Amazon hat ein Auge auf Haueneberstein

Baden-Baden (hol) – Der weltgrößte Internet-Versandhandel will ein Verteilzentrum in Haueneberstein bauen. OB Margret Mergen bedauert die Entwicklung.

Der „Gewerbepark Baden“ soll Amazon-Standort werden.  Foto: Rese-Video

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Der „Gewerbepark Baden“ soll Amazon-Standort werden. Foto: Rese-Video

Versandhändler Amazon will im Hauenebersteiner Gewerbegebiet ein Verteilzentrum bauen. Wie die Stadtverwaltung am Donnerstag auf Nachfrage bestätigte, ist die Ansiedlung auf dem ehemaligen Areal des Betonfertigteilerstellers Hertweck in der Braunmattstraße geplant. Mehr als 100 Arbeitsplätze könnten dort entstehen, heißt es. Das Vorhaben ist aber noch nicht in trockenen Tüchern.

Das etwa 40.000 Quadratmeter große Grundstück, das Amazon ins Visier genommen hat, firmiert derzeit als „Gewerbepark Baden“ und gehört Thomas Hertweck. Das Areal erstreckt sich über drei Baugrundstücke, liegt in der Braunmattstraße 12-16 und wird derzeit noch von verschiedensten kleineren Firmen und Logistik-Dienstleistern genutzt, die dort Räume und Flächen angemietet haben. Nach Informationen des BT haben diese Unternehmen bereits eine Kündigung bekommen und sind auf der Suche nach neuen Standorten, weil das Areal künftig komplett von Amazon genutzt werden soll.

In Amazon-Verteilzentren werden Kundenbestellungen für die „letzte Meile“ der Zustellung vorbereitet, wie es auf der Homepage von Amazon heißt. Dort wird die Ware von größeren Lastwagen auf Sprinter und Kleintransporter umgeladen, um die Pakete dann in der Fläche verteilen zu können. Amazon übernehme diese Verteilung zu den Privathaushalten deutschlandweit immer öfter, berichten Branchen-Insider. Der Konzern mache damit der Post-Tochter DHL Konkurrenz, mit der Amazon seit Jahren zusammenarbeite, heißt es. Deshalb baue das Unternehmen immer mehr Verteilzentren in der Fläche.

Stadt will Vorkaufsrecht nicht ausüben

„Haueneberstein ist ein guter Standort für ein solches Vorhaben“, sagt Stadt-Pressesprecher Roland Seiter und verweist auf die optimale Verkehrsanbindung mit der in direkter Nähe liegenden A5 und der B3 neu. Zwar gibt es hinter vorgehaltener Hand auch Kritik an der geplanten Ansiedlung, weil der Amazon-Konzern in Deutschland wenig Steuern zahlt und der stationäre Einzelhandel in den Innenstädten unter dem Online-Angebot von Amazon leidet. Die Stadt könne in diesem Fall aber wenig Einfluss nehmen, erklärt Seiter. Schließlich handele es sich bei dem „Gewerbepark Baden“ um ein Privatgelände, und die Ansiedlung eines Logistikers sei dort rechtlich kein Problem. Zudem sei zu erwarten, dass in dem Verteilzentrum viele Arbeitsplätze entstehen.

Mehr als 100 Mitarbeiter könnte Amazon künftig in Haueneberstein beschäftigen.  Foto: Sebastian Kahnert/dpa

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Mehr als 100 Mitarbeiter könnte Amazon künftig in Haueneberstein beschäftigen. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Nach Informationen des BT könnte die Stadtverwaltung allerdings für eine ungefähr 3.000 Quadratmeter große Fläche auf dem Areal ihr Vorkaufsrecht ausüben und damit zumindest den geplanten Verkauf der gesamten Fläche an Amazon verhindern. Allerdings ist vorgesehen, wie das BT aus sicherer Quelle erfahren hat, auf dieses Vorkaufsrecht zu verzichten – nicht zuletzt, weil es sich bei der Teilfläche um ein völlig unerschlossenes Grundstück am Rande eines Feldwegs handelt, mit dem im jetzigen Zustand kaum etwas anzufangen wäre.

Oberbürgermeisterin Margret Mergen findet es aber „bedauerlich, wenn ortsansässige Unternehmer ihre Gewerbeflächen meistbietend am Markt anbieten“. Im Gespräch mit dem BT verhehlt sie nicht, dass ihr eine andere Nutzung des Areals lieber gewesen wäre. „Noch ist das Geschäft aber nicht in trockenen Tüchern“, sagt sie. Ob die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen wird, werde der Hauptausschuss des Gemeinderats entscheiden.

Kommt jetzt der Ausbau der Braunmattstraße?

Bewegung könnte die geplante Amazon-Ansiedlung jedoch in ein Thema bringen, das seit Jahren immer wieder den Ortschaftsrat beschäftigt: die Sanierung der Braunmattstraße. Diese Straße zweigt kurz vor der Bahn-Unterführung von der Bertha-Benz-Straße in Richtung Norden ab. Sie ist seit Jahren nicht ordentlich asphaltiert, hat keine Gehwege oder befestigte Seitenstreifen und befindet sich in einem schlechten Zustand. Nicht zuletzt wegen des Lkw-Verkehrs der dortigen Unternehmen gibt es nicht selten Schlaglöcher und größere Schäden. Die Kommunalpolitiker der Eberbachgemeinde hatten in den zurückliegenden Jahren immer wieder von der Stadt gefordert, dass die Straße in Ordnung gebracht und ein Bebauungsplan für das Areal aufgestellt wird – jedoch vergebens. Das Projekt wurde stets auf die lange Bank geschoben – nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil in einer Betonröhre im Untergrund der Straße der Eberbach fließt, wodurch eine Sanierung der Straße teuer werden könnte. Durch das Amazon-Verteilzentrum wird sich die Belastung der maroden Fahrbahn aber sicher erhöhen.

Amazon selbst reagierte am Donnerstag übrigens nicht auf eine Anfrage des BT. Auch Grundstücksbesitzer Thomas Hertweck ließ mehrere Bitten um einen Rückruf unbeantwortet.

BT-Redakteur Harald Holzmann kommentiert:

Keine Beifallsstürme

In einer Zeit, in der die Struktur der Innenstädte durch den Corona-Lockdown infrage gestellt wird und auch die Händler in der Kurstadt ächzen und stöhnen, ist die Ansiedlung eines Amazon-Verteilzentrums im Hauenebersteiner Gewerbegebiet nicht einfach eine Randnotiz. Das weltweit tätige Internet-Handelsunternehmen schreibt schließlich dank der Pandemie Rekord-Umsätze – auf dem Rücken des darbenden lokalen Einzelhandels. Zu alledem werden die Gewinne des Giganten bekanntlich, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt in Deutschland versteuert. Zwar könnte es eine dreistellige Zahl von Arbeitsplätzen geben bei Amazon in Haueneberstein – doch die Qualität dieser Jobs ist, wie Gewerkschaften immer wieder betonen, zumindest fragwürdig. Kein Wunder also, dass das Ansiedlungsvorhaben keine Beifallsstürme auslöst – weder im Rathaus, noch in Haueneberstein selber. Kein Wunder auch, dass weder Amazon, noch der verkaufswillige Besitzer des Areals öffentlich Stellung beziehen wollen. Doch der Stadt sind die Hände gebunden. Das Projekt wird nicht zu verhindern sein, selbst wenn die Verwaltung zu einem vermutlich hohen Preis vom Vorkaufsrecht Gebrauch macht. Und selbst wenn Amazon den Rückzieher macht: Die Baden-Badener Innenstadt hat deshalb nicht weniger Probleme. Es ist nämlich zu kurz gedacht, den Internet-Giganten dafür verantwortlich zu machen, dass die Geschäfte in den Fußgängerzonen sterben. Nein, verantwortlich sind wir Verbraucher. Denn mit jedem Klick bei Amazon und Co. treffen wir eine bewusste Entscheidung: für den bequemen Einkauf von der heimischen Couch aus, aber auch für ein Sterben der Handelsvielfalt in der Innenstadt. Das muss uns klar sein. Ganz egal, ob Amazon nach Haueneberstein kommt oder nicht.

Ihr Autor

BT-Redakteur Harald Holzmann

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Erstellt:
4. Februar 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 54sec

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