengelernt. Häufig war der Tenor: Es ist jetzt an der Zeit, dass man offener über das Thema spricht. Denn meist finden derartige Gespräche in Hinterzimmern statt, aber jeder weiß eigentlich davon. Ich glaube, es gibt in der Amateurszene genug Leute, die das System satt haben und sich jetzt erhoffen, dass das Thema entsprechende Aufmerksamkeit bekommt und darüber diskutiert wird.

„Der DFB kennt die Praktiken“

BT: Ihre Arbeit könnte demnach ein Impuls sein, ein Umdenken zu bewirken?
Steinberg: Ein Umdenken muss ja zwangsläufig schon alleine aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie stattfinden, denke ich. Wobei es in Zukunft vielleicht auch noch eine größer angelegte Untersuchung braucht. Es ist ja grundsätzlich okay, dass im Amateurfußball auch Geld fließt. Das wollen wir auch gar nicht verdammen. Aber ich glaube, dass es dieses zweigeteilte System – also den Profi- und den Amateurbereich – nicht gibt. Denn wenn wir uns die Zahlen anschauen und in der fünften oder sechsten Liga derart viele Spieler Geld bekommen, spricht das dafür, dass da schon auch Arbeitsverhältnisse bestehen. Obendrein gibt es Bestrebungen innerhalb der Community zu sagen, wir tragen es sichtbar nach außen, dass wir kein Geld zahlen. Diesbezüglich könnte sich vielleicht jetzt etwas tun, wenn sich die Leute vernetzen.

BT: In der TV-Dokumentation kommt ein Sportjurist zu Wort, der prophezeit, dass Ihre Recherche mit Blick auf die Zahlungen als Straftatbestand „ein kleines Erdbeben“ auslösen wird. Mit welchen Folgen rechnen Sie?
Steinberg: Das ist die Gretchenfrage. Ich bin mir nicht sicher, ob wirklich alle der mehr als 500 Finanzämter in Deutschland die Ressourcen haben, um jetzt gemeinnützige Vereine zu überprüfen. Denn natürlich ist es so, dass die Clubs eine wichtige soziale Funktion erfüllen. Zudem wird es nicht nur eine Aufgabe der Finanzämter sein, diese Aufgaben zu lösen. Ich hoffe, dass viele Vereine und Spieler ein bisschen umdenken. Denn ich glaube, dass bei vielen eine große Naivität vorherrscht. Nach dem Motto: Das haben wir schon immer so gemacht mit dem Umschlag, warum auch nicht ..? Wahrscheinlich war man sich der Konsequenzen gar nicht so bewusst, weil es nur ganz selten zu Razzien kommt.

BT: Haben Behörden und auch der DFB bei dem Thema zu lange weggeschaut?
Steinberg: Auf jeden Fall. Der DFB kennt die Praktiken. Zudem gibt es ja auch wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Fußballvereine überproportional viel Geld für Spieler ausgeben. Das hat sich einfach verfestigt. Der DFB hätte da sicherlich früher reagieren können, weil der Verband ja nicht nur die Interessen der ersten Männermannschaften vertritt, wo das Geld häufig landet. Der DFB sollte ja auch Kinder-, Jugend- und Frauenfußball vertreten. Und dort fehlt das Geld. Bei den Behörden habe ich den Eindruck, dass die Meinung vorherrscht, dass der Fußball doch Kulturgut ist und alle nur aus Spaß an der Freude kicken. Das stimmt eben nicht. Und man muss sich dann vielleicht arbeitsrechtlich damit auseinandersetzen. Insgesamt gibt es bei dem Thema noch viel zu beackern.

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Ihr Autor

BT-Redakteur Moritz Hirn

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Erstellt:
19. Januar 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 53sec

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